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Düsseldorf/Aachen: Sie ist die erste Anlaufstelle für Opfer von Verbrechen

Düsseldorf/Aachen : Sie ist die erste Anlaufstelle für Opfer von Verbrechen

Elisabeth Auchter-Mainz (66) hat die explodierende Nachfrage überrascht: „Obwohl es unsere Opferschutz-Einrichtung erst seit zwei Monaten gibt, haben uns schon über 100 Opfer von möglichen Straf- und Gewalttaten um Hilfe gebeten“, sagte die neue Opferschutzbeauftragte des Landes im Gespräch mit unserer Redaktion.

Mit der Einrichtung geht NRW einen neuen Weg: Im Dezember war es das erste Bundesland nach Berlin, das Gewaltopfern die Hilfe einer eine staatlichen Opferbeauftragten anbietet. Die Idee kam von Justizminister Peter Biesenbach (CDU), dem es ein Ärgernis war, dass der Staat viel für die Resozialisierung von Straftätern tut, deren Opfer aber oft vernachlässigt.

Seine Wahl fiel nicht von Ungefähr auf die gebürtige Aachenerin, die fast ihr gesamtes Berufsleben als Staatsanwältin gearbeitet hat. Sie kennt sich mit Opfern aus. „Es kommt vor, dass mich Opfer-Schicksale auch persönlich belasten“, sagt Auchter-Mainz. Ihre berufliche Vergangenheit helfe ihr aber meistens, bei aller Empathie für die Opfer trotzdem eine professionelle Distanz zu wahren.

Auchter-Mainz kam nach dem Jurastudium und ersten beruflichen Stationen in Baden-Württemberg 1982 zur Staatsanwaltschaft in ihrer Heimatstadt Aachen. 1997 wurde sie zur Oberstaatsanwältin befördert. Zwischen 2000 und 2004 arbeitete sie im NRW-Justizministerium.

2004 ging sie zur Kölner Generalstaatsanwaltschaft, wo sie ab 2006 stellvertretende Generalstaatsanwältin war. 2009 wechselte sie als Behördenleiterin und Leitende Oberstaatsanwältin zurück nach Aachen. Zwischen 2013 und ihrer Pensionierung am 31. Dezember 2016 war sie Generalstaatsanwältin in Köln.

Auf die Frage, welcher Fall sie in ihrer bisherigen Laufbahn am meisten bewegt habe, muss Auchter-Mainz nicht lange nachdenken. Er liegt Jahrzehnte zurück: „Es ging um eine vielleicht 17-jährige junge Frau, die ich als Zeugin vernahm, und die lange massiven sexuellen Übergriffen ihres Stiefvaters ausgesetzt war“, erinnert sich Auchter-Mainz.

Während der Gerichtsverhandlung habe sich die leibliche Mutter gegen das Opfer und hinter den Stiefvater gestellt. „Die Mutter machte Stimmung gegen ihre eigene Tochter“, schildert Auchter-Mainz. Am Ende des Verfahrens habe der Richter die junge Frau gefragt, ob sie sich jemals wieder einen Kontakt zu ihrem Peiniger vorstellen könne. Sie sagte ja, aber ihre leibliche Mutter wollte sie nie wiedersehen.

Auchter-Mainz hat bei dieser Begebenheit viel über die Verwerfungen gelernt, die Opfer auch über die eigentliche Straftat hinaus heimsuchen können. Heute weiß die Juristin, die mit einem Psychologen verheiratet ist: „Viele Opfer kommen nie zur Ruhe. Für die Täter ist die Tat irgendwann verbüßt oder verjährt. Für die Opfer nie.“

Etwa ein Drittel der Ratsuchenden in ihrer neuen Beratungsstelle sind Männer. „Es ist für Männer eine zusätzliche Hürde, sich an eine Frauenberatungsstelle zu wenden“, vermutet Auchter-Mainz. Für Männer sieht sie einen Beratungsengpass, den ihre geschlechtsneutrale Opferberatung in Köln auffängt: „Schließlich gibt es auch häusliche Gewalt gegen Männer— einen solchen Fall hatten wir im Dezember.“

Den Opfern bietet Auchter-Mainz eine erste juristische Einschätzung an. Sie sieht sich als Lotse beim Vermitteln passgenauer Therapie- und Beratungsangebote und hilft in Akut-Lagen auch bei logistischen Problemen. Wie bei jenem Opfer, das kurz vor Weihnachten nach einem Überfall ohne Ausweise, Geld und Wohnungsschlüssel dastand. Ihr Rat: „Es ist wichtig, dass die Opfer sich nicht isolieren. Opfer sollten sich Hilfe suchen und über das Erlebte reden.“

Die Hotline der Beratungsstelle ist unter 0221/39909964 oder per Mail an poststelle@opferschutzbeauftragte.nrw.de zu erreichen.