Aachen: Präzision allein genügt heute nicht mehr

Aachen: Präzision allein genügt heute nicht mehr

Glasklar! Wenn ein Roboterarm die Windschutzscheibe auf ein Lastwagenführerhaus setzt, während sich dieses auf ihn zu bewegt, dann muss dies mit größter Präzision erfolgen. Allergrößter Präzision. Denn diese Scherben bringen kein Glück, nur Kosten. Und so zahlt sich aus, solche Produktionsabläufe vorab zu prüfen.

Alles unter Kontrolle hat Professor Robert Schmitt. In der Maschinenhalle wird besagter Arbeitsschritt erforscht. Schmitt ist Leiter des Lehrstuhls für Fertigungsmesstechnik und Qualitätsmanagement am Werkzeugmaschinenlabor (WZL) der RWTH Aachen. Der Name ist Programm: Die Arbeit des Lehrstuhls steht für Qualität — und das seit 25 Jahren. Gegründet als „Lehrstuhl für Messtechnik für die automatisierte Fertigung“ war er der erste seiner Art in Deutschland.

25 Jahre später geht es teils um ganz neue Fragestellungen: „Es gibt keine absolute Qualität. Qualität ist immer relativ. Ob mir dieser oder jener Kaffee schmeckt und damit für mich für Qualität steht, ist allein auf meine Erwartung als Kunde zurückzuführen“, sagt Schmitt. Fertigungsmesstechnik und Qualitätsmanagement müssen also um eine emotionale Seite erweitert werden. Es geht um mehr als physikalisches Verständnis. „Es geht auch um die Frage, welches Produkt den Nerv des Kunden trifft“, erklärt er.

Die emotionale Produktaufladung

Schmitt spricht von einer emotionalen Produktaufladung. Mit viel Energie erforschen seine Wissenschaftler dieses Thema. Gemessen wird die Kundenwahrnehmung — bei Klopapier wie auch bei Lenkrädern. Welche Erwartungen müssen erfüllt werden? Welche Ansprüche stellt ein Kunde an eine Marke? Was verbinden Menschen mit einem bestimmten Material? Etwa am Türgriff eines Autos: Der sollte möglichst stabil sein. Stabilität wird mit Metall verbunden, Türgriffe sind aber aus Kunststoff. Um letztlich das Gefühl von Stabilität und damit Qualität zu geben, werden diesem Kunststoff deswegen Metallpartikel beigemischt. Das ist auch Psychologie, genauer Neuropsychologie und deswegen arbeitet der Lehrstuhl mit dem Uniklinikum Aachen zusammen.

Es gibt viele Geschichten über die emotionale Qualität eines Produktes. Wenn ein neues Handy eines renommierten Herstellers besonders leicht ist, wird dies als großer technischer Fortschritt gelobt. Kommt das leichte Handy dagegen aus der Produktion eines Unbekannten, wird diese Leichtigkeit zum Verhängnis: Plastikkram, der so leicht ist, kann nichts taugen. Und es ist schwer, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Qualität kennt eben viele Seiten.

Beim Start des WZL vor 25 Jahren ging es rein um die Produktion. Es gab noch B-Ware oder Produkte wurden weggeworfen, wenn sie nicht den Vorgaben entsprachen. Das kann und will sich heute kein Unternehmen mehr leisten. „Es geht darum, ohne Ausschuss zu produzieren“, erklärt Schmitt. Das heißt: es wird nicht mehr erst gefertigt und dann geprüft. Schon während der Fertigung muss die Qualität gewährleistet werden. Besser noch vorab.

Früher wurden fertige Werkstücke auf ihre Qualität untersucht. Heute sind es Modelle dieser Werkstücke. „Doch auch das reicht nicht mehr aus“, erklärt Schmitt. Es müssen Modelle der gesamten Produktionskette sorgsam geprüft werden. „Und wir müssen verstehen, wie gefertigt wird.“

„Wir erfinden Bausteine, aus denen die Zukunft gebaut wird“, sagt Schmitt, seit 2004 Inhaber des Lehrstuhls, mittlerweile auch Dekan. Wenn neue Gasturbinen für die Stromerzeugung entworfen oder Windradrotoren mit Durchmessern von 120 Metern — also der Länge eines Fußballfeldes — produziert werden, dann muss die Produktion — auch buchstäblich — reibungslos ablaufen. „Die Industrie hat gelernt, dass es sich lohnt, an den Hochschulen bei diesem Thema genauer hinzuschauen“, berichtet Reinhard Freudenberg, Geschäftsführender Oberingenieur des Lehrstuhls. Die Liste der Kunden reicht von Airbus — etwa beim neuen A 350 — über Caterpillar, die großen Automobilkonzerne bis zu kleinen regionalen Betrieben — auch aus dem Handwerk.

Fertigungsmesstechnik und Qualitätsmanagement aus Aachen sind in Südafrika, Brasilien und Kalifornien ebenso gefragt wie beim Sechs-Mann-Betrieb aus der Eifel. „Es ist manchmal schade, dass nicht mehr kleine Unternehmer den Weg zu uns finden“, sagt Schmitt. Für die Dienstleistung am WZL müssen diese freilich zahlen.

Dafür stimmt die Qualität bis in den Tausendstel Millimeter. Der kann entscheidend sein. Und Abweichungen sind schnell da, können schon durch ein immer wieder geöffnetes Tor in der Werkhalle entstehen. Temperaturunterschiede wirken sich auf Maschinen wie Produkte aus — und auf die Zufriedenheit des Kunden. Bei aller Emotion. Funktionale Sicherheit und Fehlerfreiheit sind auch in 25 Jahren noch ein Muss.

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