Aachen: RWTH Aachen startet neuen Masterstudiengang „Theologie und Globale Entwicklung“

Aachen: RWTH Aachen startet neuen Masterstudiengang „Theologie und Globale Entwicklung“

Die westlichen Gesellschaften hatten sich bis zum Ende des 20. Jahrhunderts eigentlich darauf eingestellt, dass Religion ihre maßgebliche Bedeutung für das Leben des Einzelnen und die Gesellschaft weitgehend verloren habe und weiter an Einfluss einbüßen werde.

Häufig wird dabei auf Jürgen Habermas, den tonangebenden Philosophen der Bundesrepublik, Bezug genommen. Habermas ging als Vertreter der Kritischen Theorie davon aus, dass sich die Religion im Zeitalter des kommunikativen Handelns der Vernunft ergeben werde. Später überraschte er mit seinem Plädoyer, die Stimme der Religion ernst zu nehmen und Glaubensüberzeugungen in öffentlichen Debatten zu berücksichtigen.

Habermas, der sich „religiös unmusikalisch“ und einen maximalen Agnostiker genannt hat, beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit Religion und deren Bedeutung in der heutigen Welt. Insofern lässt sich die Philosophische Fakultät der RWTH Aachen nicht zuletzt auch von Habermas inspirieren, wenn sie am Institut für Katholische Theologie einen neuen Masterstudiengang einrichtet. „Theologie und globale Entwicklung“ ist er überschrieben und startet im gerade begonnenen Wintersemester mit 21 Studierenden.

Ob Habermas‘ Erkenntnis in Politik und Gesellschaft hierzulande angekommen ist, darf bezweifelt werden. „Außerhalb Westeuropas gewinnt der Faktor Religion überall an Bedeutung“, sagte der Präsident des Katholischen Missionswerkes Missio, Klaus Krämer, auf einem Symposion zum Start des neuen RWTH-Studiengangs. Friedliches religiöses Miteinander sei nicht selbstverständlich. „Religion wird missbraucht, um Hass zu säen; das müssen wir in vielen Partnerländern beobachten.“ Krämer warnt aber vor falschen Schlüssen: Der Missbrauch von Religion überwiege in der öffentlichen und medialen Darstellung deren viel umfangreichere positive Initiativen und Engagements.

Die beiden großen katholischen Hilfswerke, die in Aachen beheimatet sind, kümmern sich als externe Kooperationspartner um die Studenten des neuen Studiengangs. Wie Krämer sieht auch Misereor-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel religiöse Instanzen als die häufig einzigen verlässlichen Ansprechpartner in vielen entlegenen Gegenden in Afrika, Asien und Lateinamerika, die den Menschen dort — zumal dauerhaft — Unterstützung gewährleisten können.

Spiegel gab den Master-Studenten seine Maßgabe für interreligiösen Dialog mit auf den Weg: „Zuhören, andere Kulturen kennenlernen, verstehen und das Potenzial des anderen erkennen — auch für das eigenen Fortkommen.“ Der Misereor-Chef berichtete von seinen Erfahrungen in Paraguay, in dessen Industriepolitik der „unerhörte Schrei“ der kleinen Bauern und Landbewohner nicht berücksichtigt werde.

Der RWTH-Politikwissenschaftler Emanuel Richter warnte auf dem Symposion vor zu dominanten Einflüssen der Kirchen; die säkularen Errungenschaften hierzulande seien mühsam erkämpft worden und dürften nicht aufgegeben werden. Er diagnostizierte eine „kollektive Sehnsucht nach Transzendenz“; Politik und Religion würden heute stärker miteinander verbunden. Karin Kortmann von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit stimmte zu und erinnerte an „Laudato sie_SSRq“ von Papst Franziskus: „Auf einmal liegt auf den Schreibtischen des Entwicklungshilfeministeriums eine Papst-Enzyklika.“ Sie sieht die Kirchen als Brückenbauer.

Die muslimische Theologin Rabeya Müller plädierte für einen liberalen und „lebbaren Islam“ in Deutschland und Europa, um den sich die Muslime stärker kümmern müssten. Sie will ihre Religion hierzulande nicht mehr importieren, sondern eigene religiöse Strömungen entwickeln und praktizieren.

Julia Wetzel gehört zu den ersten 21 Studierenden; sie hat sich während ihres Bachelor-Studiums der Betriebswirtschaftslehre viel mit Unternehmen beschäftigt. „Wie der Kapitalismus zumeist praktiziert wird, ist etwas, das ich nicht möchte“, sagt sie unserer Zeitung. Deshalb habe sie sich für den neuen Studiengang entschieden. Alicia Reinhardt hat im niederländischen Wageningen Internationale Entwicklung studiert und interessiert sich besonders für Nichtregierungsorganisationen. „Der religiöse Aspekt ist ganz wichtig und wegen der vielen aktuellen Konflikte sehr aktuell.“

Religion zwischen Gestaltungs- und Zerstörungskraft — so oder so: Politik und Wissenschaft müssen sich damit auseinandersetzen. Ob es den säkularen Industriegesellschaften passt oder nicht, sie kommen an Religion nicht vorbei. An der RWTH hat man daraus mit dem neuen Studiengang und dem Blick auf die internationale Zusammenarbeit Konsequenzen gezogen.

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