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Aachen: Salzsäure macht A 4 zur autofreien Zone

Aachen : Salzsäure macht A 4 zur autofreien Zone

Kurz vor neun Uhr war am Dienstag in und um Aachen herum die ganz und gar nicht mehr in Ordnung: Sperrungen, Umleitungen, Chaos, Stau, Blechpiloten, die teils stundenlang in ihren Karossen ausharren mussten. Und das bei brütender Hitze.

Der großen Wirkung kleine Ursache: Ein Riss in einem Tanklastzug, aus dem Liter um Liter Salzsäure gluckerte.

Das Malheur hatte am frühen Morgen seinen Lauf genommen. Kurz nach acht Uhr war ein belgischer Tanklastzug in Wesseling beim dortigen Chemieriesen Degussa losgefahren. Die Ladung: über 26 Tonnen Salzsäure.

Plötzlich bemerkte der Fahrer, dass sein mit der ätzenden Chemikalie beladener Zug leckgeschlagen war. Er reagierte schnell und alarmierte die Feuerwehr.

Der Laster stoppte seine Fahrt an einem Parkplatz an der A4 Richtung niederländischer Grenze - gleich jenseits des Aachener Kreuzes zwischen Würselen und Haaren. Die Aachener Feuerwehr rückte sofort an, konnte das Leck aber mit den eigenen Mitteln zunächst nicht kitten.

Hilfe aus Leverkusen

Jetzt wurden weitreichende Maßnahmen eingeleitet, denn die Konzentration der Säure stand zunächst nicht fest. Die Einsatzkräfte, die zuerst eintrafen, versuchten die Salzsäure mit Wannen aufzufangen und die bereits ausgelaufene Flüssigkeit abzubinden.

Salzsäure darf nicht in die Umwelt - etwa in Wasserläufe - gelangen, da sie schwere Schäden hervorrufen kann.

Unterdessen sperrte die Polizei die Autobahn zwischen Aachener Kreuz und Anschlussstelle Aachen-Zentrum/Würselen komplett und leitete den Verkehr ab.

Auf den kommunalen Straßen versuchten üher 30 Beamte der binnen kürzester Zeit chaotischen Verkehrsverhältnisse Herr zu werden. Vor allem die aus Holland kommenden Lkw, die über Würselen abgeleitet wurden, bereiteten Kopfzerbrechen.

Rund eine Stunde nach Beginn des Einsatzes hatte sich die Autobahn in einen Parkplatz für unzählige Fahrzeuge der Feuerwehr, der Polizei, des Rettungsdienstes sowie verschiedenster Behörden verwandelt.

Auch speziell für solche Chemieunfälle ausgebildete Mitarbeiter der Freiwilligen Feuerwehr wurden hinzugezogen. Und: Aus Leverkusen raste die „Bayer”-Werksfeuerwehr nach Aachen, deren Experten sich regelmäßig mit Chemieunfällen auseinanderzusetzen haben.

Im Rahmen des „Transportunfall-Informationssystems” (TUIS) der chemischen Industrie ist diese Kooperation heutzutage gang und gäbe.

Diesmal war „Bayer” dran, weil das Werk näher als Degussa an der Unfallstelle liegt, erklärte Hans-Werner Bayer von der Aachener Feuerwehr vor Ort.

Mehr als 100 Helfer waren zwischenzeitlich im Einsatz. Und mehrere tausend Autos und Lkw standen immer noch in den Staus. Schon am Kreuz Kerpen wurde der Verkehr von der A4 abgeleitet, wie Thilo Franzen von der Pressestelle der Kölner Bezirksregierung erläuterte. Just dort kam es aber auch noch zu einem Unfall mit tödlichem Ausgang und langen Staus. Chaos komplett.

Mittags bekam Oberamtsrat Bayer die Nachricht von „Degussa”, die Salzsäure habe einen Konzentrationsgrad von 15 Prozent. Sie war also recht stark verdünnt. Dennoch kein Anlass, nun fahrlässig zu werden.

Im Gegenteil. „Es besteht ja immer noch die Gefahr, dass der Behälter ganz aufreißt”, so Bayer. In Würselen waren Kräfte der dortigen Feuerwehr, aus Eschweiler und Herzogenrath unterwegs, um per Messwagen das Gefahrenpotenzial für die Bevölkerung abgeschätzt werden konnte. Die gemessenen Daten lagen weit unterhalb der Richtwerte.

In Vollschutzanzügen waren auf der Autobahn die Helfer mit der Sicherung der Ladung beschäftigt. Nachdem klar wurde, dass das Leck nicht abzudichten war, forderte man einen Ersatz-Tanker an.

Die Salzsäure wurde in stundenlanger Arbeit abgepumpt. Aber: Ein Rest blieb im Tank zurück. Um diesen herauszuspülen, musste erneut ein Spezialunternehmen angefordert werden. Spätabends waren die Arbeiten immer noch im Gange.

Der Berufsverkehr sorgte bereits am Nachmittag für erneutes Chaos auf der Autobahn. Gegen 17 Uhr wurden die Fahrtrichtung Aachen wieder freigegeben.

Und erst gegen 18 Uhr konnte auch die andere Spur in Richtung Niederlande wieder freigegeben werden. Verletzte gab es bei der Großaktion zum Glück nicht.