Aachen: Sieben Jahre sind vorbei: Aachener Heiligtümer wieder zu sehen

Aachen: Sieben Jahre sind vorbei: Aachener Heiligtümer wieder zu sehen

Um 18.45 Uhr beginnen die Glocken aller Aachener Innenstadtkirchen zu läuten. Eine beachtliche Klangkulisse für ein besonderes Ereignis. Es ist der Eröffnungstag der Heiligtumsfahrt. Der Tag, an dem seit Jahrhunderten Tausende Menschen nach Aachen kommen, um an der feierlichen Zeigung und Verehrung der Tuchreliquien teilzunehmen.

Ein Ereignis, das sich seit 1349 nur alle sieben Jahre wiederholt. Das Motto in diesem Jahr: „Glaube in Bewegung“. In Bewegung sind Freitagabend für den Vespergottesdienst zur sogenannten Erhebungsfeier der Heiligtümer zunächst vor allem die Weihrauch-, Kreuz- und Kerzenträger, viele weitere Ministranten, der Aachener Oberbürgermeister Marcel Philipp, das Domkapitel, die Gastbischöfe und Bischof Heinrich Mussinghoff. Umweht von Weihrauchschwaden zieht diese Prozession in Weiß, Rot, Purpur und Schwarz um Punkt 19 Uhr durch das Hauptportal in den Dom ein. Die Besucher sitzen da schon seit einer Stunde auf ihren Plätzen. Manche hatten über zwei Stunden vor dem Dom gewartet. Glück hat, wer einen freien Blick auf den Marienschrein hat. Denn er erlebt mit eigenen Augen und Ohren ein uraltes Ritual. Der Dompropst bittet den Bischof mit feierlicher Stimme „um die Erlaubnis, den Marienschrein öffnen und die Heiligtümer erheben zu dürfen“. Der entspricht dieser Bitte erwartungsgemäß und sagt: „Ich beauftrage Sie, alles dem Herkommen gemäß zu vollziehen.“

Die Marienfigur des Schreins wird abgenommen, dann wird‘s handfest: Stephan Bücken, Schmied des Schlosses von 2007, schlägt 31 Mal auf den Bügel des Schlosses. Dann ist seine eigene Arbeit zerstört — und der Schrein offen. Die Glocken des Doms künden mit voller Kraft vom gelungenen Ereignis.

Die vier Pakete aus dem Schrein, eingepackt in weißes, gelbes, rosafarbenes und rotes Seidenpapier, werden in die Sakristei getragen. Jedes Paket enthält eine Reliquie, die als das Kleid Mariens, die Windel Jesu, das Enthauptungstuch Johannes des Täufers und das Lendentuch Jesu verehrt werden. In der Sakristei kommen die 2000 Jahre alten Stoffe nach sieben Jahren zum ersten Mal wieder aus ihrer Seidenhülle an die Luft. Den Geruch — sagen diejenigen, die schon einmal dabei waren — solle man sich gar nicht erst vorstellen. Es stinke erbärmlich.

Die Menschen im Dom ahnen davon nichts. Sie hören, wie Bischof Mussinghoff davon spricht, dass die Echtheit der Reliquien keine Rolle spiele: „Die biblischen Tuchreliquien wollen uns Erinnerungsstücke und Wegzeichen sein. Über die historische Echtheit wird man auch in 100 Jahren noch streiten können.“ Wichtig sei die Botschaft der „alten Tücher, ohne die wir gut leben könnten“. Die Begegnung damit könne aber zu einer geistlichen Erfahrung werden, die uns tief emotional berühre.

Mit dem Lendentuch erteilt Mussinghoff der Gemeinde den Segen. Ein uralter Messablauf — feierlich, würdevoll und auf beeindruckende Weise unerschütterlich in diesen unruhigen Zeiten — geht zu Ende. Die Glocken läuten. Die Heiligtumsfahrt hat begonnen.

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