Deggendorf/Aachen: „Schon als G8 eingeführt wurde, habe ich es für falsch gehalten“

Deggendorf/Aachen : „Schon als G8 eingeführt wurde, habe ich es für falsch gehalten“

Die Zeit von G8 ist mehrheitlich vorbei, sagt Heinz-Peter Meidinger. Bundesweit gebe es immer mehr den Wunsch nach einer Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren (G9). Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes ist selbst Schuldirektor an einem Gymnasium in Deggendorf in Bayern und wünscht sich mehr Qualität.

G9 wurde in NRW 2005 eingeführt. Man sollte meinen, dass sich das Thema erledigt hätte.

Meidinger: Das Thema ist nicht durch, und das liegt daran, dass G9 nie im Herzen der Bevölkerungsmehrheit angekommen ist. Da hilft es auch nichts, dass es vor Ort oft gar nicht so schlecht läuft. Auch an meiner Schule ist das so. Die Einführung von G8 ist aber eine der wenigen Reformen, bei der die Ablehnung sogar steigt, je länger die Reform in Kraft ist. Das ist ungewöhnlich.

Warum lehnen viele Eltern G8 ab?

Meidinger: Es gibt rationale Gründe, aber mitunter auch irrationale Triebkräfte. Heutzutage werden schnell alle am Gymnasium auftauchenden Probleme auf das verkürzte Abitur geschoben. Früher überlegte man eher, ob der Lehrer vielleicht den Stoff nicht gut vermittelt oder ob das Kind an Grenzen stößt, wenn es bei einem Fach Lernprobleme gab.

Sind mit G8 denn gar keine Überforderungen entstanden?

Meidinger: Dass immer mehr Jungs Bildungsverlierer sind, führe ich auf G8 zurück. Das Defizit, das entsteht, wenn Jungen in der Pubertät sind und wenig Interesse für Unterricht haben, lässt sich mit G9 besser aufholen. Da Mädchen sich eher unter-, Jungen sich eher überschätzen, bleiben die Jungs eher hängen.

Ist G8 also schlecht?

Meidinger: Schon als G8 im Jahr 2003 in Bayern eingeführt wurde, habe ich es für falsch gehalten. Es ging nur um die Entlastung der Rentenkassen. Pädagogische Gründe gab es keine oder diese wurden höchstens nachgeschoben. Man könnte das G8 durchaus vernünftig in Form eines gebundenen Ganztags machen. In den neuen Bundesländern, wo G8 kaum umstritten ist, gab es immer schon eher den Ganztagsbetrieb. Doch das ist in der Bundesrepublik nie richtig und flächendeckend versucht worden.

Warum ist das so?

Meidinger: Es gibt keine wirkliche Akzeptanz bei Eltern und Schülern für den gebundenen, verpflichtenden Ganztag. Zwar gibt es bei Umfragen immer große Zustimmung für mehr Ganztagsschulen; wenn es aber darum geht, das eigene Kind an einer Schule mit gebundenem Ganztag anzumelden, sieht das ganz anders aus. Sogar die einzigen beiden kommunalen Ganztagsgymnasien in der Millionenstadt München werden nicht von Anmeldungen überrannt. Kein Bundesland war außerdem bereit, so viel Geld zu investieren. Beim gebundenen Ganztag sind ein Drittel mehr Lehrer nötig.

Nun schwelen Diskussionen, und es herrscht latent Chaos in fast allen westdeutschen Bundesländern.

Meidinger: Ein Bundesland allerdings hat bei dem ganzen Zirkus nicht mitgemacht, nämlich Rheinland-Pfalz. Dort hat man ein eigenes Modell entwickelt. Quasi G 8,5. Die Schüler haben ihr Abitur Ende März in der Tasche. So können sie zum Sommersemester anfangen zu studieren. Außerdem gibt es dort rund 20 Schulen, die im Ganztag ein G8 anbieten. Diese Schulen sind von überall recht gut erreichbar. Ich halte das für ein überlegenswertes Modell.

Was kommt in Bayern auf Sie zu?

Meidinger: Wahrscheinlich wird es eine Wahlfreiheit geben wie in Hessen. Davon bin ich kein Fan, weil es die Auseinandersetzungen auf die Schule vor Ort verlagert. Eltern steuern das über die Nachfrage, also die Anmeldezahlen. Und da es weit weniger militante G8-Eltern gibt als G9-Eltern, werden Schulen eben das Modell wählen, das weniger Menschen verprellt. In Hessen gibt es gerade noch einmal etwas mehr als zehn Prozent Schulen, die ein reines G8 anbieten.

Was wäre also Ihr Vorschlag?

Meidinger: Einen Idealvorschlag, der für alle Bundesländer passt, gibt es wohl nicht. Die klarste und sauberste Lösung hat man in Niedersachsen umgesetzt. Dort gab es einen großen Konsens aller Beteiligten: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende, sagt man ja so. Wenn man aber ein Jahr dazugibt, müssen sich auch die Lehrpläne ändern. Das hat man in Niedersachsen verpasst. Nur ausdehnen bringt nichts. Aus den G9-Lehrplänen sind seinerzeit nicht nur verzichtbare Inhalte rausgeflogen. Unter anderem wurde der Fremdsprachenwortschatz in allen Bundesländern deutlich reduziert. Auch in Mathematik und Deutsch fehlt Zeit für Übung und Vertiefung.

So schlimm?

Meidinger: Um ein Beispiel aus einem meiner Fächer zu nennen: In Hamburg kann man Abitur machen, ohne im Geschichtsunterricht je von der Französischen Revolution, den alten Griechen und der Weimarer Außenpolitik gehört zu haben. Das kann nicht sein.

Der alte Stoff muss wieder rein?

Meidinger: Nein, wir müssen uns überlegen, welche Inhalte ein modernes Gymnasium heute vermitteln soll. Unser Ziel ist ja der mündige, kritische junge Staatsbürger. Der muss beispielsweise nicht nur über neue Technologien und deren Auswirkungen Bescheid wissen, sondern auch die Globalisierung, etwa die Ursachen von Flüchtlingsbewegungen verstehen und wissen, wie politische Prozesse ablaufen.

Wie wird sich Ihrer Meinung nach die Situation, was G8 und G9 angeht, bundesweit ändern?

Meidinger: In ein paar Jahren wird es in der großen Mehrheit der Bundesländer wieder die Möglichkeit geben, ein G9 zu besuchen — auch wenn es heute noch Abwehrmechanismen gibt. Die Politik muss jetzt den Mut haben, eine dauerhafte, tragfähige Lösung zu wählen. Nur mit einer Öffnung hin zu G9 wird Verlässlichkeit und Ruhe einkehren. Wie gesagt, der Mainstream ist heute ein anderer: Die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder steht im Fokus. Und große Firmen schauen auch nicht, ob jemand nun mit 17 oder mit 19 Abitur gemacht hat, wenn sie Bewerber einstellen. Das wurde bei der Einführung von G8 maßlos überschätzt.

(mgu)