Region: RWTH-Professor Simone Paganini: „Weihnachten ist ein Fixpunkt“

Region: RWTH-Professor Simone Paganini: „Weihnachten ist ein Fixpunkt“

Die Adventszeit liegt weitgehend hinter uns. Wie jedes Jahr werden sich viele vorgenommen haben, es diesmal doch ein wenig ruhiger angehen, sich nicht wieder von Hektik einfangen zu lassen. Und wie jedes Jahr wird das in den meisten Fällen wieder nicht geglückt sein. Wie auch immer, jetzt liegt die Ziellinie vor uns: Am Sonntag ist Heiligabend. Und es geht um das, worauf in den vergangenen Wochen hingearbeitet worden ist.

Da ist es also wieder, das Weihnachtsfest. Mit allem, was dazugehört. Brauchen wir es überhaupt, Herr Paganini? Eigentlich wäre doch eine schnelle, eindeutige Antwort auf diese Frage zu erwarten. Immerhin ist der Mann studierter Theologe und Philosoph und seit 2013 Professor für Biblische Theologie an der RWTH Aachen. Aber Simone Paganini, am 29. September 1972 in Busto Arsizio bei Mailand geboren, zögert etwas, schaut einen Moment lächelnd in die Weite und stellt eine Gegenfrage: „Was braucht man überhaupt?“ Um dann die Ausgangsfrage umzuformulieren: „Wer braucht Weihnachten?“

Also, Herr Paganini: Wer braucht Weihnachten? Doch sicher die Menschen, oder? „In erster Linie braucht heute die Wirtschaft Weihnachten“, sagt der Italiener, der auch ein erfolgreicher Science-Slammer ist. Klar, Weihnachten ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Erst die großen Einnahmen für Geschenke, dann anschließend die Angebote. Da kommt einiges zusammen.

Aber das kann ja nicht alles sein. Also, was macht das Weihnachtsfest aus, Herr Paganini? Traditionen spielten eine große Rolle, meint er. Traditionen im Sinne von „das, was man immer macht“. Die Familie trifft sich, andere fahren in Ferien. Beziehungen werden gepflegt, Erwartungen geschürt — und womöglich enttäuscht. Es gibt viele Möglichkeiten. Okay. Aber das ist immer noch nicht die Antwort, die man diesbezüglich von einem Theologen erwarten würde.

Doch dann kommt Paganini zur Sache: „Weihnachten wird etwas ganz Interessantes gefeiert: Ein Kind wird geboren, Gott wird Mensch. Das ist in der Religionsgeschichte einzigartig!“ Es sprenge unsere Vorstellungskraft und gehe vollkommen gegen den Geist unserer Gesellschaft. Wie das denn? Ein wesentlicher Aspekt unserer Gesellschaft sei der Fortschritt. Es gehe immer weiter, das Leben werde immer schneller, Prozesse und Technologie müssten einfacher werden. „Weihnachten ist das genaue Gegenteil davon.“

Weihnachten ist im Kern immer gleich geblieben. Die Botschaft hat sich nicht verändert. „Weihnachten ist ein Fixpunkt, auch im liturgischen Jahr.“ Hier gehe es nicht um Fortschritt, nicht um Weiterentwicklung. Es sei vielmehr ein Moment der Besinnung, der Ruhe. Also ein Gegengewicht zum Zeitgeist: Es muss nicht immer höher, schneller, weiter sein. „Im Grunde genommen ist Weihnachten der Versuch, anders zu sein, etwas anders zu machen. Ich komme aus dem Alltag heraus. In eine andere Dimension.“ Langsamer halt.

Die Sache mit dem Stress

„Wir leben in einer brutal stressigen Welt“, sagt der Theologe, der selbst ständig zwischen Innsbruck und Aachen pendelt, auch sonst sehr viel unterwegs ist, der dadurch deutliche Abstriche am Familienleben mit seiner Frau, der Philosophin Claudia Paganini, seinen beiden Töchtern und seinem Sohn hinnehmen muss. Am besten wären wir moderne Menschen immer an zwei Orten gleichzeitig, fügt er achselzuckend hinzu. Aber das sei nicht richtig. Und so sei „Weihnachten der Versuch zu sagen: Eh, Leute, es geht auch anders“. Entschleunigung ist also angesagt. „Ja, Weihnachten können wir uns bremsen.“

Aber es ist doch eher oft so, dass die Leute sich gerade zu Weihnachten viel Stress machen. Das Essen soll außergewöhnlich sein, der Baum besonders schön geschmückt, die Geschenke sollen unbedingt passen, die Treffen harmonisch und unbeschwert. Da ist die Sachlage für Paganini klar: „Der Überbau führt zu Stress. Das Problem ist nicht das Fest, sondern das, was vielfach daraus gemacht wird.“ Stress habe mit dem religiösen Wert des Festes nichts zu tun. „Weihnachten ist der Augenblick, wo die Zeit Gottes beginnt, wo die ganze Natur — Mensch und Tiere — gemeinsam in Friede miteinander leben “, führt er aus. Was Menschen daraus machten — das große Festessen zum Beispiel, auch das Schlachten von Tieren für diesen Anlass —, sei das Gegenteil.

Eine Gefahr sieht Paganini auch in zu hohen Erwartungen, die an einem solchen Fest entstehen können. „Es gibt den Druck, sich freuen zu müssen.“ Man freue sich auf etwas, das dann nicht eintrete — da könne es problematisch werden. Ein Umstand, der allerdings nicht auf Weihnachten beschränkt sei. Nicht umsonst träten Beziehungskrisen oft im Urlaub und an Feiertagen in Erscheinung.

Bei allen unterschiedlichen Bedingungen und Emotionen: „Weihnachten ist schön“, fasst der Theologe zusammen. „Aber ohne den religiösen Aspekt ist es wie ein prächtiges Buch ohne Inhalt.“

Eine gewisse Tradition

Simone Paganini hat mit seiner Familie übrigens in den vergangenen Jahren selbst eine gewisse Tradition entwickelt. Man trifft sich an Heiligabend mit den Schwiegereltern in Tirol. „Wir töten fürs Weihnachtsfest auch keine Bäume mehr“, meint er augenzwinkernd. Im Garten stehe eine Tanne, die im Laufe der Jahre ganz schön groß geworden sei. Die wird natürlich auch geschmückt. „Das ist gar nicht so einfach in der Höhe.“ Das Essen kocht Simone Paganini selbst. „Aber bitte, das macht ein Italiener so.“ Auf den Tisch kommt Vegetarisches, teilweise sogar Veganes.

Also macht sich der Herr Professor auch Weihnachten Arbeit. Aber Stress ist das für ihn nicht. Eher ein Beitrag zum Entschleunigen. Und das ist gut. Wir brauchen es doch, das Weihnachtsfest.

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