Dortmund: Recherche mit vielen: Dortmunder sollen Unterrichtsausfall melden

Dortmund : Recherche mit vielen: Dortmunder sollen Unterrichtsausfall melden

Ein besseres Schulsystem - wer will das nicht? Auch die Tageszeitung „Ruhr Nachrichten” und das gemeinnützige Recherchezentrum Correctiv wollen dazu beitragen. Zwei Monate vor der Landtagswahl nehmen sie sich dazu in Dortmund das Dauerbrennerthema Unterrichtsausfall vor.

„Wie viel Unterricht fällt wirklich aus?” ist die Leitfrage bei einem Recherche-Projekt, bei dem in der Ruhrgebietsstadt einen Monat lang Schüler, Eltern und Lehrer Informationen liefern können - und sollen. Die ausgefallenen Stunden wollen die Macher in einer Online-Datenbank erfassen. „Unterrichtsausfall - Der Check” heißt das Projekt. Mittwoch geht es los.

Am Anfang war der Zweifel: „Das Schulministerium sagt: Nur 1,8 Prozent des Unterrichts fällt in NRW ersatzlos aus. Das entspricht nicht einmal 2 von 100 Schulstunden. Stimmt das?”, fragen die Correctiv-Leute auf der Projekt-Homepage. Bislang verlasse sich das Schulministerium in NRW auf Stichprobenprüfungen. „Doch diese kleinen Proben reichen in unseren Augen nicht aus.” Vom 1. bis zum 31. März sollen nun alle, die es wissen können, ihre Infos weitergeben: „Jeder, der Einblick hat, wann wo welche Unterrichtsstunden ausfallen, also Lehrer, Eltern, Schüler, Schulsozialarbeiter, Integrationshelfer.”

Erfasst werden sollen nicht nur die komplett ausgefallenen Stunden, sondern alle, die nicht planmäßig stattgefunden haben. „Wir wollen nicht nur die ausgefallenen Stunden zählen, sondern die konkreten Bedingungen analysieren.” Auch die Schulen sollen mitmachen. Nach der Datensammlung bekommen sie Übersichten über die bei ihnen gemeldeten Stundenausfälle - und „die Möglichkeit, auf fehlerhafte Einträge hinzuweisen”.

Correctiv-Datenjournalist Simon Wörpel verweist auf die Erfahrungen des Recherchezentrums mit dieser Art der Datenerhebung. Im vergangenen Jahr trug Correctiv auf ähnliche Weise zusammen mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung” Geschäftsdaten aller Sparkassen in einem „Crowdnewsroom” zusammen. Am Ende beteiligten sich bundesweit 700 Menschen. Für das neue Projekt in Dortmund ist Wörpel guter Dinge. Am Montag hatten sich bereits mehr als 100 Interessierte bei dem Portal angemeldet. „Das ist ziemlich gut”, sagt er.

Das NRW-Schulministerium mag sich zu dem Projekt nicht direkt äußern. Es verweist auf die bereits im vergangenen Jahr beschlossene Abschaffung der bemängelten Stichprobenerhebung und die Einführung eines neuen Verfahrens zum Schuljahr 2017/18. Bislang mussten zufällig ausgewählte Schulen zwei festgelegte Wochen lang gleichzeitig die Daten sammeln. Künftig werden der Ausfall in mehreren Zeitabschnitten das ganze Schuljahr lang erhoben. Außerdem kommen alle Schulen mal dran: Nach dem Zufallsprinzip wird ihnen ein bestimmter Zeitabschnitt zugewiesen. Der Vorteil: Es gibt mehr Daten.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) NRW hält das Dortmunder Projekt wegen der beschlossenen Neuregelung für „überflüssig”. Das neue Verfahren sei in der Bildungskonferenz von allen Beteiligten einvernehmlich beschlossen worden, sagt die GEW-Landesvorsitzende Dorothea Schäfer. Und fügt hinzu: „Letztlich lässt sich effektiv Unterrichtsausfall an unseren Schulen nur mit ausreichend Personal vermeiden.”

Auch die Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung ist skeptisch: „Das Projekt, den Unterrichtsausfall in Dortmund zu erfassen, halte ich für immens aufwendig, daraus abgeleitet werden können sicherlich keine landesweiten Aussagen”, sagt der VBE-Landesvorsitzende Udo Beckmann. Auch der VBE stehe hinter dem neuen Verfahren. Mit einem geringen bürokratischen Aufwand könne dabei ein umfassendes Bild erstellt werden. Auch Beckmann betont: „Egal, wie Unterrichtsausfall erfasst wird, entscheidend ist, dass auf die Daten mit entsprechenden Ressourcen reagiert wird.”

(dpa)
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