Landgraaf: Skifahren im Sommer: „Stilblüten unserer Freizeitgesellschaft“

Landgraaf : Skifahren im Sommer: „Stilblüten unserer Freizeitgesellschaft“

Mit schweren Stiefeln, dicker Jacke und Mütze stapfen sie die Treppe hoch, greifen zu Ski- oder Snowboard und setzen sich in den Lift. Eben noch trugen sie Shorts oder Sommerkleidchen, auf einigen Schultern ist ein leichter Sonnenbrand zu sehen.

Während sich die meisten Menschen bei den heißen Temperaturen im Freibad oder am See tummeln, freuen sich eine Handvoll Besucher über fast leere Pisten in der „Snowworld“ in Landgraaf — der größten Skihalle Europas, mit zwei Pisten à 550 Metern Länge, einem Anfängerhügel und einem sogenannten Funpark.

Linda Hannen und Frank Maas.

Die Anzeigetafel an der Spitze der alpin anmutenden Holzhütte am Fuß des Lifts zeigt minus drei Grad. Draußen sind es fast 30. „Vor zwei Wochen hatten wir einen Temperaturunterschied von außen zu innen von über 40 Grad“, sagt Thiemo Limpens, Manager der Skihalle.

Hurra, Neuschnee!

Aber das Wetter außerhalb der gigantischen Eistruhe spielt hier kaum eine Rolle, die Skihalle ist immer offen. „365 Tage im Jahr!“, sagt Max Persoon und lächelt sein verbindliches Skilehrerlächeln. Der 21-Jährige Student aus Brunssum arbeitet seit drei Jahren in der Skihalle. „Für mich ist es nicht komisch, im Sommer hier zu sein. Ich bin daran gewöhnt“, sagt Persoon, die Skihütte mit Après-Ski im Rücken. Der Student unterrichtet Gruppen und gibt Einzelunterricht, selbst jetzt im Hochsommer. „Klar“, sagt er, „im Winter kommen viel mehr Gäste, aber selbst jetzt gibt es Kurse. Heute Morgen noch habe ich eine Privatstunde gegeben.“

An diesem Morgen sind schätzungsweise 40 Gäste auf den Pisten, darunter einige Profisportler wie zum Beispiel Thomas Schretzmayer. Mit zwei Freunden ist der Oberösterreicher eine Woche lang in Landgraaf, denn er tritt im Winter beim Masterworldcup an und will hier seine Technik verbessern: „Die Verhältnisse sind sensationell. Im Sommer können wir sonst nirgends üben, weil die Bedingungen auf den Gletschern nicht so gut sind.“ Gleichzeitig gibt er zu: „Der große Temperaturunterschied ist für den Organismus eine enorme Belastung.“

Genau wie Schretzmayer kommen viele Sportler aus ganz Europa in der warmen Jahreszeit nach Landgraaf, sagt Skilehrer Max Persoon. Und tatsächlich trifft kurz darauf eine ganze Gruppe irischer Skifahrer ein, während drei Jugendliche einer Sportschule aus Belgien ihre Snowboards im Van verstauen.

Aber auch ganz normale Hobbyskifahrer vergnügen sich an diesem heißen Sommertag im knapp 35.000 Quadratmeter großen Winterparadies. Persoon wundert sich darüber nicht: „Im Sommer kann man hier viel besser fahren. Denn im Winter sind einfach mehr Menschen auf der Piste.“ Einer dieser Sommer-Fahrer ist Raymund von Wettern, der mit seinem Sohn aus Brunssum angereist ist. Ob er ein schlechtes Gewissen hat, im Sommer in einer Halle zu fahren, die so viel Energie benötigt? „Nein, ich bin sonst immer mit dem Rad unterwegs. Ich habe kein Auto“, sagt der Vater. Ein klein wenig reumütig fühle sich Danny van Bommeln schon. Die Wangen des jungen Mannes sind gerötet. Ob vor Kälte oder Scham, ist aber nicht klar: „Wir müssen die Umwelt schützen. Da hat man schon ein schlechtes Gewissen, wenn wir hier zu zehnt fahren und dafür so viel Energie gebraucht wird. Aber es macht auch Spaß.“ Und selbst ohne ihn würde die Halle schließlich betrieben, fügt er entschuldigend hinzu.

Wie hoch der Energieverbrauch tatsächlich ist, wollte das Unternehmen nicht verraten. Fakt ist aber, dass der energetische Aufwand, das Skifahren im Sommer zu ermöglichen, erheblich höher ist als im Winter — fast 20 Prozent schätzt Dennie Hensgens, technischer Leiter der Skihalle.

Er erklärt, wie man ein solches Gebäude betreibt: Dafür gibt es in der Skihalle zwei separate Kühlsysteme, die mit einer Mischung aus Ammoniak und CO2 betrieben werden. Die entstehende Kälte wird zum einen durch Rohre in den Boden geleitet und zum anderen durch einige Luftkühler in die Halle gepustet. Frischer Schnee kommt aus mobilen Anlagen. Drei bis vier Mal pro Woche gibt es im Sommer Neuschnee, im Winter fast jeden Tag.

Damit die Kälte nicht entweicht, ist die Halle mit dicken Isolationsplatten ummantelt, wie sie in Kühlhäusern verwendet werden. Fast einen halben Meter dick sei die Schicht, sagt Dennie Hensgens. Zusätzlich ist die Außenfassade mit heller Folie überzogen, die die Sonnenstrahlen reflektieren soll.

Kritik an dem hohen Energieverbrauch in der Skihalle sei ihm nicht bekannt, sagt Hensgens. Dennoch versuchten die Betreiber, Energie einzusparen, sagt er. „Wir verbrauchen jedes Jahr weniger.“ Eine der Maßnahmen: Abwärme nutzen. Denn bei voller Leistung produzieren die Kühlsystem Hitze. Die wiederum wird in den angrenzenden Gebäudekomplex geleitet. Das Hotel werde komplett von der Skihalle beheizt.

„Das ist ein guter Ansatz, aber zu wenig“, sagt der Oliver Krischer aus Düren, der für die Grünen im Bundestag sitzt. Im Sommer habe das Hotel kaum den Bedarf für die entstehende Abwärme. Er argumentiert genau andersherum: Warum könne eine solche Skihalle nicht dort gebaut werden, wo sie von produzierter Abwärme einer anderen Anlage profitiert und die nutzt, um die Pisten zu kühlen? Er denkt dabei an Kraftwerke wie Weisweiler. „Technisch gesehen ist das überhaupt kein Problem.“

Kein moralischer Zeigefinger

Gleichzeitig ist er realistisch: „Den Besuchern einer Skihalle geht es wahrscheinlich um ganz andere Aspekte als Energiesparen.“ Er wundert sich aber, dass gerade die Leute, die offenbar Wintersport mögen, im Sommer eine Freizeitaktivität ausüben, die in der letzten Konsequenz zur Erderwärmung beiträgt und damit die Gletscher schmelzen lässt.

Zu dem weitaus höheren Energieverbrauch im Sommer sagt er nur trocken: „Es scheint, als seien die Energiepreise noch immer nicht hoch genug.“ Krischer will nicht den moralischen Zeigefinger heben, aber man müsse sich im Klaren darüber sein, dass bei über „30 Grad Außentemperatur Skifahren nicht unbedingt eine Ökoveranstaltung ist. Unsere Freizeitgesellschaft treibt schon seltsame Stilblüten“.

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