Aachen: Risse in belgischen AKW: Folgen für Atomreaktoren weltweit möglich

Aachen : Risse in belgischen AKW: Folgen für Atomreaktoren weltweit möglich

Die tausenden kleinen Risse in den Druckbehältern der belgischen Atomreaktoren Doel 3 und Tihange 2 haben möglicherweise Konsequenzen für alle 439 Atomkraftwerke weltweit.

Bereits im Dezember hatte die belgische Atomaufsicht FANC (Federal Agency for Nuclear Control) mitgeteilt, dass die Zahl der Risse höher sei als angenommen. Nun hat FANC-Chef Jan Bens die Angaben konkretisiert: 13.047 Haarrisse statt 8000 in Doel sowie 3149 statt 2000 in Tihange. Derzeit sind beide Reaktoren abgeschaltet.

Bemerkenswerter als die neuen Zahlen, die das Ergebnis einer verbesserten Ultraschalluntersuchung sind, ist aber die Einschätzung der FANC hinsichtlich der Stabilität der Druckbehälter, in denen sich die Reaktorkerne befinden. Bislang war die Haltung der FANC, dass die Risse bei der Herstellung der Druckbehälter in den 70er Jahren entstanden seien, und somit keine Gefahr für die Stabilität darstellen. Nun zieht die Atomaufsicht erstmals in Betracht, dass Materialermüdung zumindest mitverantwortlich sein könnte. In einer Mitteilung heißt es: „Die unerwarteten Ergebnisse deuten darauf hin, dass die mechanischen Eigenschaften des Materials stärker durch die Strahlung beeinträchtigt wurden als erwartet.“ Eine Einschätzung, die Atomkraftgegner schon seit der ersten Entdeckung der Risse im Sommer 2012 hegen.

Insofern kann man die neue Haltung der als atomenergiefreundlich geltenden FANC als 180-Grad-Wende bezeichnen. Bens, der von 2004 bis 2007 das AKW Doel leitete und dann zum Weltverband der Kernkraftwerksbetreiber wechselte, bezeichnete die nun beobachteten strahlungsbedingten Schäden gegenüber belgischen Medien als mögliches „globales Problem für den gesamten nuklearen Sektor“. Er empfiehlt eine genaue Untersuchung aller Atomreaktoren weltweit.