Aachen: Reise durch Kommunen: Ines Kubat ist Stadtschreiberin für die Region

Aachen : Reise durch Kommunen: Ines Kubat ist Stadtschreiberin für die Region

Im Mittelalter war der Stadtschreiber an der Spitze der Verwaltung, führte die Stadtkorrespondenzen, fertigte Urkunden — im Jahr 2014 geht es da weniger bürokratisch zu. Ines Kubat ist für vier Monate die Stadtschreiberin für die Region Aachen.

Der Zweckverband Region Aachen hatte Kubat unter 20 Bewerbern für das Projekt ausgewählt. Seit Juni erkundet die 24-Jährige nun die Stadt Aachen, die Städteregion sowie die Kreise Düren, Euskirchen und Heinsberg. „Was die Region besonders ausmacht, ist ihre Größe. Das ist auch eine Herausforderung“, sagt Kubat, die ihre Erlebnisse in dem sehr persönlichen Blog „stadt.land.text.“ schildert.

Der Zweckverband zahlt der Stadtschreiberin ein Gehalt von 1000 Euro monatlich und ein Bahnticket für die Region. Vorgaben für die Umsetzung des Projekts hat Kubat nicht. Weder was oder wie viel sie schreibt. Kubat möchte ihre Aufgabe, die sie als „Traumberuf“ bezeichnet, gewissenhaft erledigen. Ihr Ziel: „Als Stadtschreiberin würde ich gern zeigen, dass die Region viel zu bieten hat“, sagt sie ernst. Sie habe jetzt die Pflicht und die Chance, die ganzen Kreise mal kennenzulernen. Die junge Frau, die in Nordhessen großgeworden ist, lebt zwar seit vier Jahren in Aachen, aber während ihres Studiums — Anglistik und Politik — habe sie die Region kaum erkundet. Nach Monschau habe sie schon immer gewollt — und es für den Blog auch endlich gemacht.

Das Reisen durch die Kommunen ist jetzt ihr Vollzeitjob. Für Kubat, die gerade ihr Studium beendet hat, eine tolle Chance. Schließlich will die 24-Jährige das Schreiben zum Beruf machen und hat bereits als freie Mitarbeiterin im Zeitungsverlag Aachen gearbeitet. Ihren Ansatz für den Blog beschreibt sie so: „Es hört sich etwas esoterisch an, aber ich versuche, das Gefühl an den Orten aufzusaugen.“ An manchen Tagen ist sie einfach unterwegs, schlendert allein durch die Städte, lässt die Eindrücke auf sich wirken. An anderen Tagen lässt sie sich Städte zeigen.

Durch Stolberg hat sie sich führen lassen. „Das ist ja eine dieser Städte, von denen man ein Bild hat, bevor man da war. Von wegen: Es stinkt, wenn man vorbeifährt, oder Nazistadt.“ Als Kubat dann auf der Burg war und die Altstadt entdeckte, war sie überrascht. „Das ist ja wunderschön.“ Diesen Aha-Effekt würde sie sich auch für die Menschen in der Region wünschen. „Sie sollten manchmal genauer hingucken.“ Auch wenn manch einer nicht den Eindruck habe, sei doch viel los, es gebe ein abwechslungsreiches Kulturangebot. „Aber die Leute merken oft nicht, was abseits ihrer Stadt passiert“, sagt Kubat bedauernd.

Die Stadtschreiberin sieht viel Potenzial durch die Industriegeschichte, die Grenzgeschichte, die Multikulturalität. Sie möchte für das Besondere, das Spannende ein Bewusstsein schaffen und wünscht sich, dass die Region zusammenwächst. „Aber das kann ich nicht in vier Monaten mit einem Blog bewirken.“

Mit der bisherigen Resonanz ist sie aber zufrieden. Die Zwischenbilanz nach zwei Monaten: 500 Menschen folgen der Stadtschreiberin im sozialen Netzwerk „Facebook“. Der Blog hat 100 Nutzer am Tag. Die Auswertungen ergeben, dass die Nutzer drei oder vier Minuten auf der Seite bleiben. „Die lesen die Texte also tatsächlich, was natürlich sehr schön ist“, sagt Kubat strahlend.

Inzwischen trudeln täglich Mails ein, Einladungen von Vereinen oder Privatleuten, die Kubat in ihre Stadt, zu ihrem Treffen oder einen besonderen Ort lotsen wollen. Die Stadtschreiberin freut sich über Anregungen. Manchmal ist sie dann aber auf Tipps vom Zweckverband angewiesen — in Kommunen, in denen nicht so viel los ist. Kubat versucht, ausgewogen zu berichten, also aus allen Kreisen etwa gleich viele Texte zu schreiben. „In der Städteregion kommen mir aber mehr Themen entgegen als etwa im Kreis Euskirchen“, sagt sie etwas entschuldigend. Ihren Fokus möchte sie auf unbekanntere Sachen lenken. Demnächst besucht sie beispielsweise einen Chor mit Taubstummen, sie verbrachte einen Tag als Lokführerin der Selfkantbahn, zwei Tage im Kloster.

Das Spannendste für Kubat bis jetzt war ein Tag, den sie mit einem sogenannten Urban Explorer aus Eschweiler verbracht hat. „Die interessieren sich für verlassene stillgelegte Ort wie Kirchen, Krankenhäuser, Schulen oder Industriegelände und schauen sie sich an“, erklärt Kubat. Ein eher ungewöhnliches Thema, doch dann überrascht Kubat eben auch mit etwas so bodenständigen wie einem Text über das Wandern am Eifelsteig. „Ich versuche, für alle Altersgruppen zu schreiben und will die Leser aus ihrer Komfortzone locken.“

Etwas mehr Komfort würde sich Kubat allerdings bei der öffentlichen Nahverkehrsanbindung in der Region wünschen. „Von Aachen nach Euskirchen und dann nach Heinsberg — das ist eine Weltreise.“ Und so sieht Kubat, die als Stadtschreiberin unsere Region bekannter machen soll, das größte Hindernis in dem fehlenden Zusammengehörigkeitsgefühl. „Die Leute sehen sich nicht als Einheit.“ Der Schuldige für Kubat: die geografische Lage. In Euskirchen orientierten sich die Leute nach Köln, in Heinsberg nach Mönchengladbach. „Aachen ist für die weit weg.“

Ironischerweise hat genau die geografische Lage Kubat, die Nordhessin, nach Aachen geführt. Nach dem Abitur hatte sie sich an vielen Universitäten bundesweit eingeschrieben und bekam überall Zusagen. „Aachen schien mir perfekt“: nicht zu groß, aber nah an großen Städten wie Köln, nicht zu weit weg von zu Hause, nah an den Niederlanden und Belgien und somit am Meer. „Diese Vielfalt, das fand ich unglaublich reizvoll“, schwärmt Kubat, für die Aachen inzwischen ihr Zuhause ist.