Aachen: Samuel Koch und Joel Rombey: Millisekunden, die Leben ändern

Aachen: Samuel Koch und Joel Rombey: Millisekunden, die Leben ändern

Etwa 50 Leute sind ins Forum M der Mayerschen Buchhandlung gekommen, der Raum ist gut geheizt, weil Tetraplegiker leicht frieren. Samuel Koch ist öffentlich verunglückt, Hunderte andere Wettkandidaten kehrten schnell in ihre Anonymität nach einem Auftritt bei „Wetten, dass...“ zurück. Nur bei Samuel Koch geht das nicht mehr.

Vor ziemlich genau fünf Jahren ist er beim Versuch, mit Sprungfedern an den Füßen über fünf ihm entgegenfahrende Autos zu springen, schwer verunglückt. Seitdem ist er vom Hals abwärts gelähmt, eine Tetraplegie. Seitdem ist er — häufig auch gegen seinen Willen — eine öffentliche Person. Die Öffentlichkeit nimmt Anteil an seinem Schicksal, an seinen Fortschritten, an seinem Privatleben. Er hat sich gerade verlobt.

Zwei Männer, ein Schicksal: Auch der 20-jährige Aachener Joel Rombey ist nach einem Unfall Tetraplegiker. Im Anschluss an die Lesung im Forum M der Mayerschen Buchhandlung kam er mit Samuel Koch ins Gespräch. Foto: Christoph Pauli, dpa

Koch hat ein zweites Buch geschrieben. Im Erstlingswerk „Samuel Koch — Zwei Leben“ beschreibt er die ersten Monate nach seinem Unfall, es sollte die Antwort auf „etwa 100.000 Fragen sein“, die er damals beantworten musste. Ein Buch und dann sollte Ruhe einkehren, so war der Plan, der nicht aufging. Das neue Werk trägt den zweideutigen Titel „Rolle vorwärts“. Daraus will der 27-Jährige an diesem Tag ein bisschen vorlesen.

Die Lesung beginnt — mit einem Unfall. Koch fährt eine Rampe hoch auf die Bühne, bremst oben, und weil er nicht fixiert ist, schlägt er ungebremst mit dem Kopf auf das Parkett. Eine Schrecksekunde im Publikum, es dauert ein paar Minuten, dann rollt Koch mit einer dicken Beule an seinen Lesetisch. Seine erste Frage ist: „Wie liegen die Haare?“ Mit vier Worten entkrampft er die Situation. „Das ging schon mal gut los“, sagt der ehemalige Stuntman. Sein Humor ist ansteckend. Er beginnt zu lesen, manchmal auch zu erzählen. Da sitzt einer, dem man gerne zuhört, weil er pointensicher und schlagfertig seine Geschichten vorträgt.

In der ersten Reihe sitzt Joel Rombey, ebenfalls ein Tetraplegiker. Im Gegensatz zu Koch ist er fast unbemerkt verunglückt. In der Mainacht 2013 sprang er übermütig in einen kleinen Teich an einer Aachener Schule. Wenn Koch sehr eindrucksvoll über sein Leben redet, entdeckt Joel viele Parallelen. Auch Joel kennt diesen „Verarbeitungsprozess“, wie er es nennt. Ein Vorgang, der vielleicht nie abgeschlossen ist. Aber es sei wohltuend zu hören und zu sehen, wie sicher jemand mit einem ähnlichen Schicksal seinen Weg gefunden habe, sagt er später. Joel ist von einer bemerkenswerten Zuversicht geprägt. Manchmal, so erzählt es sein Vater Michael Schneider, beflügele er andere mit seiner Fröhlichkeit

Koch liest ein paar Kapitel, es sind kleine humorvolle Anekdoten voller Wortwitz und subtiler Komik. Seine Zuhörer sind gebannt, einige sind im Rollstuhl da, einige mit dem Rollator. Ein Ratgeber will Koch gar nicht sein. Aber ungewollt ist er ein Vorbild, weil man ihn nur funktionierend erlebt. Dabei redet Koch über „60 Millisekunden, die ein Leben verändern können“, über die Zweifel, die hochstiegen, als er monatelang seinen Kopf nicht bewegen durfte und den Rest nicht bewegen konnte. Die Tage, die Wochen, die Jahre vorher bestanden aus Sport — und nun war die Motorik innerhalb von 60 Millisekunden für immer lahm gelegt. „Was hilft, ist die Hoffnung, auch wenn der Verstand davon abrät“, sagt er. „Wunder brauchen Zeit.“ Koch setzt auf die Fortschritte der Neurochirurgie. Was würde er machen, wenn er wieder laufen könnte?, wird er häufig gefragt. „Ich würde Laufen um des Laufens willen, mich an einen Baum anlehnen, die Hände hinterm Kopf zusammenfalten. Einfach, weil ich es kann.“

Aber der Körper hat sich verabschiedet. „Ich empfinde eine Art Hassliebe für ihn“, sagt der ehemalige Leistungssportler. „Er ist abgemagert, hilft mir nicht, der Idiot hat mich im Stich gelassen. Und doch versuche ich, den Feind lieb zu haben.“ Er pflegt ihn, zieht täglich sein Reha-Programm oft bis in die tiefe Nacht durch. „Was mir am meisten hilft, ist die Aussicht auf das Mehr.“ Er ist gelähmt und strahlt doch viel Energie aus. „Davon habe ich wirklich mehr als genug, aber das Problem ist, sie zu kanalisieren.“ Es geht alles zu langsam, Geduld muss er immer noch lernen. Er beschäftigt sich lieber mit den kleinen Fortschritten, blendet die Handicaps aus. Koch schreibt häufig kleine Dankbarkeitslisten: die Schönheit der Schöpfung, die Sauna, Facebook, Touchdisplays, Fahrtwind, Trainingsgeräte, Late-Checkout im Hotel, seine Stimme, die Betreuer... die Liste ist lang. „Manchmal überrasche ich mich selbst, wie viele Dinge es gibt, für die ich dankbar bin.“

Was bleibt, ist eine gut ausgebildete Stimme und ein sehr wacher Kopf. Keine schlechten „Waffen“ für einen Schauspieler. „Nicht zuletzt durch das Schauspielstudium habe ich gelernt, nicht ständig zu fragen: ‚Was kann ich nicht?‘, sondern mich darauf zu konzentrieren: ‚Was kann ich?‘“

Es ist dann zeitweise auch weniger eine Lesung, sondern eine Fragestunde, zu der Koch die Zuhörer ermuntert. Wie habe er sich abgefunden mit seiner Behinderung, will eine ältere Dame wissen. Sie erntet doppelten Widerspruch. Das Wort gefällt ihm nicht, abfinden habe etwas Endgültiges. Und behindert sei man nur, wenn man das Gefühl zulasse. Wie er zu Gott gefunden habe? Es sei eher umgekehrt, vermutet er, „vielleicht habe ich mich finden lassen“. Die Beziehung zu Gott war durchaus nicht linear, nach dem Unfall wuchsen die Zweifel. Wie konnte er so etwas zulassen, haderte er. Inzwischen sagt er: „Gott liebt mich, einfach weil ich da bin.“ Sein Glaube ist eine Kraftquelle.

Irgendwann gehen die Fragen aus, die Gäste melden sich nur mit Komplimenten. „Ihr Humor ist wunderbar!“ „Sie sind ein toller Mann!“ Später werden Selfies und Erinnerungsfotos gemacht, eine Frau schenkt ihm selbstgestrickte Socken.

Die Zuhörer sind schon lange im Weihnachtstrubel abgetaucht, da hocken die beiden Rollstuhlfahrer im Foyer zusammen. Joel Rombey und Samuel Koch tauschen sich aus über ihre Fortschritte, ihre Therapien, ihre Rückschläge. „Tetraplegiker sind eine große Familie, weil sie untereinander verstehen, was Außenstehende nicht verstehen können“, sagt Joel.

Der 20-Jährige wird im Frühjahr sein Abitur machen, will Psychologie studieren. Er ist unglaublich positiv geblieben, schmiedet viele Pläne. Der Kontakt hat ihm gefallen. „Man merkt, dass Samuel schon weiter auf seinem Weg ist, sein Unfall liegt deutlich länger zurück.“ Die jungen Männer wollen in Verbindung bleiben — auch nach diesem Abend in Aachen.

In der Reha hat man Koch erzählt, wie sich die Gruppen der Tetraplegiker unterscheiden. Es gibt die, die sich völlig aufgeben, andere werden tyrannisch hadernd, und dann gibt es die Gruppe, die alles mobilisiert im Kampf gegen die Immobilität. Samuel Koch und Joel Rombey haben sich für den anstrengendsten Weg entschieden. Sie trainieren ihren Kopf, ihren Willen, um immer stärker zu werden.

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