Drei eigene, zehn Pflegekinder: „Rettungsanker“ für Alsdorfer Jugendamt hören auf

Drei eigene, zehn Pflegekinder : „Rettungsanker“ für Alsdorfer Jugendamt hören auf

38 Jahre lang sind Marion und Detlev Gottwald ein „Rettungsanker“ für das Alsdorfer Jugendamt. Neben den drei leiblichen Kindern haben sie auch zehn Pflegekinder großgezogen. Jetzt hören sie auf – und machen Urlaub.

Diese ungewohnte Ruhe. An die Stille im Haus müssen sich Marion und Detlev Gottwald noch gewöhnen. Erst am 1. April ist Sarah nach zwölf Jahren ausgezogen. Die 20-Jährige war ein Pflegekind der Gottwalds. Präziser: Sie war ihr zehntes und dann auch letztes Pflegekind. Die Gottwalds, die in Alsdorf wohnen, haben nicht nur ihre beiden Söhne (40 und 41 Jahre alt) und die Tochter (25) großgezogen. Es war immer ein sehr lebhaftes Haus. 38 Jahre lang haben sie immer wieder Jugendliche aufgenommen, beim Jugendamt galten sie als „Rettungsanker“, sagt der Amtsleiter. Jetzt ist Schluss. In ein paar Wochen wollen die Gottwalds, sie 64, er 68 Jahre alt, etwas ganz Ungewöhnliches machen: Urlaub, endlich mal außerhalb der Schulferien und dann auch noch alleine.

Im Wohnzimmer der beiden liegen die Fotobücher aus den letzten Jahrzehnten gestapelt, analoge Erinnerungen an die Zeiten, als das Ehepaar gestrandete Kinder aufgenommen hat. Angefangen haben sie damit vor 38 Jahren. Marion Gottwald wollte immer eine große Familie haben, sagt sie. Ihr Mann ist mit sieben Geschwistern aufgewachsen, er kennt ohnehin das turbulente Leben in der Großfamilie. Beim Jugendamt hat sie sich damals als Tagesmutter beworben. Die Behörde hatte aber eine andere Idee. „Zu Ihnen würde auch ein Pflegekind gut passen.“ Ein paar Tage später schon wurde Martin in die Familie gebracht, ein Junge mit einer deutlich verzögerten Motorik.

„Versuchen, die Kinder zu retten“

Detlev Gottwald sagt, er sei mit den Träumen der 68er Generation aufgewachsen. Die ganze Welt ließ sich dann doch nicht retten. „Aber wir können versuchen, die Kinder zu retten, vor allem die, die einen schweren Start im Leben hatten. Kein Kind zurückzulassen ist unsere Motivation.“ Das ist leicht gesagt und schnell aufgeschrieben. Dahinter stecken viele Rückschläge und Probleme. Die Zuversicht der Gottwalds ist nie nachhaltig ins Wanken geraten. Das Paar hat sich gestützt, und auch ihre Geschwister und Eltern, in der Sprache der Pflegekinder die „Onkel und Tanten“, „Omas und Opas“, waren häufig mit eingebunden.

Sie haben den Kindern immer nur einen Rahmen gegeben, sagt Marion Gottwald. Einen lebendigen Anschauungsunterricht, wie so ein Familienleben auch ablaufen kann. Manchmal ist daraus ein zweiter Start in ein anderes Leben geworden. Sarah zum Beispiel, das letzte Pflegekind, ist vor ein paar Wochen in eine eigene Wohnung gezogen. Ihr Berufswunsch: Sie will Erzieherin werden.

Aus Sicht des Jugendamts war diese Familie ein Glücksfall, weil sie die Kinder mit klaren Regeln und sehr viel Zuversicht aufgezogen hat. „Die Gottwalds haben für Kinder, die nie Liebe oder auch nur Berührung erfahren haben, eine Atmosphäre geschaffen, in der sie sich häufig im Laufe der Zeit geöffnet haben“, sagt Sabine Weller vom Jugendamt, die seit ewigen Zeiten mit den Gottwalds zusammenarbeitet. Viel größer kann ein Kompliment für Pflegeeltern nicht ausfallen. „In solchen Familien heilen Wunden meistens am besten“, findet sie.

Gottwalds auch eine Bereitschaftsfamilie

Wohl kaum eine andere Familie in der Städteregion Aachen hat so viele Pflegekinder betreut, dazu kommen noch dutzende Kinder für eine kürzere Zeit, denn die Gottwalds waren immer auch eine Bereitschaftsfamilie, bereit, kurzfristig Kinder aufzunehmen. Manchmal waren es nur wenige Nächte, manchmal wurden daraus Monate. Natürlich hätten sie im Jugendamt gerne weiter mit ihnen gearbeitet. Aber: „Sie haben so viel geleistet, ich gönne ihnen den Abschied von ganzem Herzen“, sagt Herbert Heinrichs, der Leiter des Jugendamts. Eine kleine Hintertür ist offengeblieben, das Amt darf sich in Notfällen noch melden.

In der Silvesternacht ist das Haus eines ehemaligen Pflegekindes abgebrannt. Natürlich öffneten die Gottwalds wieder ihr Haus. Und Claudia zog für einen Monat mit Mann und vier Kindern noch einmal zu ihrer alten Familie. Zu manchen der vielen Kinder sind die Kontakte auch nach dem Auszug bestehen geblieben, einige melden sich fast täglich bei den Pflegeeltern.

Als die Gottwalds erstmals ein Kind aufnahmen, es war der acht Monate alte Martin, gab es in der ganzen Stadt nur 13 Pflegekinder. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich die Zahl vervielfacht. Derzeit sind alleine in Alsdorf 152 Kinder in Pflegefamilien oder bei Verwandten untergebracht. Zwei Millionen Euro wendet das Jugendamt für solche Fälle jährlich auf. Die Pflegeeltern erhalten einen Pflegesatz, der zwischen 800 und 1000 Euro liegt, welcher einen Erziehungsgeldanteil von 257 Euro enthält, sagt Jugendamtsleiter Herbert Heinrichs. Geld sei nie die Motivation der Eltern auf Zeit, wenn sie ihren Dienst antreten. Wenn das einer glaube, solle er einmal die Aufgabe übernehmen, 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag, findet Heinrichs. „Eine Aufgabe, die das ganze Familienleben komplett verändert.“

Anrechnung der Pflegemutterschaft bei Rente

Das nützt den Kommunen, sagt der Amtsleiter. Ein Heimplatz ist nicht unter 5000 Euro im Monat zu haben. Pflegeeltern hingegen entlasteten massiv die städtischen Haushalte. Heinrichs lobt, dass Pflegeeltern etwas für die Gesellschaft leisten – „und werden dafür eher bestraft“. Marion Gottwald kann einen Nachteil benennen: „Es wäre schön, wenn die Zeit als Pflegemutter adäquat auf die Rente angerechnet würde.“

1997 wurden sie vom Jugendamt als „Profi-Pflegefamilie“ eingestuft. Die Auszeichnung setzt voraus, dass ein Eltern-Teil einen pädagogischen Hintergrund besitzt, bei den Gottwalds war die Qualifikation ausschlaggebend. Sie waren das erste und vorerst letzte Paar in Alsdorf, das den Profi-Status erhielt. „Sie haben die Fähigkeit, auch mit schwierigen Kindern gut umzugehen“, sagt Sabine Weller. Marion Gottwald ist gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau, Detlev Gottwald hat bis vor drei Jahren bei der Kernforschungsanlage in Jülich als Maschinenbautechniker im Schichtdienst gearbeitet.

Die Profi-Einstufung hatte mehrere Konsequenzen. Das Erziehungsgeld wurde verdreifacht, weil die Gottwalds fortan vor allem Anlaufstelle für besondere Kinder mit großen Anforderungen wurden. Sie wurden der Rettungsanker für Kinder, die mehrere Beziehungsabbrüche hinter sich haben, deren Eltern häufig Drogen- oder psychische Probleme haben, Kinder, die missbraucht oder fast immer unterversorgt waren. „Wir nennen sie Überlebende“ sagt Weller. Meistens hat ein Amtsrichter entschieden, dass sie in ihrer ursprünglichen Familie nicht mehr gut aufgehoben sind. Und mit dieser Vorgeschichte landen sie dann bei den Gottwalds. „Da bringt jedes Kind sein Päckchen mit“, sagt Marion Gottwald. Es beginnt immer mit einer handfesten Krise. Wenn sie ein Kind aufgenommen hatten, kannten sie auch die Akte, die Vorgeschichte und damit: die Überforderung der Erzeuger. Und sie müssen trotzdem mit den leiblichen Eltern auskommen, wenn die ihre Besuchstermine einfordern. „Anfangs haben mich die Kontakte gestört, weil sie immer für Unruhe gesorgt haben“, sagt Marion Gottwald.

Schulungen für den Umgang mit den Kindern

Als Martin aufgenommen wurde vor 38 Jahren, vertrauten die Gottwalds noch ihrer Intuition, im Laufe der Jahre sind dann viele Schulungen dazu gekommen. Jeden ersten Mittwoch im Monat treffen sich die Erziehungsstellen der Kooperationsjugendämter aus der Region, manchmal sind das Sorgenabende, wenn die Erwachsenen ihren Frust einfach mal abladen wollen. Der Schlüssel zu den Kinderseelen findet sich nicht immer so schnell. Die Gottwalds mit all ihrer Erfahrung waren ein guter Ratgeber in solchen Momenten.

Einen „Glücksfall“ hat Herbert Heinrichs, der seit 40 Jahren im Jugendamt arbeitet, sie genannt, als sie vor ein paar Wochen im Alsdorfer Rathaus erschienen. Bürgermeister Alfred Sonders (SPD) sprach viele schöne Sätze, er überreichte den Silbertaler der Stadt, und dann trug sich das Ehepaar ins Gästebuch der Stadt ein. Der Dank für all den Einsatz ist nicht üblich, die Kommune wollte diesen besonderen Pflegeeltern gegenüber aber unbedingt ihre Wertschätzung ausdrücken.

Die Gottwalds haben nun ein bisschen mehr Zeit für sich, für die Kinder, die fünf Enkelkinder – und für ein anderes Ehrenamt. Detlev Gottwald fährt Rikscha im Ort, das Projekt wird im Rahmen des Programms „Soziale Stadt“ gefördert und ist bei der Caritas angesiedelt. Gottwald und seine Kollegen kutschieren ältere Leute durch die Stadt, sie wollen für ein paar kleine Farbtupfer sorgen.

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