Heinsberg: Sexstraftäter Karl D.: Eskalation nicht länger ausgeschlossen

Heinsberg: Sexstraftäter Karl D.: Eskalation nicht länger ausgeschlossen

Am Mittwoch sind Karl und Helmut D. mit dem Motorrad durch Belgien nach Luxemburg gefahren. Als sie abends nach Heinsberg-Randerath zurückkehrten, soll Helmut D. nach Informationen dieser Zeitung das Zelt beschädigt haben, in dem sich täglich Demonstranten treffen, um gegen die Haftentlassung von Karl D. zu protestieren.

Ebenso soll Helmut, Karls Bruder, nicht zum ersten Mal einige der Transparente, die schon seit Wochen einige Meter vor der Wohnung der D.s aufgestellt sind, beschädigt haben. „Sperrt ihn weg, er ist der letzte Dreck”, steht auf einem dieser Transparente.

In seinen ersten Wochen in Randerath kooperierte der aus der Haft entlassene Sexualstraftäter Karl D. (57) mit der Polizei und meldete an, wenn er das Haus verlassen wollte. Mittlerweile ist das anders: Karl D. und sein Bruder Helmut sind dazu übergegangen, die Observierungsmöglichkeiten der Polizei auf die Probe zu stellen. Landrat Stephan Pusch (CDU) spricht von „bewussten Provokationen”, teilweise „mit James-Bond-Methoden”.

Nur eine Notlösung

Seit sechs Wochen lebt Karl D. bei der Familie seines Bruders Helmut in Randerath, bei dessen Frau und ihrem achtjährigen Sohn. Seit sechs Wochen wird Karl D. von der Heinsberger Polizei rund um die Uhr überwacht. Weil er 1982 und 1994 insgesamt drei Mädchen vergewaltigte und quälte, verbrachte der frühere Gabelstaplerfahrer Karl D. insgesamt 17 Jahre und acht Monate im Gefängnis. Eine Therapie hat er stets abgelehnt, seine Taten nie gestanden.

Bevor er am 27. Februar aus der Haft entlassen wurde, attestierten Gutachter ihm erneut Gemeingefährlichkeit. Seine Rückfallprognose ist ungünstig, wie Psychiater sagen. Trotzdem hat das Landgericht München keine Sicherungsverwahrung anordnet. Karl D. ist ein freier Mann.

Thomas Brauckmann ist einer der 30, 40 Menschen, die Abend für Abend vor der Wohnung der D.s in Randerath demonstrieren. Dafür, dass Karl D. (57), Ende Februar aus der Haft entlassener Sexualstraftäter, wieder ins Gefängnis kommt. Oder in eine geschlossene Anstalt. Oder sonstwohin. Brauckmann sagt: „Wir wollen nicht länger die Leidtragenden dieser Situation sein.” Andere Demonstranten formulieren es drastischer.

Es sind nicht überwiegend Randerather, die an diesen Demonstrationen teilnehmen, auch Thomas Brauckmann, Tankstellenpächter von Beruf, wohnt nicht dort, sondern in Geilenkirchen. Das Versammlungszelt in Randerath gehört ihm, aus dem Kreise der Demonstranten heißt es, in diesem Zelt verkaufe er unter anderem Getränke.

Hört man sich in Randerath um, entsteht der Eindruck, dass der Großteil der 1420 hier lebenden Mensch sich keineswegs mit diesen Demonstrationen identifiziert. Auch Hayrettin Dirimese wünscht sich das Ende der täglichen Versammlungen herbei, er sagt, der Umsatz seines Schnellrestaurants an der Hauptstraße sei um 20, 25 Prozent eingebrochen, seit die Demonstrationen begonnen hätten. Und seit Brauckmann ihm durch den kleinen Handel im Zelt, in dem es auch Brötchen und Kaffee gibt, Konkurrenz macht.

In Randerath ist im Laufe der Wochen eine Situation entstanden, die die Gefahr birgt, schnell eskalieren zu können. Die Bürger sorgen sich um ihre Sicherheit, weil die Brüder D. mit dem Motorrad schneller sind als die Polizei mit Autos. Weil die Brüder D. die Polizei ganz bewusst im Unklaren darüber lassen, wer in den Transporter von Helmut D. einsteigt und wer nicht.

Vor einigen Tagen kam Karl D. abends allein zurück in die Wohnung seines Bruders. Die Polizisten hatten nicht gesehen, dass er das Haus verlassen hatte. Und schließlich, weil Menschen, die Kontakt zu Helmut D. haben, ihn als „cholerisch” bezeichnen. Kürzlich hat er einen der Demonstranten mit einem Schraubenschlüssel bedroht. Viele der Beteiligten stehen unter enormer Anspannung.

Das Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei, die täglichen Provokationen der Demonstranten, Reporter einer Boulevardzeitung, die sich öffentlich damit brüsten, zwischen der Polizei, den D.s und den Demonstranten zu vermitteln und sich in die Observation einschalten, haben in Randerath eine unübersichtliche Gemengelage entstehen lassen, die die Möglichkeiten der Kreispolizeibehörde Heinsberg offenbar beginnt zu übersteigen.

„Ich gebe zu: Die Situation können wir mit polizeilichen Mitteln nicht zu 100 Prozent regeln”, sagt Landrat Pusch, qua Amt auch Leiter der Polizeibehörde, gegenüber dieser Zeitung. Die Observation Karl D.s müsse ohne „Jagdszenen” auskommen, eine Gefährdung Dritter müsse „unter allen Umständen ausgeschlossen werden”. Und: Sie müsse in vertretbarem Rahmen bleiben. Pusch sagt: „Ich habe immer darauf hingewiesen, dass dieser Zustand nur eine Notlösung ist.”

Was bedeutet: Einen 100-prozentigen Schutz der Bevölkerung kann selbst die Polizei nicht gewährleisten. Nicht mehr unter diesen Umständen.


Ob Karl D. in Sicherungsverwahrung kommt oder nicht, entscheidet zunächst einmal das Oberlandesgericht München (OLG).

Die Staatsanwaltschaft München hat Beschwerde gegen das Urteil des Landgerichts München II eingelgt, in dem die nachträgliche Anordnung der Sicherungsverwahrung für Karl D. abgelehnt wurde. Über die Beschwerde entscheidet das OLG.

Das Landgericht hat noch bis nächsten Freitag Zeit, sein Urteil vom 27. Februar zu verschriftlichen. Erst dann geht es zum OLG.

Dessen Sprecherin, Margarete Nötzel, geht nicht davon aus, dass es zu einer schnellen Entscheidung kommt, wie es zunächst geheißen hatte.

„Ich vermute, dass das OLG beiden Seiten Gelegenheit geben wird, sich zu äußern”, sagte Nötzel am Donnerstag auf Anfrage unserer Zeitung.

Experten prognostizieren, dass auch das OLG keine Sicherungsverwahrung anordnen wird, weil im Fall Karl D.s die gesetzlichen Voraussetzungen für eine solche Anordnung fehlen.

Daher hätte auch eine Revision beim Bundesgerichtshof, dem letzten Rechtsmittel, wenig Aussicht auf Erfolg.