Hungern für die Hochschule: Sinnlose Qualversuche mit Ratten an der RWTH?

Hungern für die Hochschule : Sinnlose Qualversuche mit Ratten an der RWTH?

Tierschützer werfen der RWTH Aachen unsinnige und quälende Versuche an Ratten vor. Dort erforschen Wissenschaftler die Magersucht bei Teenagern. Die Hochschule widerspricht den Vorwürfen – energisch.

Die Forscher der Hochschule sollen seit geraumer Zeit junge Ratten für „wissenschaftlich unsinnige Experimente“ quälen und töten. Das behauptet jedenfalls der in Köln ansässige bundesweite Verein „Ärzte gegen Tierversuche“. Er fordert einen sofortigen Stopp des „ethisch verwerflichen“ Treibens. Die RWTH weist die Anschuldigungen „in scharfer Form“ zurück.

Im Zentrum der Kritik steht die Abteilung Neuroanatomie und die Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kinder- und Jugendalters an der Aachener Uniklinik. „Dort werden mit jungen, weiblichen Ratten Hungerversuche durchgeführt“, sagt Tamara Zietek, Sprecherin der Tierversuchsgegner. Ihr zufolge erhalten die Nager über Wochen nur einen Bruchteil der üblichen Futterrationen. „Wenn sie schließlich getötet werden, wiegen die ausgemergelten Tiere nur noch halb so viel wie ihre normal gefütterten Artgenossen“, sagt Zietek. Sie spricht von „entsetzlichen Grausamkeiten“, die den Ratten völlig unnötig angetan würden.

Magersucht soll erforscht werden

Laut Zietek sind die Versuche an den Tieren seit 2016 in Fachzeitschriften publiziert worden. „Sie sollen vorgeblich dazu dienen, die Magersucht weiblicher Teenager zu erforschen“, sagt die promovierte Biochemikerin. Die Aachener Wissenschaftler wollten mit den Versuchen zeigen, dass bei Magersuchtpatientinnen das Gehirn schrumpft, sie eine verminderte Gedächtnisleistung haben und dass bei ihnen eine Abnahme des weiblichen Sexualhormons Östrogen zu beobachten ist. „Doch alle diese Phänomene sind längst bekannt“, sagt Zietek. Deshalb brauche es keine weiteren Experimente mit Ratten.

Die Wissenschaftlerin, die an der TU München acht Jahre lang als Forschungsleiterin Alternativen zu Tierversuchen entwickelt hat, kritisiert auch den Versuchsaufbau ihrer Kollegen von der RWTH. Er sei fern jeder Realität. „Die Störungen im Essverhalten von Magersüchtigen sind vielfältiger und individueller Natur, so dass es überhaupt keinen sinnvollen Versuchsaufbau gibt, der repräsentativ für diese Erkrankung wäre“, betont die 39-Jährige.

Statt Magnetresonanzaufnahmen vom Gehirn der ausgehungerten Ratten zu machen, sei es sinnvoller, jugendliche Patienten mit bildgebenden Verfahren zu untersuchen. „Dies würde tatsächlich zu relevanten Aussagen führen“, glaubt Zietek. Außerdem gebe es die Möglichkeit, an menschlichen Zellkulturen in der Petrischale die Ursachen und Auswirkungen von Magersucht zu erforschen. US-Wissenschaftlern sei dies inzwischen gelungen.

Genau dies sieht die RWTH jedoch anders. „Wir machen hier nicht aus Spaß Tierversuche“, sagt Matthias Brandstädter, Sprecher der Uniklinik. Er betont: „Zellkulturmodelle sind aktuell noch keine komplette Alternative zu Tierversuchen.“ Sie könnten im vorliegenden Fall weiterhin nicht dabei helfen, komplexe Vorgänge wie Veränderungen an der Gehirnstruktur oder Verhaltensänderungen bei Magersüchtigen aufzuklären.

Magnetresonanzmessungen an jungen Patientinnen seien zwar vorgenommen worden. Aber auch allein mit ihnen ließe sich der Mechanismus bei Hirnänderungen nicht erforschen. „Dazu sind Tierversuche notwendig“, betont Brandstädter. Er verweist darauf, dass Aachen zu den führenden deutschen Forschungsstandorten in Sachen Magersucht gehöre. Das  angewandte „Activity Based Anorexia Tiermodell“ sei das am weitesten verbreitete Tiermodell bei der Erforschung der Krankheit. Insgesamt wurden laut Brandstädter für die inzwischen abgeschlossenen Versuchsreihen 166 Ratten benutzt.

Von Ethik-Kommission abgesegnet

Während Zietek von einer „generell sehr hohen Fehlerquote bei Tierversuchen“ spricht und das Aushungern der Ratten in Aachen als „klassisches Beispiel für die Absurdität dieser Experimente“ einstuft, geht die Hochschule davon aus, dass es eine hohe Vergleichbarkeit zwischen Tier und Patient gibt. Durch die Forschungen an der RTWH könnten deshalb wirksamere Therapien gegen die Magersucht entwickelt werden, mit der etwa 0,5 Prozent aller Mädchen und jungen Frauen in Deutschland zu kämpfen hätten. Sie sei damit die dritthäufigste chronische Erkrankung im Jugendalter.

Brandstädter verweist zudem darauf, dass die kritisierten Versuche von der Ethik-Kommission der RWTH und vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbrauchschutz in NRW abgesegnet  wurden. „Die Hürden für eine Genehmigung sind inzwischen sehr hoch“, betont der Uni-Sprecher. „Es gibt sie nur dann, wenn Tierversuche wissenschaftlich unerlässlich sind.“

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