Erster Weltkrieg: Relikte einer bewegten Zeit im Dreiländereck

Erster Weltkrieg : Relikte einer bewegten Zeit im Dreiländereck

Auch wenn die Spuren oft erst auf den zweiten Blick zu lesen sind: Bis heute ist das Dreiländereck von Deutschland, Belgien und den Niederlanden gekennzeichnet vom Unheil des Ersten Weltkriegs.

Aus einer Region der fließenden Grenzen wurde beinahe über Nacht eine von Besatzern und Besetzten. Unmittelbar vor der sprichwörtlichen Haustür entfesselte das Deutsche Reich 1914 den „Großen Krieg“, wie er in der Erinnerungskultur von Belgiern, Franzosen und Briten bis heute heißt – mit dem Einmarsch des 25. Infanterieregiments über die Grenze bei Aachen begann auch für die Bewohner der Grenzregion abseits der Schlachtfelder eine mehr als vier Jahre währende Leidenszeit, die bis heute nachwirkt. Neben bewusst definierten Gedenkstätten sind es aber auch zahlreiche versteckte Orte und Bauwerke, anhand derer die grausame Wirklichkeit des Ersten Weltkriegs auch in der Grenzregion bis heute spürbar ist.

Den Gedenksteinen, Grabstätten, Mahnmalen stehen die mehr oder weniger gut sichtbaren Spuren von Schauplätzen bedrückender Gewalt gegenüber. Es sind Orte, die Geschichte und Geschichten einer aus heutiger Sicht unwirklichen Zeit erzählen. Vom weltbedeutenden Ereignis bis zum tragischen Einzelschicksal ist dabei alles vertreten. Die nicht selten skurril wirkende Einbettung in das heutige Alltagsbild tut ihr Übriges für den unwirklichen Charakter. Nicht wenige Szenarien sind nicht nur für Historiker im Sinne einer zeitgemäßen und -kritischen Gedenkkultur durchaus zu hinterfragen. Ein lebendiger Ort der kollektiven Erinnerung, wie es sie etwa nahe den ehemaligen Schlachtfeldern in Flandern oder Nordfrankreich gibt, ist im Grenzland übrigens bis heute Fehlanzeige.

Steinerne Zeugen im öffentlichen Raum

Vor allem in Ostbelgien finden sich neben einigen vielbesuchten Plätzen vor allem solche, die außerhalb des direkten Umfelds selten bekannt sind. Wo in früheren Jahrzehnten noch vor allem Veteranen und Hinterbliebene mit organisierten Feierlichkeiten das Geschehen des „Grande Guerre“ im Alltag lebendig hielten, führen steinerne Manifeste der Erinnerung oft ein tristes Dasein, oft sind sie nur Fußnoten im öffentlichen Raum. Dennoch gehören sie dazu in Eynatten, Kelmis, Thimister oder Plombières, dies- wie jenseits der Sprachgrenze. Dazu passt der Ausspruch einer älteren Einwohnerin von Henri-Chapelle, wo ein belgischer Löwe exponiert über dem Mahnmal für die Toten des Ortes thront. „Irgendwie waren sie schon immer da, sie fallen auf, aber irgendwie auch nicht“, sagt sie über dieses und andere Mahnmale.

Aus heutiger Sicht dürfte das Ambiente des organisierten Erinnerns früherer Jahrzehnte durchaus mit den bekannten Schützenumzügen vergleichbar sein. So sollen etwa in den 1920er Jahren in den Gemeinden rund um Eupen immer wieder Festumzüge stattgefunden haben, wenn es ein neues Denkmal einzuweihen gab – inklusive Dankgottesdienst und Einsegnung durch den örtlichen Pfarrer. Der Zustrom in die altehrwürdigen Organisationen ist heute allerdings vergleichsweise gering. Da längst auch die Anwesenheit von Veteranen des Zweiten Weltkriegs zur Seltenheit geworden ist, sind es heute die Nachgeborenen derer, die an den Kriegen teilnahmen und mit ihren Fahnen und Uniformen bis heute der Szenerie einen militärischen Grundton geben.

Anderswo hingegen wird konkreten Ereignissen, nicht selten deutschen Gräueln und Gewalttaten an der belgischen Zivilbevölkerung, gedacht. Mitunter sind die grausamen Szenen, die sich vor allem in den ersten Wochen und Monaten seit Kriegsausbruch abgespielt haben, gar auf den Gedenkbauwerken zu sehen.

Spuren von Gräueln am Kreisverkehr

Auf dem Kriegerdenkmal von Blegny etwa, wenige Kilometer östlich von Lüttich an einem Kreisverkehr gelegen, ist der Moment dokumentiert, in dem vier Männer des Ortes von kaiserlichen Soldaten an der Kirchenmauer erschossen wurden. Unerwarteter Widerstand der Belgier hatte die deutschen Truppen verunsichert, darüber sind sich Historiker einig. Zudem machte die Angst vor sogenannten Franc-tireurs, militärisch ausgebildeten Heckenschützen in zivil, die Runde. Obendrein gab es sogar Schauergeschichten über die vermeintliche Blutrünstigkeit der belgischen Bevölkerung. Was folgte, waren Kriegsverbrechen – willkürliche Erschießungen von Zivilisten in Dinant, Battice oder Baelen, und eben auch in Blegny.

Wieder anderswo gibt es einen Helden zu verehren. Die Welt kennt seinen Namen nicht. In Belgien aber erinnert man sich an Antoine-Adolphe Fonck aus Verviers als ersten Toten des Krieges. Am Vormittag des 4. August soll der damals 21-Jährige auf einem Aufklärungsritt gewesen sein, als er vorrückende deutsche Soldaten entdeckte. Der junge Mann soll sich allein den Invasoren gestellt und auf sie gefeuert haben, ehe er auf dem Rückzug tödlich getroffen wurde, heißt es in Erzählungen. Seit 1923 steht „sein“ Mahnmal an der alten Verbindungsstraße Aachen-Lüttich oberhalb von Thimister-Clermont, von wo es sich wunderbar ins hügelige Ländchen blicken lässt.

Kriegsmaschinerie und Zwangsarbeit

Auf dem kleinen Friedhof im Ort Moresnet-Village erinnert eine schlichte Gedenktafel an den Tod von neun russischen Soldaten. Sie steht stellvertretend für das Schicksal von rund 2000 ihrer Landsleute. Sie waren in den Jahren 1915 und 1916 in Sichtweite als Zwangsarbeiter eingesetzt – beim Bau des Eisenbahn-Viadukts, der auf 1150 Metern Länge das Göhltal überspannt. Weil die Bahnstrecke Aachen-Herbesthal zur Versorgung der deutschen Truppen in Flandern überlastet war, wurde im Mai 1915 mit dem Bau der gewaltigen Brücke als Teil einer Entlastungsstrecke bis Tongeren begonnen. Über das spätere Schicksal der Zwangsarbeiter ist wenig bekannt. Immer wieder sollen sich einzelne das Leben genommen haben, berichtet der Historiker Herbert Ruland.

Andere versuchten die Flucht in die benachbarten Niederlande, scheiterten aber immer wieder an dem Hochspannungszaun, der ab 1915 die Grenze zwischen Belgien und den Niederlanden sichern sollte. Hier endeten auch die Leben der neun Männer, denen die Tafel auf dem Friedhof in Moresnet gewidmet ist.

Im Wald nahe dem belgisch-niederländischen Grenzort Sippenaeken erinnert ein grober Stein an ein heute weitgehend vergessenes Kapitel des Ersten Weltkrieges. Der Hochspannungszaun, 1915 auf 300 Kilometer Länge zwischen dem damaligen Vierländereck am Vaalserberg und der Nordseeküste bei Cadzand erbaut, bildete in den Jahren des Weltkriegs ein tödliches Hindernis für Verzweifelte auf dem Weg in die neutralen Niederlande.

Jüdische Kriegshelden in Aachen

Das erschreckend harmlos als „Grenzhochspannungshindernis“ bezeichnete Bauwerk soll mindestens 2000 Fluchtwillige das Leben gekostet haben. Nach 1918 verschwanden die Zäune, Wachtürme und Befestigungen nach und nach, Bauern nutzten Überbleibsel wie Holzpfähle und Draht für Weidebegrenzungen.

Auch weiter östlich offenbaren sich die Spuren des Ersten Weltkriegs bis heute an unerwarteten Stellen. Militär gehörte in den Jahren 1914 bis 1918 in der Grenzstadt Aachen zum Alltagsbild, während die Front einige Hundert Kilometer entfernt lag. Kaum ein Ort kündet vom grenzenlosen Sterben so sehr wie der Waldfriedhof. Kriegstote aus 16 Nationen sind hier bestattet, unerwartet erscheint auch der Davidstern auf dem sogenannten Ehrenfriedhof.

Auf einem kleinen abseits gelegenen Gräberfeld sind jüdische Mitbürger begraben. Die meisten Inschriften sind stark verwittert, zwei der Steine künden jedoch noch von persönlichen Schicksalen: Carl Holländer und Josef Damel starben als Soldaten für ein Land, in dem Angehörige ihrer Religion gut zwei Jahrzehnte nach dem „Großen Krieg“ nicht einmal mehr das Recht auf Leben haben sollten.

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