Aachen: RWTH-Entwicklung: Das „Entscheidungsnavi“ für Jedermann

Aachen: RWTH-Entwicklung: Das „Entscheidungsnavi“ für Jedermann

Welchen Job soll ich annehmen? Soll ich meinen Partner heiraten? Ist ein Umzug weg aus der Heimat das Richtige für mich? Solche oder ähnliche Fragen quälen jeden. Um die Antworten zu finden, wird überlegt, abgewogen und dann oft doch aufgeschoben. Der Druck steigt, denn es soll auch die richtige, die beste Entscheidung sein. Weiter aufschieben. Mehr Druck. Vielleicht sogar Panik.

Vielen Menschen fällt es sehr schwer, Entscheidungen zu treffen. Gerade die großen, lebensverändernden Chancen lassen die Gedanken im Kopf hin und her kreisen. Eine Internetseite, das sogenannte Entscheidungsnavi, entwickelt an der RWTH Aachen, soll bei schwierigen Fragen des Lebens helfen — ganz strukturiert, analytisch und auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Er hat das „Entscheidungsnavi“ mitentwickelt: Rüdiger von Nitzsch, Professor an der RWTH Aachen. Foto: Anne Schröder

Dazu haben Wissenschaftler um Prof. Rüdiger von Nitzsch sieben Schritte ausgearbeitet, inklusive Auswertung, die am Ende die womöglich beste Entscheidung darstellt. Aber das „Entscheidungsnavi“ ist nicht mit dem GPS-System im Auto vergleichbar, in das etwas eingegeben wird und am Ende die kürzeste Route beziehungsweise die beste Entscheidung herauskommt. „Es gibt mir Hinweise, was ich machen kann, damit ich mich gut entscheiden kann“, erklärt von Nitzsch. Es nimmt einem die Entscheidung also nicht ab, aber es hilft dabei, sie zu strukturieren und zu treffen.

Das Fundament bildet hierbei die Benennung der Ziele. Die eigenen Ziele zu definieren, ist viel schwieriger als zunächst angenommen. Studien haben gezeigt, dass bei einem ersten Brainstorming nur etwa die Hälfte der Ziele, die für den Entscheider am Ende wichtig sind, genannt wird. „Es ist extrem wichtig, zu hinterfragen, was eigentlich dahintersteckt, warum ich etwas möchte“, sagt von Nitzsch. Bei der Wahl eines neuen Jobs könnten diese wichtigen, fundamentalen Ziele zum Beispiel das Steigern des Einkommens oder der Freude bei der Arbeit sein. Ist diese schwierige Überlegung geschafft, leitet das Online-Navi weiter zu der Überlegung nach Alternativen wie zum Beispiel in der Jobwahl. Man muss sich ja nicht immer zwischen Schwarz oder Weiß entscheiden — vielleicht ist Grau auch eine gute Möglichkeit.

Das Navi nimmt den Entscheider bei den einzelnen Schritten online an die Hand und erklärt mit Hilfe von Beispielen ein effektives Vorgehen und welche Überlegungen helfen können, die eigenen Antworten zu finden. Entwickelt wurde das „Entscheidungsnavi“ im Rahmen der Vorlesung der Entscheidungslehre für angehende Betriebswirte und des Wirtschaftsingenieure an der RWTH Aachen. Seit diesem Wintersemester ist die Internetplattform online und die rund 1000 Studenten können als Bonusaufgabe ihre bestmögliche Entscheidung ermitteln.

Hierbei geht es dann vor allem um Fragen des Studiums: Soll ich ein Auslandssemester machen? Welches Praktikum bringt mich weiter? Ist ehrenamtliche Arbeit neben dem Studium etwas, das ich leisten kann? Aber auch außerhalb des Vorlesungssaals ist das Navi nutzbar. Die Grundidee dahinter ist, dass komplexe, akademische Inhalte für jeden zugänglich gemacht werden sollen. Denn die Probleme bei Entscheidungen seien nicht nur für Studenten, sondern für jeden nützlich, erläutert von Nitzsch.

Die Probleme bei Entscheidungen bestehen vor allem aus den Stolperfallen, denen die Entscheider unterliegen und oft nicht bewusst wahrnehmen. Zum Beispiel besteht die Gefahr, dass die Wahrscheinlichkeit eines Flugzeugabsturzes höher eingeschätzt wird, wenn gerade in den Nachrichten von einem solchen Ereignis berichtet wurde, und daher der Zug bevorzugt wird. Ein anderes Beispiel, das von Nitzsch erklärt, ist das der sogenannten „Sunk-costs“-Falle. Wenn in die Reparatur einer kaputten Waschmaschine bereits 100 Euro investiert wurde, diese dann erneut kaputtgeht, neigt man vielleicht eher dazu, nochmal mehr Geld zu investieren, anstatt sie zu verschrotten, da das Angefangene in jedem Fall zum Erfolg führen soll — auch wenn das rational gesehen, nicht sehr sinnvoll ist.

Bauchgefühl soll außen vor sein

Diese psychologischen Fallstricke werden ebenfalls im Online-Navi klar thematisiert, und der Entscheider dabei auf eine möglichst rationale Ebene geführt, so dass dieser objektiv abschätzen kann, wie wahrscheinlich sein Ziel bei den jeweiligen Alternativen erreicht wird. Das Bauchgefühl soll, soweit es geht, ausgeblendet werden. Intuition kann nämlich dann in eine falsche Richtung lenken, wenn der Entscheidungskontext neu ist und kaum Erfahrungen vorhanden sind, aus denen sich ein Bauchgefühl schließlich generiert.

Sind alle Ziele, Alternativen und Einschätzungen online eingegeben, folgen in den nächsten Schritten sehr wissenschaftliche Aspekte. Kurz und grob beschrieben: Der Nutzer bringt seine Ziele in eine Rangfolge, setzt den Nutzen, den er sieht, ins Verhältnis zu den Zielen, um diese anschließend noch einmal untereinander zu vergleichen. Hierbei sollte sich der Nutzer nicht von Graphen, Nutzenfunktionen oder Indifferenzkurven abschrecken lassen, denn hier ist genau die Stelle, an der herausgefunden werden kann, was dem Nutzer eigentlich bei der Entscheidung wichtig ist. Beispielsweise für wie viel Geld mehr er bereit wäre, auf eine bestimmte „Menge“ von Freude bei der Arbeit zu verzichten.

Es sind schwierige Prozesse, aber am Ende in der Auswertung gibt es zur Belohnung der Mühen eine Übersicht und Auflistung der Möglichkeiten, die am vielversprechendsten aufgrund der Angaben erscheinen. Der relative Vergleich, der zu der Auswertung gehört, zeigt außerdem die Vor- und Nachteile der Möglichkeiten an. So kann genau festgestellt werden, wo die Stärken und Schwächen der Alternativen liegen. Jetzt muss der Nutzer nur schauen, ob das Ergebnis der Auswertung, der bestimmte Job zum Beispiel, auch das ist, was er wirklich möchte.

Von Nitzsch sieht hier auch den Kernpunkt des „Entscheidungsnavis“: „Ich halte es für gar nicht mal so entscheidend, dass man genau das macht, was am Ende herauskommt, sondern dass man sich mit dem Ergebnis beschäftigt und überprüft.“ Gerade das Verändern der Angaben und die Beschäftigung mit den eigenen Präferenzen seien wichtig, um das Entscheiden zu lernen. Für diejenigen mit viel Zeit, Geduld und auch einer gewissen Ernsthaftigkeit für die Thematik, könnte das Navi also schon „wegweisend“ sein.

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