AOK baut Kursangebot aus: Projekt für mehr familiäres Pflegewissen

AOK baut Kursangebot aus : Projekt für mehr familiäres Pflegewissen

70 Prozent der Pflegebedürftigen in der Städteregion Aachen und im Kreis Düren werden daheim betreut. „Der größte Pflegedienst ist noch immer die Familie“, sagt Radtke. Die AOK baut ihr Kursangebot für alle Interessierten aus, um Kompetenz der Laien zu erhöhen.

„Die Auslastung der stationäre Pflege in unserer Region liegt bei 98 Prozent“, sagt Waldemar Radtke, Regionaldirektor der AOK Rheinland in Aachen. „Mit Blick auf den demografischen Wandel, fortschrittliche Medizin und eine alternde Bevölkerung, in der immer mehr Menschen Betreuung brauchen, müssen wir deshalb reagieren.“ 44 Pflegebedürftige pro 1000 Einwohner zählen Statistiken zum Beispiel im Kreis Düren  ̶  das ist NRW-weit die höchste Quote. Ein erstes großes Ziel der AOK für das anlaufende Jahr 2019 ist daher die aktive Verbesserung der häuslichen Pflege.

70 Prozent der Pflegebedürftigen in der Städteregion Aachen und im Kreis Düren, die zunächst als Modellregionen ausgewählt wurden, werden daheim betreut. „Der größte Pflegedienst ist noch immer die Familie“, sagt Radtke. „Die Erfahrungen mit dem neuen Angebot werden ausgewertet und danach auf die übrige Region und das gesamte Rheinland ausgeweitet.“

Starke Kooperationspartner

Foto: grafik

Zur Untermauerung der „Familialen Pflege“, so der Fachbegriff, hat sich die AOK Kooperationspartner wie das neu gegründete Bildungszentrum für Pflege und Berufe in der Städteregion und das Seniorenzentrum am Haarbach in Aachen gesucht. „Es wird immer mehr Pflegebedürftige geben, die durch sehr hohes Alter oder eine demenzielle Erkrankung in ihrer Wahrnehmung eingeschränkt sind“, sagt Heimleiter Christoph Venedey. „Wir vermitteln durch das Marte-Meo-Verfahren eine Form der Kommunikation, die das Leben verbessert und jede Pflege deutlich erleichtert. Es findet ein Paradigmenwechsel statt. Der Angehörige oder die Pflegekraft erfahren, wie der alte oder demente Mensch die Welt sieht und reagieren entsprechend.“

Thomas Kutschke, Geschäftsführer des Bildungszentrums, denkt bei solchen Angeboten zudem an das „Berufsfeld Pflege“ und die Schulabgänger, die immer seltener so einen Beruf anstreben. „Wir werden uns für den Nachwuchs einsetzen, unser Ziel ist unter anderem das duale Studium“, verspricht er.

Die Partner sind damit beschäftigt, ein Angebot aus diversen Bausteinen zu gestalten. In Pflegekursen, an denen jeder kostenfrei teilnehmen kann (auch Nicht-AOK-Mitglieder!), wird vermittel, wie Pflege funktioniert, denn vielfach sind Angehörige besorgt und klagen in der Beratung: „Ich weiß nicht, ob ich alles richtig mache und wie ich das schaffen soll.“

Dolmetscher helfen

Spezielle Schulungen konzentrieren sich auf das Leben mit Menschen, die von einer Demenz betroffen sind. Neu sind Seminare zur Versorgung pflegebedürftiger Kinder sowie die Pflegeschulung mit Kursen in türkischer Sprache. „Wir arbeiten mit Dolmetschern, aber auch mit Kursleiterinnen, die in Deutschland geboren sind und aus einer türkischen Familie kommen. Das ist dann ideal“, berichtet Christiane Rühlmann, Pflegepädagogin bei der AOK.

In diesem Fall geht es nicht nur um die Versorgung eines Patienten, sondern auch um den Umgang mit muslimischen und traditionellen Aspekten. Erste Angebote gibt es in Aachen, Eschweiler und Düren. Eine Gruppe umfasst maximal 20 Teilnehmer. „Die Nachfrage bestimmt das Angebot“, versichert Andrea Amen, Teamleiterin Pflegeberatung.

Termine zur häuslichen Pflege

Vielfach werden Pflegehilfen noch im Krankenhaus vermittelt. „Nicht jeder hat Angehörige, das ist heutzutage ein Problem“, weiß Susanne Gehlen-Ciupka, die als Fallmanagerin am Bethlehem-Gesundheitszentrum Stolberg oft Nachbarn und Freunde als Helfer anspricht. Kernangebot der Krankenkasse sind elf Termine zur häuslichen Pflege.

„Damit begegnen wir gleichzeitig der Isolation, unter der Pflegende häufig leiden“, sagt Bernd Claßen, stellvertretender Regionaldirektor. „Einmal im Monat gibt es einen Gesprächskreis, bei dem man sich austauschen kann.“ Nach und nach bilden sich Netzwerke der gegenseitigen Unterstützung. So wird bereits bei der Auswahl der Kurs-Orte darauf geachtet, dass die Teilnehmer keine allzu langen Anreisewege bewältigen müssen, denn wer pflegt, hat nur wenig Zeit.

Über die praktischen Seiten der Pflege hinaus wird in dem Kursangebot über die Bedeutung von Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung und über gesundheitspolitische Themen informiert. Andrea Amen bringt die Initiative für mehr Pflegekompetenz auf den Punkt. „Es ist entscheidend, dass ich weiß, an wen ich mich wenden kann, damit Pflege zu Hause für alle gut läuft.“

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