Aachen: Schreine im Aachener Dom: Maria und Karl werden schick gemacht

Aachen : Schreine im Aachener Dom: Maria und Karl werden schick gemacht

Was braucht Silberschmied Lothar Schmitt, wenn er zur Reinigung des Karls- und Marienschreins des Aachener Domschatzes von Köln nach Aachen kommt? Richtig: handelsübliche Schulpinsel und Putzlappen. Aber auch: eine Rasierklinge.

Nicht, dass er damit irgendwelche Schmuckbleche von der glänzenden Schutzhülle der wertvollen Reliquien abnehmen wollte, wie es offensichtlich andere diebische Gesellen vor den großen Restaurierungsarbeiten in den 1980er und 90er Jahren getan haben. Auch die linke Hand von Kaiser Karl, in der er ein Modell des Münsters hält, wurde damals wohl vom Marienschrein abmontiert und gilt seitdem als verschollen. Schmitt nutzt die Rasierklinge hingegen, um die Innenseiten der schützenden Vitrinen auf Schmutzablagerungen zu prüfen.

Das Ergebnis: „Nichts als eine weiterhin saubere Rasierklinge“, freute sich der Silberschmied, der bereits Teil des Restaurierungsteams war und jetzt immer mal wieder nach Aachen kommt, um hier die kirchlichen Schätze aus Silber, Gold und Edelsteinen auf Beschädigungen zu prüfen und zu reinigen. Der Marienschrein wurde das letzte Mal im Jahr 2014 zur Heiligtumsfahrt auf Hochglanz poliert, der Karlsschrein erhielt Schmitts Zuwendung 2015 zur 800-Jahr-Feier des Doms.

„Es war also schon ein wenig länger her, dass wir die Schreine kontrolliert hatten“, meinte Birgitta Falk. Für die Leiterin der Domschatzkammer, die seit 15 Monaten im Amt ist, war es das erste Mal, dass sie die beiden „Stars“ des Domkapitels ohne schützende Scheibe betrachten und begutachten konnte. Gemeinsam mit Schmitt konnte sie zufrieden feststellen: „Beide Schreine sind in einem extrem guten Zustand. Es beruhigt mich sehr, dass die Expertenkommission vor der Restaurierung offensichtlich alle Fragen bis zu Ende gedacht hat. Bis heute wurden hier Standards gesetzt — auch was die Konstruktion der Vitrinen betrifft.“

Die Technik neu lernen

Nach dem Dreikönigenschrein aus Köln war der Aachener Karlsschrein von 1215 erst der zweite dieser kunstvoll gearbeiteten Reliquien-Hüter, an den sich die Restaurateure von 1980 bis 1988 heranwagten. Die Restaurierung des noch viel filigraner gearbeiteten Marienschreins von 1239 wurde im Jahr 2000 abgeschlossen. „Die Figuren sind aus Silber modelliert, dass nur 0,2 bis 0,3 Millimeter dick ist. Wie das geht, mussten wir erst wieder neu lernen“, staunt Silberschmied Schmitt noch heute über die kunsthandwerklichen Fähigkeiten seiner mittelalterlichen Kollegen, deren Wissen zwischenzeitlich verloren gegangen war.

Sichtbar zum Beispiel am Kreuz des Heiligen Petrus, das wahrscheinlich vor gut hundert Jahren ersetzt wurde. Es zeigt deutlich mehr Verfärbungen als das Originalkreuz des benachbarten Heiligen Andreas. „Eine deutlich höhere Qualität“, erkennt Schmitt sofort.

In den vergangenen vier Tagen hat er in der Chorhalle des Domes die wenigen, für ein Laienauge kaum zu erahnenden Belege auf den Schreinen mit Pinsel und Poliertuch entfernt. Etwas anderes hatte er nicht zu tun, denn in den vergangenen Jahren hat sich offensichtlich nichts verschoben oder gelöst. Dennoch soll der Karlsschrein zukünftig in einem Rhythmus von einem Jahr kontrolliert werden. „Beim Marienschrein reicht es auch, alle zwei Jahre zu gucken“, meint Falk.

Gucken könnten auch mal die Aachener — in Truhen, Schubladen oder Schränken. „Vielleicht finden sie ja eine goldene, wahrscheinlich schwarz angelaufene kleine Hand mit einem Münster-Modell. Wäre doch schön, wenn Karl sie zurück- bekommen könnte“, findet Falk.

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