1. Region

Ärger um harte Auflagen: Protestkolonne der Landwirte

Ärger um harte Auflagen : Protestkolonne der Landwirte

Zum Auftakt der Grünen Woche gehen die Landwirte erneut gegen schärfere Auflagen auf die Barrikaden. Das nächste Kapitel in der Geschichte einer nachhaltigen Verunsicherung.

Der Konflikt ist nicht zu übersehen. Hunderte Bauern blockieren mit ihren Traktoren eine der wichtigsten Verkehrsadern der Hauptstadt. Unweit von den lauten Protesten eröffnet Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner die Grüne Woche. Während die CDU-Politikerin in den Messehallen einen Schweizer Käse hobelt, russisches Brot isst und kroatischen Schnaps trinkt, kämpfen draußen Landwirte – so sehen sie es – um ihre Existenz.

Denn in ihr sehen sich die Bauern zunehmend bedroht: auf der einen Seite durch die Politik, die mit immer schärferen Auflagen und Verordnungen die Betriebe unter Druck setzt. Auf der anderen Seite durch die Öffentlichkeit, die zwar Umweltschutz und Tierwohl fordert, aber immer noch nicht bereit ist, dafür mehr Geld zu bezahlen. „Und wir stehen genau dazwischen“, sagt Petra Drees-Hagen, Landwirtin und Sprecherin des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands. Die von der Regierung auf den Weg gebrachten Maßnahmen wie Düngeverordnung, Pestizidverbote und Tierhaltungsvorschriften würden viele ihrer Kollegen an die Grenzen bringen: „Gerade die kleinen Betriebe haben riesige Probleme, diese Auflagen zu erfüllen.“

So wie Drees-Hagen denken viele Landwirte auf der größten Agrarmesse der Welt. 1800 Aussteller sind aus aller Welt angereist, um ihre Produkte den 400.000 erwarteten Besuchern vorzustellen. Traditionell geschieht das mit viel Bauernfolklore. Bayrische Musiker blasen in Alphörner, niederländische Frauen mit Schürzen werben tanzend für Käse. Trotzdem ist die Grüne Woche so politisch wie nie.

„Die Politik muss uns zuhören“

Los ging das schon beim Eröffnungsrundgang der Landwirtschaftsministerin, als Greenpeace-Aktivisten in der Halle des Ministeriums ein mehrere Meter langes Transparent ausrollten. „Machen Sie Ihren Job, Frau Klöckner“, stand drauf, daneben Forderungen nach Tier- und Klimaschutz, sauberem Grundwasser. Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, hatte in der Eröffnungs-Pressekonferenz von einer „hochgradigen Verunsicherung“ gesprochen. „Wenn nur noch jeder dritte Landwirt in die Zukunft investieren will, spiegelt das die äußerst schwierige wirtschaftliche Situation wider.“

In Halle 3, die am Eröffnungstag so gut gefüllt ist wie keine andere, präsentieren die Landwirte ihre Vorstellung von der Arbeit der Zukunft. Dort fährt ein kleiner Traktor-Roboter herum, Verbände erklären, wie durch Digitalisierung effizienter gesät und geerntet werden kann. Direkt am Eingang der Halle hat jedoch auch die Initiative „Land schafft Verbindung“ ihren Stand, die die deutschlandweiten Proteste initiiert hat. „Agrarpaket – nicht mit uns“, steht dort auf einem Schild – gut lesbar für jeden Besucher. Udo Haßbargen, ein junger Landwirt aus Ostfriesland und ein Sprecher der Initiative, erklärt: „Die Politik muss uns zuhören. Das hat sie viel zu lange nicht gemacht.“ Beschlüsse wie die Düngeverordnung seien „so was von praxisfremd“, schimpft der Bauer.

Julia Klöckner ist für viele Bauern die Schuldige. Doch dann sagt sie vor Beginn der Grünen Woche einen Satz, mit dem sie vielen Landwirten direkt aus der Seele spricht: „Wir werden nicht mit romantisierenden Bullerbü-Vorstellungen zurück zu einer vormodernen Landwirtschaft kehren, weil man sich ein Idyll sucht, weil der eigene Alltag vielleicht zu hektisch ist.“ Will heißen: Viele Menschen, vor allem die, die in der Stadt wohnen und wenig Kontakt mit der Natur haben, hätten ein völlig verklärtes Bild davon, wie ein Bauernhof auszusehen hat. Die Bauern sehen sich als Sündenböcke der Nation. „Wir werden als Tierquäler und Umweltverpester dargestellt“, sagt Haßbargen. „Klimaschutz können wir gerne machen. Bloß, wie sollen wir das bezahlen? Wir müssen auch wirtschaften, wie jeder andere Unternehmer.“

Damit das auch die Verbraucher besser verstehen, hat Klöckners Ministerium an seinem Stand Touchscreens aufgestellt. Dort können Besucher Schweineställe so gestalten, wie sie es im Sinne des Tierschutzes für angemessen halten. Dann wird der Preis angezeigt, den sie unter diesen Bedingungen für ein Kilo Fleisch zahlen müssten. Meist liegt er deutlich über zehn Euro und damit weit über dem, was ein Großteil in der Realität auszugeben bereit wäre. Jung-Landwirt Niklas Hagen sagt: „Wenn Sie die Menschen vor einem Supermarkt fragen, dann sind 100 Prozent davon Klima- und Tierschützer, aber wenn sie dann an der Theke angekommen sind, kaufen 80 Prozent davon trotzdem Billigfleisch.“ Ob die politischste Grüne Woche solche Gräben überwinden kann? Ungewiss. Noch bis zum 26. Januar sind die Hallen geöffnet.