„Mehr Große für die Kleinen“: Praktiker machen Druck für gute Kitas

„Mehr Große für die Kleinen“ : Praktiker machen Druck für gute Kitas

Ein bisschen Beitragsfreiheit, ein bisschen flexiblere Öffnungszeiten - Erziehern und Eltern reicht das nicht. Sie fordern jetzt den großen Wurf beim neuen Kitagesetz in NRW statt „halbgare Lösungen“.

Rund 1,3 Milliarden Euro zusätzlich sollen ab dem Kita-Jahr 2020/21 jährlich in die Kindertagesbetreuung in Nordrhein-Westfalen investiert werden. Trotzdem formiert sich ein breites Protestbündnis gegen das geplante neue Kinderbildungsgesetz. Vertreter der beiden großen christlichen Kirchen sowie von Gewerkschaften, Kitas und Eltern warfen Familienminister Joachim Stamp (FDP) am Mittwoch in Düsseldorf falsche Versprechungen vor.

„Der Minister schreibt für Kommunen und Eltern ein paar Geschenke ins Gesetz und suggeriert, dass alles besser wird“, kritisierte Thorsten Böning, Mitarbeitervertreter der katholischen Kitas im Bistum Essen. Der Konflikt mit den Eltern, deren Wünsche aufgrund der absehbaren Unterfinanzierung nicht erfüllt werden könnten, werde in die Kitas verlagert.

Parallel zur Plenarsitzung am 23. Mai will das Protestbündnis unter dem Motto „Mehr Große für die Kleinen“ auf der Düsseldorfer Landtagswiese für mehr Kita-Personal demonstrieren. Zu rechnen sei mit mehreren tausend Teilnehmern, sagte Sprecherin Katharina Schwabedissen. Stück für Stück nahmen die Vertreter des Aktionsbündnisses den Gesetzentwurf auseinander, der noch in diesem Jahr verabschiedet werden soll.

ÖFFNUNGSZEITEN: Mit den Pauschalen für 25, 35 oder 45 Wochenstunden Betreuung seien flexible und über 50 Wochenstunden hinausgehende Öffnungszeiten nicht zu finanzieren, kritisierte Böning. „Sollen 50 Stunden die Norm werden? Wir wissen es nicht.“ Zwar seien im Gesetzentwurf Sonderzuschüsse für Kitas geplant, die über 50 Stunden öffnen, nicht mehr als 15 Tage im Jahr schließen, Angebote für Wochenenden und Feiertage haben oder Kinder schon vor sieben und nach 17 Uhr betreuen - dafür fehle es aber wiederum an Personal.

PERSONAL: „Die Personaldecke ist dünn“, stellte der stellvertretende Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Sebastian Krebs, fest. „Der größte Teil der Kita-Mitarbeiter macht eine schulische Ausbildung und die ist unbezahlt. Das steigert nicht gerade die Attraktivität des Berufs.“ Eine Ausbildungsvergütung sei dringend nötig. „Pädagogische Fachkräfte fordern gute Arbeitsbedingungen“, sagte die Mitarbeiter-Vertreterin des Evangelischen Kirchenkreises Bochum, Elke Freitag. Dafür seien kleinere Kita-Gruppen unerlässlich. Die Grünen fordern eine verbindliche Festlegung, wie viele Kinder Erzieher betreuen sollen.

ERZIEHER: „Fachkräfte werden nicht genügend gewürdigt“, bemängelte Sonja Kern, Leiterin einer katholischen Kita in Arnsberg. „Kinder brauchen Kontinuität, Rituale, Bezugspersonen - all das spiegelt das Gesetz nicht wider.“ Kita-Leitungen benötigten Freistellungen, um ihre vielschichtigen Aufgaben sinnvoll koordinieren zu können. „In der Gesellschaft wird geklagt: "Alle sind unkonzentriert. Es gibt keine Benimmregeln mehr." Wir brauchen eben mehr Zeit für Bildung.“

BEITRÄGE: Das angekündigte zweite beitragsfreie Kita-Jahr sei ein Schritt in die richtige Richtung, lobte Landeselternbeirat Darius Dunker. Ungerecht blieben aber die landesweit höchst unterschiedlichen Beitragssätze.

QUALITÄT: Wäre nicht mehr Qualität in der Betreuung möglich, wenn auf die Gratis-Kita verzichtet würde? Diese Rechnung will Verdi-Gewerkschaftssekretärin Schwabedissen nicht aufmachen: „Wir dürfen uns nicht in diesen Zwiespalt treiben lassen. Frühkindliche Bildung muss von Anfang bis Ende gebührenfrei sein und staatlich durchfinanziert werden.“ Die Vorschläge der Regierung seien bloß „halbgare Lösungen“.

ESSEN: An langen Kita-Tagen benötigten Kinder zudem ein warmes Essen, ergänzte Helga Tillmann vom Zentralverband Katholischer Kirchenangestellter. Im Gesetzentwurf seien jedoch keine Hauswirtschaftskräfte vorgesehen. Stattdessen sei aus der CDU-Landtagsfraktion der Vorschlag gekommen, mit den Kindern Äpfel zu schälen. „Wenn man 100 Kinder mit Essen versorgen muss, kann man nicht Äpfel schälen. Die brauchen eine vernünftige Mahlzeit.“ Dies zeige, dass viele Politiker gar keine Ahnung hätten, was Kitas wirklich benötigten.

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