Schulstart in NRW mit Rückkehr zu G9

Zurück zum alten System : 139.000 Schüler starten in NRW mit G9 an Gymnasien

Die Sommerferien in NRW sind fast vorbei, für rund 2,5 Millionen Schüler beginnt kommende Woche wieder der Alltag. An den Gymnasien gehen die ersten G9-Jahrgänge an den Start. Die Inklusion wird auf ein neues Fundament gestellt. Der Lehrermangel bleibt.

Das neue Schuljahr 2019/20 startet an den mehr als 5400 Schulen in Nordrhein-Westfalen kommende Woche mit vielen Neuerungen. Die wichtigste Reform: Die meisten Gymnasien kehren zum neunjährigen Bildungsgang (G9) zurück. Ein Problem aber bleibt: eklatanter Lehrermangel. Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) sagte am Freitag: „Wir lassen nichts unversucht.“ Die wichtigsten Details zum neuen Schuljahr:

G9

Mit Ausnahme von drei Schulen starten an den landesweit rund 600 Gymnasien ab Mittwoch die fünften und sechsten Klassen mit dem neunjährigen Bildungsgang. Insgesamt steigen 139.000 Schüler in G9 ein. Im G8-Bildungsgang lernen noch 381.000 Schüler. Der erste reguläre G9-Jahrgang macht 2027 Abitur. Das neue Schulfach „Wirtschaft-Politik“ soll ökonomisches Wissen und Verbraucherkompetenzen vermitteln. 21 Kernlehrpläne wurden binnen eines Jahres überarbeitet. Mehr als 100 neue Schulbücher und Lernmittel seien bereits genehmigt worden, sagte Gebauer.

Inklusion

Das gemeinsame Lernen von Schülern mit und ohne Handicap wird künftig an bestimmten Schulen gebündelt. Insgesamt werden laut Prognose etwa 6800 Schüler mit sonderpädagogischem Bedarf in die Eingangsklassen von 775 weiterführenden Schulen aufgenommen. Kritisiert wird, dass nur wenige Gymnasien Inklusion anbieten. Das Land stellt bis 2025 rund 6000 zusätzliche Stellen bereit - theoretisch. Denn in den nächsten zehn Jahren fehlten etwa 2000 Sonderpädagogen, sagte Gebauer.

Nach Angaben des Ministeriums wurden im Schuljahr 2018/19 mehr als 63.500 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Regelschulen unterrichtet und fast 81 000 an Förderschulen. Gebauer will die Wahlmöglichkeit langfristig erhalten. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) forderte, dass die Inklusion von allen Schulen mitgetragen werden müsse. „Eine Bündelung der Ressourcen auf bestimmte Standorte darf nur eine kurzfristige Maßnahme sein.“ Die SPD-Opposition im Landtag sprach von einer „Mogelpackung“.

Lehrermangel

Nur 57,8 Prozent der fast 10 000 im Sommer ausgeschriebenen Stellen wurden besetzt. Vor einem Jahr lag die Besetzungsquote noch bei 61,6 Prozent. „Die Stellen haben wir, das Problem ist, sie zu besetzen“, sagte Gebauer. Die Landesregierung versucht, dem Lehrermangel mit Seiteneinsteigern und Pensionären Herr zu werden. Die Zahl der pensionierten Lehrkräfte, die wieder in den Schuldienst eingestiegen sind, verdoppelte sich fast auf inzwischen mehr als 800.

Besonders dramatisch ist die Situation an Grundschulen und bei Sonderpädagogen. Grund ist auch der Mangel an Studienplätzen. Zwei Drittel der Bewerber müssen abgewiesen werden. Für das Grundschullehramt wurden zum vergangenen Wintersemester 339 zusätzliche Studienplätze geschaffen und für Sonderpädagogik 250.

Besoldung

Die SPD und Bildungsverbände fordern seit langem den gleichen Lohn für alle verbeamteten Lehrer von der Grundschule bis zum Gymnasium - auch zur Bekämpfung des Lehrermangels. „Die Arbeit der Lehrkräfte ist gleichwertig, die Ausbildung ist gleichwertig, deshalb muss auch die Bezahlung endlich gleich sein“, sagte VBE-Landeschef Stefan Behlau. „Dies wäre die effektivste Werbekampagne für die Vielfalt des Lehrerberufs.“

Gebauer reagierte verhalten. Die Landesregierung werde Konsequenzen ziehen, sagte sie. Eine Angleichung der Besoldung müsse aber „sorgfältig vorbereitet werden“. Einen Zeitpunkt nannte sie nicht. Die Grünen forderten von Gebauer: „Es wird Zeit, dass sie ihre Versprechen gegenüber den Grundschulen und den Lehrkräften endlich einlöst.“

Digitalisierung

NRW erhält aus dem Digitalpakt des Bundes bis 2024 rund eine Milliarde Euro - für jede Schule wären das rein rechnerisch bis zu 200.000 Euro. Das Geld kann eingesetzt werden für ein schulisches WLAN, interaktive Tafeln, digitale Arbeitsgeräte und Endgeräte wie Laptops oder Tablets. Ab Mitte September können Schulträger bei den Bezirksregierungen Anträge stellen. 86 Prozent der Schulen in NRW hätten oder planten einen Gigabit-Anschluss für schnelles Internet, sagte Gebauer. Bis 2022 sollten alle Schulen mit schnellem Internet versorgt sein.

Fotos zur Einschulung

Rund 158.400 Erstklässler werden kommende Woche eingeschult - und Tausende Erinnerungsfotos von I-Dötzchen mit Schultüten werden wohl das Netz fluten. Gebauer ermahnte Eltern und Schulleitungen eindringlich, die Datenschutzregeln einzuhalten. Sie habe auch die Bezirksregierungen aufgefordert, die Schulleitungen auf die Problematik aufmerksam zu machen. Sie sollten die Eltern bei den Einschulungsfeiern sensibilisieren. „Ein generelles Fotoverbot gibt es nicht.“ Es geht um Fotos, auf denen nicht nur der eigene Nachwuchs zu sehen ist, sondern auch fremde Kinder, andere Eltern oder Lehrkräfte. Diese Bilder dürfen ohne die Zustimmung der fotografierten Personen nicht ins Netz gestellt werden.

Schulsanierung

Nach wie vor verläuft der Abruf der Mittel für Schulsanierungen aus dem Programm „Gute Schule 2020“ nur schleppend. Von den für 2017 bis 2020 zugesagten insgesamt zwei Milliarden Euro wurden erst knapp 835 Millionen abgerufen. Allein in diesem Jahr stehen 500 Millionen Euro bereit, aber erst knapp 62 Millionen Euro wurden von den Kommunen abgerufen.

(dpa)
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