Stolberg: Sammel-Serie, Teil 6: Medizingeschichte ist seine Leidenschaft

Stolberg : Sammel-Serie, Teil 6: Medizingeschichte ist seine Leidenschaft

Die Babytrinkflasche ist aus Glas. Dazu gibt es einen silbernen Aufsatz und einen ovalen Wasserbehälter aus Leichtmetall mit runden Einbuchtungen. Damit kann man die Milch warm halten — im Jahr 1775 eine höchst moderne Möglichkeit, den Nachwuchs zu versorgen.

In stabilen Holzkästen liegen sauber sortierte Knochensägen, Zangen und Skalpelle, Injektionsspritzen in allen Größen samt Apparaturen zum Sterilisieren, die heute noch funktionieren, kostbare Reisetaschen für den Arzt auf Hausbesuchstour mit winzigen Abmessbechern und Waagen, um Opiate vorzubereiten und Pülverchen zu mischen: Über 2000 museale Kostbarkeiten der Medizin-, Pharmazie- und Labortechnik hat der Stolberger Apotheker Hartmut Kleis (71) zusammengetragen.

Mobile Ausrüstung um 1750: Hier konnten Ärzte Heilmittel selber herstellen.

Es ist eine Leidenschaft, die schlicht begann. „Bei einer Reise durch Griechenland sah ich einen sehr schönen Mörser. Den wollte ich gerne haben”, erinnert sich der Vater von vier Kindern. Damals war er 22 Jahre alt. „Dann kamen andere Dinge hinzu. Mein Interesse war geweckt. Später teilte auch meine Frau als Krankenschwester die Leidenschaft für das Fachgebiet.”

Das Paar war im Besitz eines gebrauchten Post-VW-Bullis. Die ersten schönen Stücke transportierte es auf dem Dachgepäckträger. In den nächsten Jahrzehnten sollten sich Haus und Apotheke mit Kostbarkeiten der Medizin- und Pharmaziegeschichte füllen. „Zuletzt hatten wir im Keller viele Kartons, die gar nicht ausgepackt werden konnten“, erinnert sich Hartmut Kleis.

Bald in der Villa

In der Villa des Museums Zinkhütterhof hat ein Großteil der Sammlung eine neue Heimat gefunden — als Dauerausstellung. Sie wird von Kleis und seinen inzwischen 25 „Wissenspaten“ betreut. „Wir wollen interessierten Besuchern, Studenten und Schülern vermitteln, wie die Entwicklungen im Bereich der Medizin verlaufen sind, welche Möglichkeiten es gab, welche Herstellungsverfahren”, sagt Kleis.

Am Sonntag, 15. Oktober, wird die Villa von 11-17 Uhr anlässlich des Gesundheitstags des Bethlehem-Krankenhauses Stolberg eröffnet. Der Eintritt ist frei. Danach ist die Sammlung stets sonntags von 11-17 Uhr zugänglich. Kleis hat sich in all den Jahren zum Experten mit einem guten Blick für Raritäten entwickelt. Da kann man nur staunen, was er zu Medizin und Pharmazie aus der Zeit vom 15. bis 20. Jahrhundert zusammengetragen und damit vor dem Vergessen gerettet hat.

„Nach zwei Weltkriegen ging die Wertschätzung von Medizintechnik zunächst gegen Null“, so sein Eindruck. 1974 übernahm er die Apotheke in Stolberg — und wenn Zeit war, wanderte Kleis über Flohmärkte, besorgte sich Literatur, studierte alte Bestellkataloge. „Das war sehr hilfreich, denn die Kataloge waren bebildert“, erzählt er.

Beim Historischen Jahrmarkt in Kornelimünster entdeckte er eine Holzkiste — chirurgisches Besteck aus Edelstahl, sehr gut erhalten. „Die Instrumentensammlung eines Arztes aus dem Ersten Weltkrieg hätte man theoretisch noch benutzen können. Aber die meisten Werkzeuge dienten der Amputation.“

Ein anderes Objekt, das nicht zuletzt von den Lebensumständen der Menschen Ende des 18. Jahrhunderts erzählt, ist ein ausgeklügelter Arzneikoffer von 1750. „Von einem Doktor, der mit der Kutsche übers Land fuhr. Pillen und Salben musste er selbst herstellen“, erläutert Kleis den komplett erhaltenen Arztkoffer mit Kräutern, Violen und allerlei heilsamen und vielfach nicht ungefährlichen Pülverchen bis hin zu Opiumtropfen.

Große Zusammenhänge

Längst sieht der Sammler größere Zusammenhänge. Wie hat sich das Gesundheitssystem entwickelt? Wann entstand auch bei der Industrie ein Interesse an der Herstellung medizinischer Produkte? Wie lange war ärztliche Hilfe tatsächlich nur für jene erreichbar, die bezahlen konnten? Kleis gibt in Zusammenarbeit mit Christa und Karl-Heinz Oedekoven, zwei Förderern, in der Villa des Stolberger Museums auch Einblick in die Seifen-, Soda-, Penizillin und Morphiumherstellung.

Im Laufe der Zeit erreichten Hartmut Kleis, der nun als Stifter in die Museumsgeschichte eingeht, einige Schenkungen und Nachlässe. Inzwischen ist die Sammlung Kleis gut sortiert — neben den eindrucksvollen chirurgischen Instrumenten beschreibt sie frühe Methoden der Geburtshilfe, der Katheterversorgung, der Homöopathie und vielem anderem.

Sehr speziell: Der „Aspirateur nach Potain“ (1900), eine Vakuumpumpe, mit der sich Wasseransammlungen aus der Lunge entfernen lassen. Oder das „Bülausche Drainagegerät“, benannt nach dem Hamburger Arzt Gotthard Bülau, das noch 1930 eingesetzt wurde, um Flüssigkeit oder Luft aus dem Raum zwischen Lungenfell und Brustkorb abzusaugen, um ein Versagen der Lunge zu verhindern. „Ich kann aus allen medizinischen Bereichen erzählen, aus Gynäkologie, Urologie und HNO”, versichert Hartmut Kleis.

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