Zwei Millionen Euro für Menschen in Not: „Running for Kids“ bestimmt Borsdorffs Tagesablauf

Zwei Millionen Euro für Menschen in Not : „Running for Kids“ bestimmt Borsdorffs Tagesablauf

Wenn ein Privatmann von ­Anfang September bis Anfang Oktober – also im Laufe eines Monats – rund 20.000 Euro sammelt, um benachteiligten oder plötzlich in Not geratenen Familien und Kindern zu helfen, ist das im hohen Maße bemerkenswert und stößt auf viel Anerkennung.

Wenn Peter Borsdorff von Anfang September bis Anfang Oktober – also im Laufe eines Monats – rund 20.000 Euro sammelt, um benachteiligten oder plötzlich in Not geratenen Familien und Kindern zu helfen, ist das normal. Schließlich hat Peter Borsdorff für solche Zwecke zuvor – genaugenommen bis zum 5. September – bereits zwei Millionen Euro eingesammelt.

Peter Borsdorff ist ein Phänomen: Dem würde der Dürener nicht widersprechen, entwaffnend ehrlich und offen, wie er sich seinen Gesprächspartnern stellt. In seiner Heimatstadt ist er ein bekannter Mann, der alleine, ohne jede Institution oder Organisation Menschen in akuten Notlagen unterstützt und nach 23 Jahren auf diese stolze Bilanz hinweisen kann: mehr als zwei Millionen Euro! Viele davon hat er eigenhändig eingesammelt.

Begonnen hat diese einzigartige Initiative am 14. Januar 1995 bei einem Marathonlauf. Borsdorff gehörte damals zu „den ganz guten Marathonläufern der Region“, wie er es nennt. „Von Düren nach Köln konnte ich in drei Stunden rennen.“ Während des Laufens an jenem nasskalten Tag kam ihm die Idee, dass es irgendwie zu wenig sei, nur der Zeit nachzulaufen. Kurz zuvor hatte er in der Zeitung gelesen, ein Kindergarten in einem Dorf bei Düren sammele für einen Bollerwagen, um behinderte Kinder an der Küste mit an den Strand nehmen zu können.

Als er kurz darauf für den Dürener Turnverein zwei Leichtathletikveranstaltungen organisierte, stellte er jeweils eine Spendendose auf, um mit den Einnahmen den Kindergarten bei dessen Vorhaben zu unterstützen. Damals entstand auch die erste jener Sammelbüchsen, die seitdem im Großraum Düren immer weiter verbreitet sind: ein alter Laufschuh auf einer alten Keksdose. „Den Schuh auf der ersten Büchse hat meine Frau Doris 1989 getragen, als wir den New-York-Marathon gelaufen sind.“

Deshalb hat diese erste Sammelbüchse für Borsdorff ganzen besonderen Wert. Vor 13 Jahren starb seine Frau an einer Krebserkrankung, gegen die sie zehn Jahre lang angekämpft hatte. „Eines ihrer letzten Worte, als sie kaum noch sprechen konnte, war: ‚Lauf weiter für die Kinder!‘“ Er hat sich daran gehalten, und er wird sich weiter daran halten.

Damit fing alles an: die erste Sammeldose mit dem Laufschuh von Doris Borsdorff. Foto: Sandra Kinkel

Borsdorff war eigentlich gar kein sportlicher Typ, sondern als 38-Jähriger mit 1,88 Meter Körpergröße rund 100 Kilo schwer. Sein Vater hatte vier Herzinfarkte gehabt, er selbst ist also erblich vorbelastet. Damals – 1981 – gab ihm sein Arzt den Rat: „Du musst was tun. Lass das Rauchen sein, nimm ab, beweg Dich!“ Heute sagt Borsdorff: „Das war der beste Rat meines Lebens.“ Seitdem hilft ihm das Laufen. Seit 1995 läuft er, um zu helfen.

Ein Ende ist nicht abzusehen. „Running for Kids“ hat er seine Initiative genannt, und meistens ist er mit der Sammelbüchse bei Laufevents jeder Art unterwegs, und nach wie vor läuft er selbst häufig mit. Bei Sport- oder Karnevalsveranstaltungen steht er an der Tür und sammelt. Bei runden Geburtstagen und Todesfällen wird für „Running for Kids“ gespendet. Fast 150 selbstgebastelte Spendendosen – jede mit einem Sportschuh obendrauf – stehen mittlerweile in Geschäften, Tankstellen und anderen Einrichtungen der Region.

Er ist ein glücklicher Mensch: Weil Helfen beiden hilft: dem, der Hilfe bekommt, und dem, der Hilfe gibt. Borsdorff hat seinen Lebensinhalt gefunden und sich dem voll und ganz verschrieben. Sinnsuche gilt als weit verbreitetes Phänomen. Wer Lebenssinn sucht, könnte Borsdorff in Düren besuchen, könnte sich anschauen, was der 75-Jährige Tag für Tag tut: Geld sammeln, helfen, telefonieren, Informationen besorgen, helfen, Spenden übergeben, helfen.

Zunächst sammelte er nur für behinderte Kinder, kümmerte sich dann schnell um schwerkranke und schließlich auch um arme Kinder. Es geht ihm um Kinder, die es schwer haben. „Wenn einem Elternteil ein Unfall passiert, kann ganz schnell eine Notlage da sein“, sagt Borsdorff. „Im Januar hatte ich den Fall, dass ein Vater hier aus Düren bei einem Arbeitsunfall ums Leben kam.“ Wegen juristischer Streitigkeiten habe die Familie zunächst keine finanzielle Unterstützung bekommen. „Einer aus der Nachbarschaft machte mich darauf aufmerksam. Ich bin für die Kinder gelaufen und konnte der Mutter Geld geben, damit sie und die Kinder in den Osterferien einfach mal rauskommen und etwas anderes sehen.“

Borsdorff erzählt weiter: „Im Februar fährt ein Musiker der Bundeswehr abends über die Autobahn von Köln nach Hause, kommt von der Fahrbahn ab und kollidiert mit einem Sprinter. Vier Monate muss er auf der Intensivstation liegen. Weil sie jetzt auf jeden Euro achten muss, kündigt die Mutter die Ferienfreizeiten ihrer drei Kinder. Wieder höre ich von Nachbarn davon und besuche die Familie; die Kinder konnten dann doch fahren.“

Dass aus der ersten spontanen Sammlung für den Bollerwagen eine Lebensaufgabe wurde, lag daran, dass eine Anfrage der anderen folgte. „Als meine Frau erkrankte, wollte ich es wieder drangeben, um mich mehr um sie kümmern zu können. Da sagte sie: ‚Das kannst Du nicht machen. Du hast in diesem Jahr schon zehn Mal mit 1000 Mark helfen können. Das musst Du weitermachen.‘“

Es macht ihm Freude. Borsdorff hat seinen Lebenssinn nicht gefunden, er hat sich ihn erspürt, erlaufen und erarbeitet. Er bleibt dran; er kann gar nicht mehr anders. Er hat alle Hände voll zu tun; aber er braucht wenigstens keine Zeit mehr darauf zu verwenden, sich Gedanken darüber zu machen, was der Sinn seines Lebens ist.

Er ist ein energischer Mensch: „Peter Borsdorff hat den sprichwörtlichen langen Atem – weit mehr als zwei Jahrzehnte schon“, sagt Dürens Bürgermeister Paul Larue (CDU). „Ich sehe ihn in der Regel mehrmals in der Woche. Er ist beharrlich, und er gönnt sich selbst kaum Urlaub.“

„Running for Kids“ bestimmt Borsdorffs Tagesablauf. „Ich kann aber nicht der ganzen Welt helfen, sondern nur da, wo ich laufe“, sagt er. Das heißt konkret: im Umkreis von 50 Kilometern. Er bekommt mittlerweile – auch aufgrund vieler Medienberichte – Anfragen aus ganz Deutschland. Aber Borsdorff will die Übersicht behalten. Er will sich nicht verzetteln.

Er braucht die Nähe. Er will das, was er tut, selbst kontrollieren können. Er will den Menschen in die Augen schauen. Er will sehen, wie sie reagieren. Das Gespräch, den direkten Kontakt mit den Betroffenen hält er für unbedingt notwendig. Nur wenn er mit denen, die Hilfe brauchen, gesprochen hat, kann er ihnen helfen.

Eine Mutter verunglückt auf einer Fahrt von Buir in den Nachbarort tödlich; die fünfjährige Tochter sitzt mit im Wagen. Der Vater ist Handwerker und hat noch einen Sohn. Er muss sich jetzt um die Kinder kümmern und aus finanziellen Gründen weiter arbeiten. Er braucht eine Betreuung, die er nicht bezahlen kann. Eine Lehrerin des Sohnes informiert Borsdorff. Der besucht den Vater, lernt die Kinder kennen und hilft.

Vor fünf Jahren konnte er etwas für die Therapie eines Dreijährigen tun, der schwerstbehindert in einem kleinen Rollstuhl saß. Dessen Mutter hat seitdem noch eine gesunde Tochter bekommen, ihr Lebensgefährte ist abgehauen. Diese Mutter hat jetzt Brustkrebs und Borsdorff geschrieben, kurz bevor sie zur Operation musste. Er fragte sie, was er für ihre Kinder tun könne. Die würden so gerne einmal ins Disneyland bei Paris fahren, war die zögerliche Antwort.  Er bringt das Geld dafür.

Borsdorff bekommt viel mehr Anfragen, als er befriedigen kann. Wie wählt er aus? „Bauchgefühl.“ Hat er negative Erfahrungen gemacht? Borsdorff denkt lange nach; dann sagt er: „Nein.“ Woran erkennt er, ob eine Notlage wirklich echt ist? Wie merkt er, dass ihm nichts vorgespielt wird? „Erfahrung.“ Er hat gerne etwas Schriftliches, weil er daraus, wie ein Brief geschrieben ist, schon viel erfährt. Und er geht eben immer hin zu den Leuten, spricht mit ihnen.

Er ist ein ehrgeiziger Mann: 1995 stand noch das Laufen im Vordergrund, und nebenbei wurde gesammelt. Borsdorff war ein ambitionierter Sportler. Bis Mitte der 90er Jahre kam es ihm darauf an, zwei Mal im Jahr den Marathon in weniger als drei Stunden zu laufen.  „Zwei Stunden, 57 Minuten – das habe ich mal geschafft. Dafür musste ich trainieren. Zehn Jahre lang bin ich 5500 Kilometer pro Jahr gelaufen.“ Die Zeiten sind vorbei. Längst geht es ihm vor allem um das Spendensammeln. Drei Tage pro Woche läuft er noch – in der Regel fünf bis zehn Kilometer. „Oft komme ich aber nicht dazu“ – Termine für „Running for Kids“.

„Meiner Freundin habe ich mal gesagt, dass ich nicht beziehungsfähig bin.“ Schließlich ist er mehr als 40 Stunden pro Woche für „Running for Kids“ aktiv – rund sieben Termine allein an einem Wochenende.

Er ist ein sorgfältiger Mensch: Borsdorff führt penibel Buch. Was er Notleidenden gibt, lässt er sich nicht quittieren, aber er schreibt es auf mit Namen, Anschrift, Telefonnummer. Alles ist in seinem mehrere Ordner starken Spendentagebuch verzeichnet. „Jeder Euro, den man mir in die Hand drückt, trage ich hier ein.“ Für 2018 sind es bis jetzt schon mehr als 50 DIN-A-4-Seiten. „Das habe ich immer so gemacht – alles schön auf Papier.“ Eine externe Kontrolle gibt es nicht. „Ich mache das so genau, dass das Finanzamt oder ein Staatsanwalt mich jederzeit kontrollieren kann.“

Er ist ein selbstbewusster Mensch: Wer sich im Internet über „Running for Kids“ erkundigt, sieht vor allem Fotos von Peter Borsdorff. Er ist das Projekt, das Projekt ist Peter Borsdorff. Er weiß, was er will. Und er weiß, was er nicht will: „Keinen Verein. Ich mach‘ das selbst.“ Er sei froh, dass er nie einen eingetragenen Verein gegründet hat. „Dann könnte ich nicht so helfen.“ Er hat keine Lust auf Vorstandsarbeit, auf Absprachen, auf Terminabstimmungen und -kollisionen. „Ich finde dafür keine Mitstreiter.“

Früher half ihm seine Frau Doris, heute hilft ihm seine Lebensgefährtin Inge Zilken-Bendig. Da wird besprochen, beraten, abgewogen; aber er geht den Fällen nach, erkundigt sich, entscheidet und übergibt die Spenden. Das hält er für einen entscheidenden Faktor. „Die Spender sagen mir: ‚Herr Borsdorff, bei ihnen wissen wir, wohin das Geld geht.‘ So ist das, weil ich das Geld immer persönlich überbringe.“

„Den Zeitaufwand, den ich betreibe, würde niemand sonst auf sich nehmen“, sagt Borsdorff. Freunde bieten schon mal Hilfe an, unterstützen ihn in Einzelfällen; aber das dauerhafte Engagement traut er keinem sonst zu – nur sich selbst. In diesem Punkt als eigensinnig charakterisiert zu werden, dagegen wehrt er sich nicht, sondern stellt ohne Umschweife fest: „Einen Nachfolger wird es nicht geben. Die damit verbundene Arbeit, die für mich keine Arbeit ist, wird niemand übernehmen wollen.“

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