Stolberg: Premiere in Stolberg: Nähen um die Wette

Stolberg: Premiere in Stolberg: Nähen um die Wette

Die Nähmaschinen surren, das Bügeleisen zischt, sonst nichts. Absolute Stille. In der Mitte des Raumes steht ein großer Tisch, auf dem kreatives Chaos herrscht: Stecknadeln, Scheren, Stoffreste. Die weißen Tische mit den Nähmaschinen sind aufgeräumt. An jedem Platz sitzt eine Näherin, den Blick auf die eigenen Hände geheftet, hochkonzentriert. Ablenken lässt sich keine der Frauen. Die Zeit ist knapp.

Seit einem guten Jahr gehört das Nähen zum Leben von Carina Tsiakolos dazu. Und schon ist die Hobbyschneiderin aus Oberursel Siegerin geworden im ersten deutschlandweiten Nähwettbewerb, dem „Masterpiece Award“, den das Stolberger Traditionsunternehmen Prym und der Burda Verlag ausgeschrieben hatten.

Fünf Finalistinnen nähten dreieinhalb Stunden lang um die Wette. Die Aufgabe: in der vorgegebenen Zeit live ein Accessoire zu fertigen. Mehr als 170 Kandidaten hatten sich für das Live-Nähen unter dem Motto „Masterpiece“, Meisterwerk, beworben. Das zeigt: Nähen ist längst zu einem Hobby geworden ist, das vor allem auch in der jungen Generationen längst wieder in ist.

„Es sollte eine Herausforderung sein: Modelle, die besonders sind, keine Basic-Teile — Meisterwerke eben“, sagte Shana Jennings, Chefredakteurin beim Burda-Style-Magazin. Sie gehörte zur dreiköpfigen Jury, die die fünf Frauen ausgewählt und nach Stolberg eingeladen hat. Dass es nur Frauen bis ins Finale geschafft haben, war Zufall. Es gab insgesamt nur einen männlichen Bewerber.

Alle Kandidaten hatten zuvor eine Idee von ihrem persönlichen „Masterpiece“ eingeschickt — Zeichnungen mit Form, Stoffen und Farbe. Die fünf Auserwählten bekamen daraufhin von den Veranstaltern ein Nähpaket und fünf Wochen Zeit, um ihre Ideen umzusetzen. Am Wettbewerbstag mussten die Finalistinnen zusätzlich live und vor Ort eine Tasche entwerfen und anfertigen. Vor einer Fensterfront im Prym-Gebäude stehen Schneiderpuppen, die die Entwürfe der Finalistinnen tragen. „Dies hier ist inspiriert aus Madrid“, sagt Jennings und zeigt auf einen Jumpsuit.

Das Teil mit den spanischen Wurzeln wird später gewinnen. Es ist schwarz mit Stehkragen und Spitzenoberteil, nicht unbedingt etwas für den Alltag. Aber genau das soll es ja auch gar nicht sein. Daneben steht ein marineblauer Zweiteiler, der mit seinem Viskosestoff und asymmetrischen Schnitt zugleich sportlich und elegant wirkt. Entworfen hat ihn Le Thuy Le Thi aus Berlin. In der Mitte etwas ganz anderes: Zwei Trachtenkleider aus Hamburg von Michaela Gohlke — ein großes für sich und ein kleines für ihre Tochter. „Sie ist sehr ins Detail gegangen, hat die Trachten ins Moderne übersetzt“, sagt Jennings.

Mittendrin hat es auch eine Aachener Einsendung ins Finale geschafft: Jessica Frieß hat ein Abendkleid entworfen, bei dem die Bewegungsfreiheit im Vordergrund steht. Es ist hell, der Rücken ist offen und geziert von einem Taillengürtel, der auch über Hals und Nacken reicht. Seit zwölf Jahren näht Frieß schon, ungefähr drei Wochen lang hat sie an ihrem „Meisterwerk“ gearbeitet. Natürlich nebenbei — eigentlich promoviert die Aachenerin gerade im Bereich Gießereitechnik an der RWTH.

Die letzte Puppe trägt ein eher ungewöhnliches Kleidungsstück: Einen Hosenanzug in einem Rosaton, wieder international angehaucht, diesmal Japan. Ein Jahr lang lebte und arbeitete Janina Weiß aus der Nähe von Nürnberg nach dem Abitur in Japan. „Die Kirschblüten haben mich inspiriert“, sagt sie. Und so erinnert der Jackensaum ihres Entwurfs an Blütenblätter, dazu Puffärmel, alles in einem leichten Baumwollstoff. Im kommenden Jahr möchte Weiß dann anfangen, Modedesign zu studieren.

Nähfertigkeit, Kreativität und Umsetzung — beim Live-Nähen mussten die Kandidatinnen alles, worauf es beim Nähen ankommt, auf den Punkt bringen, hinzu kam die limitierte Zeit. Der spanische Jumpsuit von Carina wird im kommenden Jahr als Schnittmuster bei Burda style erhätlich sein, das heißt, jeder, der möchte, kann sich das „Meisterwerk“ nachschneidern. Außerdem wird Tsiakolos im Magazin als Designerin vorgestellt — und dies nach nur einem Jahr der Näherfahrung.