Region/USA: Reisebericht „Race Across America“: Erleichtert im Ziel angekommen

Region/USA : Reisebericht „Race Across America“: Erleichtert im Ziel angekommen

Vom 16. Juni an radeln vier Männer aus der Region von Kalifornien aus quer durch die USA. Im Viererteam von der Westküste an die Ostküste, nonstop — beim härtesten Straßenrennen der Welt, dem „Race Across America“. Bei uns berichten sie regelmäßig von ihrer Reise.

24. Juni: Endlich im Ziel!

Die letzten 24 Stunden hatten es in sich. Wegen Ulis krankheitsbedingtem Ausfall mussten wir umdisponieren. Zu dritt waren wir praktisch immer entweder auf dem Rad oder in Bereitschaft im Van - nur unterbrochen von kurzen Pause im Wohnmobil. Die Crew musste neu organisiert werden und hat eine unglaubliche Unterstützung geleistet. Aus dem vermeintlichen Nachteil wurde so eher ein Vorteil.
Uli ist inzwischen auch wieder wohlauf und konnte den Zieleinlauf auf den letzten drei Meilen mitfahren.

In der Nacht zu heute kam noch ein starkes Unwetter mit heftigen Windböen. Trotzdem lief das Rennen natürlich weiter. In den Orten, die wir durchfuhren, flogen die Mülltonen auf die Straße. Es gab einen Unfall bei einem österreichischen Team: Fahrer unverletzt, aber der Karbonrahmen des Rades hat einen Totalschaden.

Beim Fahren im Starkregen beschlagen die Visiere von innen, die profillosen Reifen sind völlig ungeeignet, die Felgen mit den hohen Stegen sind extrem windanfällig, die Sicht ist stark eingeschränkt — es ist eigentlich unfahrbar.

Und genau in dieser Situation entschied sich unser interner Wettkampf mit einem irischen 4er-Team (in der Klasse bis 50 Jahre, also 20 Jahre jünger), der schon über Tage lief. Inzwischen waren die beiden Teams befreundet, aber auf der Strecke war Wettkampf angesagt. Zeitweise lagen wir über zehn Minuten vorne. Die Iren waren aber am Ende genau zwölf Minuten früher im Ziel als wir.

Die Mannschaft im Ziel. Foto: Maxi Hupp

Die gemeinsame Feier nach dem Zieleinlauf war irre: Unsere eigenen Ziele wurden alle übertroffen. Am frühen Morgen des 24. Juni gegen 2.30 Uhr sind wir nach sieben Tagen, elf Stunden und sieben Minuten in Annapolis ins Ziel eingefahren. Im Vorfeld hatten wir eine Marschtabelle mit verschiedenen Ziel-Zeiten erstellt:

Ein weiteres großes, „qualitatives Ziel“ haben wir auch erreicht: Trotz permanentem Schlafmangels, vielen Stresssituationen, Defekten, Radverlust, Krankheit von Uli, Gewittern ubd Wolkenbrüchen hatten wir als Team Riesenspaß und viele unvergesslich Erlebnisse. Je größer die Herausforderung war, umso mehr Motivation und Kreativität zur Lösun aktueller Probleme brachte jeder Einzelne ein.

Jetzt wird zusammengepackt. Räder und Material gehen am Dienstag wieder zurück über den großen Teich. Heute Abend wird erst einmal gefeiert: Abschluss-Bankett und die große Siegerehrung und ganz sicher dabei nach langer Zeit wieder mal ein frisches Budweiser.

(Paul Thelen)

23. Juni: Ein ungeplanter Zwischenfall

Noch ein paar kurze Nachrichten aus Oakland, Maryland: Uli musste seiner Nebenhöhlen-Entzündung Tribut zollen. Die vergangene Nacht hat er im Bett, sprich in einer Koje in unserem Wohnmobil, verbracht. Er ist in der Obhut unseres mitfahrenden Mediziners Roland Fuchs. Das hat zu einer größeren Änderung unserer Rennplanung geführt. Den Rest der Strecke bis zum Ziel fahren wir zu Dritt und nehmen Uli, der grandios gekämpft hat, kurz vor Zieleinfahrt in unsere Mitte.

Paul Tehelen kämpft bei der Nachtfahrt. Foto: Maxi Hupp

Bis dahin ist harte Arbeit angesagt. Alle, insbesondere auch die Crew, haben noch weniger Schlafzeit. Von uns drei Fahrern wird jetzt alles abverlangt. Etwa Zweidrittel der Apalachen sind bewältigt — das letzte Drittel ist das höchste mit steilen Abfahrten. Der Ausfall von Uli hat den Adrenalinspiegel bei allen noch mal erhöht. Aber: Trotz großer Müdigkeit sind alle gut drauf. Wir erwarten ein tolles Ergebnis...welches, wissen wir aber selbst noch nicht!

(Paul Thelen und Maxi Hupp)

23. Juni: Die letzten 513 Meilen

Gestern hatten wir größere Probleme mit drei platten Reifen und mussten in den Abendstunden eine Gewitterfront durchqueren. Außerdem hat Uli eine Nebenhöhlen-Entzündung, die von Doc Roland behandelt wird. Jetzt sind wir in Chillicote/Ohio und haben „nur“ noch 513,3 Meilen, also 820,8 Kilometer, zu fahren.
Wir haben inzwischen mehr Kilometer zurückgelegt, als bei der Tour, der Vuelta und dem Giro gefahren werden.

In der letzten Schicht von Roland und Paul war „hammer-time“ - im leicht hügeligen Gelände mit Rückenwind konnten wir nochmal voll aufdrehen und Stundenschnitte zwischen 35 und 40 km/h fahren.

Roland Fuchs in den Hügeln Ohios. Foto: Maxi Hupp

Jetzt fahren Rolf und Uli und bald verlassen wir Ohio in Richtung West Virginia. Dann steht uns das letzte große Hindernis bevor, die Apalachen, vor denen wir Riesenrespekt haben. Aber wir liegen gut in der Zeit und sind sicher, dass wir unser Ziel „Ankunft in Wertung unter neun Tagen“ sicher erreichen werden, falls nichts Unvorhergesehenes passiert. Eben haben wir einen japanischen Solofahrer überholt, der den Kopf kaum noch hoch halten kann und als „Stütze“ ein Band vom hinteren Helm zum Rücken (Trikot) angelegt hatte. Unser allergrößter Respekt gilt allen Solofahrern und -fahrerinnen!

Über unsere voraussichtliche Endzeit wollen wir hier noch nicht spekulieren. Wir haben ein gutes Gefühl, aber in den Apalachen kann noch vieles passieren. Wir sind alle hochmotiviert, haben eine tolle Crew, die einen Riesenjob macht. Jetzt gibt es noch die „afterrace“-Massage und eine riesige Portion Nudeln und dann etwas Schlaf im fahrenden Motorhome und gegen 2 Uhr in der Nacht lösen Roland und Paul die beiden jetzt fahrenden Rolf und Uli ab.

(Sven Vonderhagen)

21.-22. Juni: Zwei Drittel sind geschafft

Nur noch knapp 1000 Kilometer liegen vor unserem Quartett beim Race Across America (RAAM). Inzwischen haben Paul Thelen, Roland Fuchs, Uli Reich und Rolf Nett den US-Bundesstaat Missouri erreicht. „Zwei Drittel haben wir schon geschafft“, sagt Thelen am Telefon. Am Donnerstag sah alles noch perfekt aus.

„Es ist unglaublich“, sagte er, alle seien fit, der Mississippi in Reichweite, danach die Achterbahnfahrt durch die hügeligen Appalachen. „Wir sind fest überzeugt, dass wir am Ziel ankommen.“

Wenige Stunden später sah die Sache schon weniger gut aus. Drei Mal hintereinander hatte Fuchs einen Plattfuß am Rad. Folge: 30 Minuten Verzögerung. Und: Uli Reich laboriert an einer beginnenden Nebenhöhlenentzündung. Fraglich, ob er weitermachen kann.

„Eventuell müssen wir umstellen und zu dritt zu Ende fahren“, schreibt Thelen heute früh per SMS. Aber: „Wir haben schon die Streckenlänge von Tour, Giro d’Italia oder der Vuelta übertroffen“.

(Georg Müller-Sieczkarek)

18.-20. Juni: Durch die endlose Prärie

„Halfway point for RAAM 2018: 1534 miles to go“ - so steht es am frühen Mittwochmorgen in unserem Routebook. Mittlerweile hat das Team Kansas erreicht und Racer Roland Fuchs ist es, der zwischen Greensburg und Pratt den Meilenstein von der Hälfte der Strecke erreicht.

Das Wichtigste ist, dass das Team trotz einiger kleiner Probleme gut vorankommt und im eigenen Zeitplan liegt. Wir mussten den Diebstahl eines Rades kompensieren, was uns gut eine Stunde gekostet hat. Eine große Gewitterzelle hat uns heute Nacht aufgehalten, sodass wir unser Rennen für drei Stunden unterbrechen mussten.

Roland Fuchs durchquert das Gewitter. Foto: Maxi Hupp

Die „Equipe Hubert Schwarz: Alter hat Klasse“ hat bereits das wundervolle Monument Valley und die Rocky Mountains mit den teils sehr steilen Anstiegen hinter sich gelassen und befindet sich jetzt auf den endlosen Highways der Great Plains. Diese führen langsam hin zu den Appalachen, wo nochmals viele Höhenmeter auf unsere Racer warten.

Hier in Kansas, dem fünften Bundesstaat, den wir heute Nacht durchqueren, können wir ordentliche Geschwindigkeiten erreichen: Flaches Profil und Rückenwind erlauben Stundenschnitte von bis zu 40 Stundenkilometer.

Road Movie auf zwei Rädern: Jetzt geht es durch die endlose Prärie. Foto: Maxi Hupp

Die Landschaft ist relativ eintönig: Monokulturen von Mais und Getreide und große Weideflächen mit unzähligen Rindern. Uns bietet sich ein Blick von Horizont zu Horizont.

(Paul Thelen und Maxi Hupp)

17. Juni: Die Nacht in der Mohave-Wüste

Nach Einbruch der Dunkelheit war für mich der erste Part für die Durchquerung der Mohave-Wüste vorgesehen. Es war mit 26 Grad Celsius angenehm warm. Der inzwischen tiefschwarze, wolkenlose Himmel zeigte für deutsche Verhältnisse eine unvorstellbar große Zahl von Sternen, die majestätisch am weiten Firmament funkelten. Die Milchstraße zog sich wie ein breites hellgraues Band über die schwarze Unendlichkeit. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass der nächtliche Himmel über der Wüste auch für einen Nicht-Astrologen ein so eindrucksvolles Erlebnis sein kann.

Der nächtliche Himmel über der Mohave-Wüste. Foto: Maxi Hupp

Dazu kam die absolute Stille. Die Straße war schnurgerade und völlig flach und hatte eine perfekte Asphaltdecke. Es regte sich kein Lüftchen. Der Autoverkehr war gänzlich zum Erliegen gekommen. So war ich vollkommen allein in dieser einzigartigen Landschaft, allein mit mir und meiner Wahrnehmung von so vielen unerwartet schönen Eindrücken. Ich kam zu einem ganz gleichmäßigen Trittrhythmus mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 35 km/h. Der Lichtkegel meiner Fahrradbeleuchtung wurde zwar verstärkt durch das hinter mir fahrende Begleitfahrzeug, ging über 15 Meter aber nicht hinaus. Die eingeschränkte Sicht und der fehlende Fernblick gaukelten mir eine viel höhere Geschwindigkeit vor als ich tatsächlich fuhr.

Die Gemeinsamkeit der verschiedenen Faktoren wie dem sternenübersäten, schwarzen Himmel, der angenehmen Temperatur, der geraden, flachen Straße mit dem idealen Asphalt, der erhabenen Stille, dem fehlenden Autoverkehr und der ganz gleichmäßigen, rhythmischen Bewegung der Beine führten zu einem mächtigen, nie erlebten Ausstoß von Endorphinen, die ein einzigartiges Glücksgefühl erzeugten. Das nächtliche Radfahren in der Wüste ist zu einem unvergesslichen Erlebnis geworden, von dem ich noch meinen Enkeln erzählen werde.

(Roland Fuchs)

16. Juni: Start!

Der Starttag des Race Across America war gleichzeitig der 75. Geburtstag unseres Fahrers Paul Thelen. Bereits früh am Morgen wurde Paul in der Teamrunde mit Geburtstagskuchen und Ständchen gefeiert. Ein besseres Omen für das Rennen konnte es wohl kaum geben. Gegen 11 Uhr wurde es langsam ernst: Brütende Mittagshitze am Pier von Oceanside. Auf dem großen Parkplatz, den sonst Strandbesucher nutzen, standen die Follow Vehicles fein säuberlich aufgereiht; darunter auch unser Dogde-Van mit der Team-Nummer T 406.

Um kurz vor 12 Uhr bildete sich die Startreihenfolge: Erst die 2er-Teams, dann die 4er und schließlich die 8er. Alle Fahrer der Teams starteten hier am Vorstart gefolgt von den jeweiligen Follow Vehicles im Minutenabstand. Feierlich und lautstark wurde die amerikanische Nationalhymne intoniert. Unmittelbar danach rollte das erste 2er-Team mit seinem Follow Vehicle über die Startlinie durch den großen Startbogen. Vielstimmiger Applaus der vielen Zuschauer, die den ersten Kilometer der Startgeraden säumten, begleitete die Fahrer. Gänsehautatmosphäre für alle Teilnehmer!

Unser Team T 406 überquert als sechstes Viererteam eine Minute nach unserem ‚Schwesterteam‘ „Cycle For Ulms Kleine Spatzen“ (Ü50), auch gemanagt von Hubert Schwarz, die Startlinie. Das eigentliche Rennen war damit aber noch nicht freigegeben. Bis Kilometer 13 fuhren alle Racer in kompletten 2er-, 4er- und 8er-Teams im gemächlichen Tempo und geleitet von Polizeimotorrädern. Ab da wurde das Rennen freigegeben und bei uns übernahmen Rolf und Uli die erste etwa achtstündige Rennschicht.

Das Team startete als sechsten Viererteam. Foto: Maxi Hupp

Nach einer relativ flachen und kurzen Anfahrt kam der erste lange Anstieg des RAAM. Der 1200 Meter hohe Mt. Palomar, der höchste Berg in den Coastal Mountains, wurde von Uli und Rolf erklommen. Danach stürzte sich Rolf in die spektakulärste Abfahrt des gesamten RAAM in den sogenannten „Glass Elevator“. Mit bis zu 80 km/h ging es — immer mit der Gefahr von gefährlichen Seitenwinden — hinunter in die Mohave-Wüste.
Besonders die Sandstürme machten dem Team zu schaffen. Glücklicherweise trieb die Racer ein starker Rückenwind an, sodass das Team mit einer super Zeit durch die Wüste kamen

Uli und Rolf registrieren zudem hohe Temperaturunterschiede: Oben auf dem Mt. Palomar sind es immerhin 20 Grad Celsius und unten in der Wüste kurz vor Sonnenuntergang trocken-warme 40 Grad.

Der erste Schichtwechsel auf Roland und Paul erfolgte gegen 20 Uhr. Die beiden mussten danach für die nächsten acht Stunden, jeweils im Wechsel von einer Stunde Zeitfahren und einer Stunde Erholung im Follow Vehicle, in der Nacht die Wüste möglichst schnell durchqueren.

(Paul Thelen)

15. Juni: Der Tag vor dem Rennen

„Seems it never rains in Southern California...“, sang schon Albert Hammonds 1972. Und tatsächlich: Bei angenehmen 23 Grad und strahlendem Sonnenschein posieren (v.l.) Ulrich Reich, Roland Fuchs (Stolberg), Rolf Nett und Paul Thelen (Würselen) an der Pier von Oceanside bei San Diego (Foto: Maxi Hupp). Zusammen mit ihrer zehnköpfigen Begleitcrew sind sie in der kalifornischen 140.000-Einwohner-Stadt angekommen.

Am Samstag um 12 Uhr Ortszeit (21 Uhr MESZ) geht das Quartett beim legendären Nonstop-Radmarathon Race Across America an den Start. Doch Strandfreuden im Surferparadies sind nicht angesagt. Stattdessen jede Menge Vorbereitungen: Checks der Räder und der zwei Wohnmobile, Briefings, Proviant kaufen und Pressetermine. Doch wenigstens bei einer Testfahrt auf den ersten der 4800 Kilometer konnten die super-fitten „old guys“ schon einmal Radluft schnuppern.

Die Vorbereitungen

Das Team: „Alter hat Klasse“

Zusammen bringen es Rolf Nett aus Buchholz im Westerwald, Ulrich Reich aus Hennef, der Stolberger Professor Roland Fuchs und Paul Thelen aus Würselen immerhin auf 280 Jahre Lebenserfahrung, was denn auch erklärt, warum sie ihr Team „Alter hat Klasse“ getauft haben.

Alle vier haben ein Alter erreicht, in dem andere längst aufs E-Bike umgestiegen sind — wenn sie sich denn überhaupt noch irgendwie sportlich betätigen. Aber sie wissen, was sie sich da vorgenommen haben. Der 65-jährige Rolf Nett etwa ist das Rennen schon vier Mal im Viererteam gefahren und hält seit 2011 einen Streckenrekord in der Klasse Ü 50-59/Mixed.