Scientists for Future: Professor der Universität Lüttich beteiligt

Scientist for Future in der Region : Schwieriger Weg zum freiwilligen Verzicht

Gegen den Klimawandel sind drastische Maßnahmen nötig. Ein Professor der Universität Lüttich glaubt, dass sich Menschen etwa von weniger Fleischverzehr überzeugen lassen. Er hat sich der Regionalgruppe der „Scientists for Future (S4F) angeschlossen.

Weniger wäre mehr – mehr Vorteile fürs Klima und häufig auch für die eigene Gesundheit. Zwar ist der Fleischverzehr der Deutschen in den letzten Jahren ganz leicht zurückgegangen; er liegt aber immer noch bei durchschnittlich rund 60 Kilo pro Kopf. In den sogenannten Schwellenländern nimmt der Fleischkonsum stark zu, wenn er auch bei weitem nicht die hiesigen Werte erreicht. Laut UNO hat sich die weltweite Fleischproduktion von 84 Millionen Tonnen im Jahr 1965 auf rund 330 Millionen Tonnen im Jahr 2017 erhöht.

Was das mit dem Eisberg zu tun hat? Die Massentierhaltung setzt Gase frei, die fürs Klima schädlicher sind als das berühmt-berüchtigte CO2. Laut Bundesumweltministerium verursacht die Produktion von einem Kilo Rindfleisch 13,3 Kilo Treibhausgase; beim Schweinefleisch sind es 3,3 Kilo. Experten sind sich einig: Weniger Fleischverzehr würde der Gesundheit und dem Klima zugute kommen. Die Zahl der Vegetarier und Veganer steigt – gerade unter jungen Menschen.

Ein paar politische Maßnahmen, die möglichst niemandem weh tun, werden nicht reichen, den Klimawandel in den Griff zu bekommen. Der Lebensstil der Konsum- und Reisegesellschaft, der Verpackungs- und Wegwerfgesellschaft ist längst nicht mehr zukunftstauglich. „Wir müssen vermitteln, welche Konsequenzen welches Verhalten hat“, sagt Andreas Pfennig. Demokratie brauche Überzeugungsarbeit. Der Professor für Verfahrenstechnik an der Universität Lüttich hat sich der Regionalgruppe der „Scientists for Future“ (S4F) angeschlossen.

Die S4F-Wissenschaftler, die die Schülerbewegung „Fridays for Future“ unterstützen, fordern, Ernährungs-, Mobilitäts- und Konsummuster zu ändern. Wie realistisch ist das? „Es hängt davon ab, ob man den Menschen die Zusammenhänge begreiflich machen kann. Deshalb ist ‚Fridays for Future’ gut, weil sie Menschen mobilisieren und Wissen vermitteln“, sagt Pfennig im Gespräch mit unserer Zeitung.

Der Weltklimarat

Der 59-Jährige hält die Zusammenhänge nicht für kompliziert: „Je mehr CO2 ich ausstoße, umso höher ist die Temperatur. Je mehr auf tierischer Basis produziert wird, desto mehr CO2 emittiere ich. Die Zusammenhänge sind zwingend. Wenn wir uns weiterhin so stark tierbasiert ernähren, werden in den ärmeren Ländern mehr Menschen hungern, und die Armut wird dort steigen. Wir dürfen uns dann nicht wundern, wenn sich Menschen dort aufmachen und nach Europa kommen.“ Dass heute mehr als jeder zehnte Mensch unter Hunger leidet, führt Pfennig auf falsche Ernährungsgewohnheiten zurück. „Weltweit werden 80 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche – Felder, Wiesen, Weiden – für Tierhaltung und Tierfutter genutzt.“

B egeistert von „Fridays for Future“: Andreas Pfennig. Foto: Andreas Herrmann

Im August hat der Weltklimarat seinen Sonderbericht zur Landnutzung vorgestellt. Darin plädiert der IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) für ausgewogene Ernährung mit pflanzlichen Nahrungsmitteln und nachhaltig produziertem Fleisch. „Mit politischer Umsteuerung in Richtung auf eine gesunde Ernährung, moderatem Konsum, stabilisiertem Bevölkerungswachstum und der Reduktion fossiler Energieträger wäre genug Landfläche vorhanden“, sagt Hans-Otto Pörtner vom IPCC.

Pfennig ist überzeugt: „Wir können den Hunger in der Welt nur dann besiegen und die Energiewende mit Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels gleichzeitig nur dann schaffen, wenn wir das Bevölkerungswachstum begrenzen und den Konsum tierbasierter Nahrungsmittel wesentlich reduzieren.“

In manchen afrikanischen Staaten gebe es für die eigene Bevölkerung nicht genug zu essen, es müssen also Nahrungsmittel importiert werden. „Diese Länder sind sowieso schon arm und müssen noch Geld ausgeben für den Import. Wie sollen die sich ökonomisch entwickeln? Und gerade diese Bevölkerungen vermehren sich stark – sechs, sieben Kinder von einer Mutter. Der Hunger ist weltweit das große Problem.“ Pfennig fordert an diesem Punkt auch von den großen Religionen Christentum und Islam, ihre Vorgaben zu Geburtenkontrolle und dem kinderreichen Idealbild der Familie den drängenden Erfordernissen einer konsequenten Bevölkerungspolitik anzupassen.

Der Lütticher Wissenschaftler setzt auf Nachhaltigkeit und kleinteilige Hilfe vor Ort. „Manchmal reicht es, Leuten Kleinkredite zu geben, damit sie ein Geschäft aufmachen können. Das ist trivial, kostet nicht viel, sondern macht nur Mühe. Wenn wir das schaffen, gehen die Geburtenraten runter und der Hunger wird besiegt.“ Pfennig bringt es auf den Punkt: Sich vegan zu ernähren und den Nachwuchs nachhaltig auf zwei Kinder zu beschränken, sei weltweit die einzig vernünftige und realisierbare Strategie gegen Hunger und Klimawandel. „Wir müssen endlich selbst damit anfangen und den Ländern in Afrika und Asien dabei helfen, dies zu entwickeln.“

Wie überzeugt man die Konsumenten, die bisherige, nicht zukunftsfähige Ernährung deutlich umzustellen, den Fleischverbrauch erheblich zu reduzieren? Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind eindeutig, das Wissen ist vorhanden, es wird mehr denn je öffentlich darüber diskutiert, vegetarische oder gar vegane Ernährung ist auf dem Vormarsch, die „Fridays-for-Future“-Jugend macht Druck. Aber die notwendigen Konsequenzen werden nicht gezogen. Weltweit steigt der Fleischkonsum sogar.

Die Politik

Pfennig, der sich selbst vegan ernährt, sieht Bevölkerungsentwicklung und Essgewohnheiten in vielen Ländern insbesondere in Asien sehr kritisch. „Man will mehr Wohlstand, man will mehr westlich leben.“ Er ist trotzdem nicht pessimistisch. „Gerade die ‚Fridays-for-Future’-Bewegung ist eine riesige Chance, dass sich gesamtgesellschaftlich etwas bewegt.“

Die Politik wird nach Pfennigs Überzeugung nur dann etwas ändern, wenn die Wähler es wollen. Hier sieht er auch eine wichtige Aufgabe für die „Scientists for Future“. Er glaubt nicht, dass sich der notwendige Konsum- und Lebenswandel gesetzlich verfügen lässt.

Zunehmend: Der Fleischkonsum in Deutschland ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich angestiegen und verharrt auf hohem Niveau. Foto: imago/Manfred Segerer/imago

Der Buchautor und Fernsehphilosoph Richard David Precht hingegen ist überzeugt: „Die Menschen lieben Verbote; das ist etwas, was Politiker nicht verstehen.“ Pfennig folgt dem nicht, „gerade was die Ernährung und die Essgewohnheiten angeht. Politiker, die versuchen, da Vorgaben zu machen, werden bei der nächsten Wahl abgewählt. Die Grünen haben das 2013 erfahren, als sie lediglich in öffentlichen Kantinen einen fleischfreien Tag einzuführen wollten. Es geht nur freiwillig. Es geht nur durch Überzeugung.“

Allerdings betrifft das Problem die Deutschen noch viel zu wenig. Im pazifischen Meer können noch so viele Inseln untergehen; bis auf kurzzeitiges Entsetzen interessiert das hierzulande nur eine kleine Minderheit. Niemand ändert deswegen sein Verhalten. Erst wenn Walcheren, die ostfriesischen Nordseeinseln, Sylt, Rügen und Hamburg abgesoffen sind, wird die Mehrheit der Deutschen bereit sein, spürbar etwas zu ändern. Diese Sicht ist Pfennig zu defätistisch: „Es gibt mittlerweile viele Initiativen, die für ein neues Bewusstsein sorgen. Als Veganer sehe ich, dass die Angebote immer besser werden. Das deutet darauf hin, dass der Markt – also der Bedarf – größer wird.“

Die Jugend

Dabei steht die Menschheit mittlerweile schon vor der Frage, ob es nicht längst zu spät ist, weil man das, was sich in der Arktis und Antarktis abspielt, nicht mehr in den Griff bekommt. Demnach lässt sich nur noch überlegen, wie mit den Konsequenzen dessen umzugehen ist. Pfennig widerspricht: „Wenn wir nicht länger warten und uns anstrengen, schaffen wir das. Je länger wir warten, umso schwieriger wird es.“

Pfennig setzt auf Bewusstseinswandel. Seit „Fridays for Future“ sei er optimistisch, „dass wir den erreichen können. Vorher war ich pessimistisch. Es sind mittlerweile viele Menschen, die sich mit dem Problem auseinandersetzen, bewusster leben und in ihrem Umfeld andere überzeugen. Das strahlt aus. So können wir große Ziele erreichen.“

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