Aachen: „Regional, saisonal, frisch muss es sein“: Wie sich das Essen ändern soll

Aachen : „Regional, saisonal, frisch muss es sein“: Wie sich das Essen ändern soll

Ursula Hudson liebt das Kochen, Gärtnern und Essen. Und sie liebt es, andere Menschen davon zu überzeugen, es ihr gleich zu tun. Seit 2012 ist sie die Vorsitzende des Vereins Slow Food Deutschland, der Teil einer internationalen Bewegung ist, die sich für den nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln einsetzt.

Im Gespräch mit Katharina Menne erzählt sie, warum Genuss und Wertschätzung der erste Schritt zu einer besseren Welt sind, und was sie von der Politik erwartet.

Viele Menschen fragen sich, was sie als erstes tun sollen, um die Welt ein bisschen besser zu machen. Was würden Sie sagen?

Ursula Hudson: In meinen Augen — nicht verwunderlich wahrscheinlich — kann man gut bei der Ernährung anfangen. Den Bereich können wir nicht ausschalten. Jeder muss essen, sogar mehrmals täglich. Und unser Umgang mit Lebensmitteln ist für viele Probleme verantwortlich — indirekt sogar für die Migrationsproblematik. Mein konkreter Tipp ist: Das Essen wieder mehr ins Zentrum rücken, bewusster und natürlicher essen, und öfter fragen, woher unser Essen eigentlich kommt. Wer zum Beispiel bei tierischen Produkten seinen Konsum etwas zurück- und dafür die Qualität hochschraubt, der tut schon eine ganze Menge.

Bei vielen Menschen spielt aber eher der finanzielle Aspekt eine Rolle. Sie fragen sich, wie sie möglichst günstig ihre Familie satt bekommen. Was tun sie, um diese Menschen bei Ihren Forderungen nicht zu vergessen?

Hudson: Das ist in der Tat eine trickreiche Geschichte. Das Wichtigste ist eigentlich, kochen zu können. In der Fleischtheke im Supermarkt liegen nur noch die Edelstücke. Wir lernen gar nicht mehr, das ganze Tier zu verwerten. Dabei würden viele günstige Stücke abfallen, die zurzeit auf dem Müll landen. Oder welches Kind weiß heute noch, was Pastinaken sind oder wie man Fenchel kocht? Und auch die Menge macht’s. Wir sollten zum Beispiel viel weniger Fleisch essen und es stattdessen mehr genießen. Der Verbraucher alleine kann es allerdings nicht richten. Da ist vor allem die Politik gefragt.

Inwiefern?

Hudson: Es sollten zum Beispiel grundsätzlich keine Tiere aus Massenproduktion mehr verarbeitet werden dürfen. Überhaupt braucht es Anreize, die Tierhaltung zu verbessern oder auf ökologische Landwirtschaft umzustellen. Die landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland gehören mehrheitlich großen Konzernen, die nicht ökologisch-sozial, sondern wirtschaftlich denken. Die bekommen ihre Flächensubventionen, egal ob dort Energiepflanzen wie Raps oder Lebensmittel wie Kartoffeln oder Getreide wachsen. Die Politik müsste die Subventionen auf die Leistung ausrichten, auf die Bemühung des Landwirts, die biokulturelle Vielfalt oder die Qualität des Wassers und des Bodens zu erhalten.

Zurzeit hat man aber oft das Gefühl, dass alle Probleme der Ernährungskultur auf den Schultern der Landwirte abgeladen werden.

Hudson: Nein, das darf natürlich nicht sein. Die Bauern müssen unbedingt mitgenommen werden. Sie folgen dem von außen vorgegeben Muster der Produktionssteigerung. Ihnen wird vermittelt, dass sie nicht nur die Deutschen mit ihren Produkten sättigen, sondern am besten noch Überschüsse haben und exportieren sollen. Die stehen mit dem Rücken zur Wand.

Sie sind bewusste Fleischgenießerin. Slow Food will aber auch Vegetarier nicht vergraulen. Wie passt das zusammen?

Hudson: Für mich steht die Frage nach der Herkunft des Produkts an erster Stelle. Regional, saisonal und frisch — das ist entscheidend. Da ist es erst mal egal, ob es um tierische oder pflanzliche Lebensmittel geht. Es macht keinen Sinn auf tierische Produkte als ganz großes Übel einzuschlagen. Denn viele vergessen, welche Zusatzleistungen Weidetiere wie Kühe oder Schafe erbringen können, wenn man sie entsprechend hält. Und schließlich kommt es auch bei vegetarischen und veganen Ernährungsstilen darauf an, dass Lebensmittel und vor allem Fleischalternativen wie Soja aus einer guten, sauberen und fairen regionalen Produktion stammen.

Passend zum Lutherjahr 2017 haben Sie zusammen mit Misereor „95 Thesen für Kopf und Bauch“ herausgegeben, begleitet von Diskussionsveranstaltungen. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Hudson: Wir von Slow Food wollten auf die Reformbedürftigkeit und auf die eklatanten Missstände in unserer Nahrungsmittelproduktion aufmerksam machen und haben dafür einen Partner gesucht. Misereor hat sich sofort bereit erklärt. In zahlreichen Planungssitzungen sind dann tatsächlich 95 Thesen zu den Themen Erde, Wasser, Boden, Klima, Pflanzen, Tiere, Einkaufen, Essen, Genießen und Global Denken entstanden, die wir bildlich an die „Kirchentür“ der Gesellschaft anschlagen. In der Abschlussveranstaltung wollen wir Visionen entwickeln, wie die Ernährungswende umgesetzt und von jedem Einzelnen mitgetragen und gestaltet werden kann.