Aachen: RWTH Aachen: Neues Profil ohne Romanistik

Aachen: RWTH Aachen: Neues Profil ohne Romanistik

Die Philosophische Fakultät trifft gewichtige Entscheidungen und macht sich entschlossen auf den Weg, ihren eigenen Beitrag zu den Forschungsschwerpunkten der RWTH Aachen zu leisten. Genau so formuliert steht es in der Präambel des Eckpunkte-Papiers der Fakultät, über das am Mittwoch der Fakultätsrat abstimmen wird.

Nimmt er es an, was als wahrscheinlich gilt, dann bedeutet dies das Aus der Lehramtsstudienfächer Spanisch und Französisch und damit der Romanistik an der RWTH, die im nächsten Wintersemesters dann keine neuen Studenten mehr aufnehmen wird. Zum laufenden Wintersemester sind also letztmals die 100 (Norm-)Studienplätze (das ist die maximale Platzzahl unabhängig von der Zahl der Bewerber) angeboten worden. Sie alle dürfen zu Ende studieren — das dürfte bis etwa 2024/2025 dauern.

So steht es in dem Eckpunkte-Papier, das unserer Zeitung als Beschlussvorlage für den Fakultätsrat vorliegt.

Konzept ist gefordert

Im Wesentlichen sind es acht Eckpunkte, die hier zusammengestellt wurden. Sie sollen die Grundlage für das Konzept „Philosophie Fakultät 2025“ sein, das erarbeitet wird — und erarbeitet werden muss, denn der Strategierat und das Rektorat der Hochschule fordern ein solches Konzept.

Ein Eckpunkt ist demnach das Projekthaus HumTec, eine Einrichtung, die 2007 durch die Exzellenzinitiative entstanden ist. „Die Philosophische Fakultät versteht das Projekthaus HumTec als eines ihrer strukturellen Elemente und als Ort gemeinsamer interdisziplinärer Forschung und Lehre, die sowohl intrafakultativ als auch interfakultativ stattfinden soll“, heißt es dort wörtlich. Sprich: Hier soll nicht nur unter den Instituten und Disziplinen der Geisteswissenschaften zusammengearbeitet werden, hier soll auch die Arbeit mit den anderen Fakultäten, etwa den Ingenieur- und Naturwissenschaften vorangetrieben werden.

Des Weiteren beinhaltet das Eckpunkte-Papier unter anderem die Einrichtung eines Zentrums für Ethik und Wissenschaftstheorie. Die disziplinäre Eigenständigkeit aller Fächer bleibe aber unverzichtbar, auch die disziplinären Bachelor- und Masterstudiengänge müssen weiter angeboten werden. „Ohne sie ist die Fakultät nicht überlebensfähig“, steht es in dem Papier.

Das Lehramt wird als unverzichtbar bezeichnet, idealerweise mit vom Land finanzierten Fachdidaktik-Professuren. Es steht aber auch in der Beschlussvorlage, dass sich die Fächer in ihren inhaltlichen Schwerpunkten am Profil der Hochschule ausrichten sollten. Dieses ist bekanntermaßen von technischen Fragen geprägt.

Visionen bleiben ungehört

Während über dieses Eckpunkte-Papier am Mittwoch ab 15 Uhr diskutiert und abgestimmt wird, bleibt ein anderes visionäres Konzept unbeachtet — zumindest an den entscheidenden Stellen. „Romanische Linguistik 2025“ ist es überschrieben und bündelt die Vorstellungen der Romanistik, wie sie in Zukunft die Fakultät und die RWTH insgesamt würde bereichern wollen. „Wir haben sehr viel Potenzial und hätten dies gerne gezeigt“, sagt Professorin Angelica Rieger.

Schon im Juli 2014 wurde für einen Termin zur Präsentation im Rektorat angefragt — vergebens. Anfang August wurde in einem Antwortschreiben lediglich auf die Dringlichkeit der Profilbildung der Philosophischen Fakultät hingewiesen. Es heißt weiter, dass eine Entscheidung gegen die Abschaffung den Profilbildungsprozess behindern würde.

Gerne hätte sich die Romanistik, das wird schnell deutlich, auf zwei Standbeine gestellt: Eines ist mit „Europa in der Welt im Dreiländereck“ betitelt. Hierzu gibt es bereits Kooperationspartner in Frankreich (Nanterre, Paris), Belgien (Leuven) und Spanien (Murcia). Teil dieses Beines würde eine Übersetzungswerkstatt werden, die nicht nur dolmetscht, sondern auch einen politischen Diskurs pflegen würde. Das zweite Standbein ist mit „Internationalität & Diskursanalyse“ betitelt. Auch hier gibt es Partner im Ausland, Journalismus und Medien würde als Themen behandelt. Auch Kulturmanagement und Tourismus wären vorstellbar.

„Internationalität ist nur mit uns möglich“ ist eine der zentralen (selbstbewussten) Botschaften des Konzepts „Romanische Linguistik 2025“. Dazu passt auch die Idee, den Sprachenkanon um Portugiesisch (Brasilianisch) und Italienisch wieder zu erweitern — 2008 waren entsprechende Masterstudiengänge geschlossen worden. An einer Hochschule wie der RWTH, die sich im internationalen Wettbewerb sieht, sollte diese Botschaft eigentlich hellhörig machen. Doch tatsächlich beklagen die betroffenen Romanisten, nicht angehört zu werden.

Auch künftige Forschungsschwerpunkte wurden von der Romanistik formuliert: Kognition (Informationsverarbeitung) wäre ein zentrales Thema, Kooperationen dazu gibt es bereits mit Cambridge, Cordoba, Amsterdam und anderen. Innerhalb der RWTH wäre eine Zusammenarbeit mit Biologie, Psychologie, Physik und Mathematik mehr als nur denkbar. Doch für diesen Plan — ebenso für den Aufbau französischer und spanischer Datenbanken — fand sich kein Zuhörer. Weder Rektorat noch Fakultät interessierten sich für die Visionen der Romanisten.

Aufgegeben haben die Betroffenen aber nicht und hoffen am Mittwoch auf ein entsprechendes — durchaus überraschendes — Votum gegen die Abschaffung. „Es wäre an der Zeit, unsere gemeinsame jahrelange Arbeit bei chronischer personeller Unterausstattung an der Hochschule und unser Engagement in die Hochschule hinein wertzuschätzen und Impulse aufzunehmen, anstatt uns den Stuhl vor die Tür zu setzen“, erklärt Anne Begenat-Neuschäfer, Leiterin des Instituts für Romanistik der RWTH enttäuscht. Der Aachener Landtagsabgeordnete Karl Schultheis hatte am Dienstag noch einmal versucht, die Entscheidung zur Romanistik zumindest aufzuschieben, bis ein angestrebter Landeshochschulentwicklungsplan den Bedarf einzelner Fächer im Land erfasst.

Die Diskussion um die Zukunft der Romanistik hat im Vorfeld viel Ärger gebracht. Und so fällt eine weitere Aussage der Beschlussvorlage des Eckpunkte-Papiers der Fakultät ins Auge: „Die Kommunikation innerhalb der Fakultät als auch mit dem Rektorat und den anderen Fakultäten soll verbessert und auf diese Weise die Sichtbarkeit der Philosophischen Fakultät in Forschung und Lehre erhöht werden.“

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