Region: „Prachtbauten“ bestaunen: Tag des offenen Denkmals in Aachen

Region: „Prachtbauten“ bestaunen: Tag des offenen Denkmals in Aachen

Was haben die Aachener Uniklinik und der Dom gemeinsam? Sie sind Prachtbauten, sagt Alexander Markschies. „Wirkung und Bedeutung von Architektur bemisst sich nicht an der subjektiven Einteilung in schön und hässlich“, sagt der Professor für Kunstgeschichte und Dekan der Fakultät für Architektur an der RWTH. Vielmehr gehe es um Qualität, um Funktion und um Repräsentation.

Aber sind Prachtbauten auch immer ein Symbol für Macht, wie es Schlösser vermuten lassen? Dieser Frage geht der diesjährige Tag des offenen Denkmals nach. Unter dem Motto „Macht und Pracht“ öffnen morgen (10. September) wieder viele Denkmäler in der Region ihre Türen, Führungen geben tiefere Einblicke. Im Gespräch mit Katharina Menne erklärt Alexander Markschies, welchen Einfluss Architektur haben kann und warum Bewahrung kein Gegensatz zu Innovation sein muss.

Kaiser und Könige hatten ihre Schlösser und Burgen, Bischöfe ihre Kirchen. Die Bundeskanzlerin dagegen regiert heute vom Kanzleramt aus. Würden sie das Gebäude an der Spree als Prachtbau bezeichnen?

Markschies: Na, klar. Es ist auf jeden Fall eine klassische Kulisse der Macht. Das Gebäude ist riesig. Das muss es vielleicht auch sein, weil darin so viele Funktionen untergebracht sind. Wobei interessant ist, dass man dadurch gar nicht so wirklich weiß, wo eigentlich das Büro der Kanzlerin innerhalb dieses riesigen Gebäudes ist. Das Kanzleramt hat aber darüber hinaus einen gewissen Charme, weil es so nah am Wasser steht und eher flach als hoch wirkt.

Was macht ein Gebäude überhaupt zu einem Prachtbau?

Markschies: Pracht ist eine Form der Auszeichnung eines Gebäudes, die über das normale Maß hinausgeht. Das drückt sich zum Beispiel in aufwendigerem, teurerem Material aus. Bei einem Prachtbau wird dann Granit statt normalem Putz verwendet, vielleicht sogar Marmor oder Gold. Auch Ornamente oder besondere Verzierungen machen ein Gebäude prachtvoll. Und vor allen Dingen muss Pracht verständlich und auf den ersten Blick erkennbar sein.

Wie hängt das mit Macht zusammen?

Markschies: Architektur hat immer schon etwas mit Macht zu tun gehabt — wenn man an die Pyramiden denkt zum Beispiel. Macht wirkt unmittelbar und hat immer ein Ziel. Macht zeigt sich in Größe, Höhe und Breite. Oft stehen bedeutende Gebäude in der Mitte einer Stadt, so beispielsweise auch Dom und Rathaus in Aachen. Man nennt das Zentrierung. Alles läuft darauf zu. Am Beispiel von Kirchen lässt sich gut zeigen, dass Gebäude der Macht oft größer sind, als sie sein müssten, oder die Türme höher sind als unbedingt nötig. Das hat auch etwas mit einer Repräsentationsfunktion zu tun.

Das RWTH-Hauptgebäude ist auch so ein Repräsentationsbau. Darin ist das Büro des Rektors untergebracht, und es ist damit offizielles Empfangsgebäude. Wie drückt sich das architektonisch aus?

Markschies: Die schiere Größe macht das Hauptgebäude zum Prachtbau. Auch, dass der Haupteingang in der Mitte liegt. Es gibt eine große, imposante Treppe, die hinaufführt und sich im Inneren bis zur Aula fortsetzt. Eine Eingangstreppe ist ein klassischer Machtgestus: So kann der Hausherr entweder seine erhöhte Position demonstrieren oder gezielt zu seinem Gast hinabsteigen und sich dadurch gewissermaßen selbst erniedrigen. Der Stil des Hauptgebäudes folgt ganz dem Architekturgeschmack seiner Zeit: Säulen, Ornamente und eine gewisse Klobigkeit.

Das Super C steht dazu als moderner Bau in einem ganz wunderbaren Kontrast …

Markschieß: Ja, wobei es ganz eindeutig eine andere Funktion hat. Es ist ein Service-, kein Empfangsgebäude. Der Eingang zum Super C ist barrierefrei und ebenerdig. Außerdem liegt der Haupteingang nicht in der Mitte, sondern wurde bewusst versetzt. Das sind ganz entscheidende Veränderungen, die man erst sieht und versteht, wenn man sich das Gebäude ganz bewusst anschaut. Die Treppenaufgänge sind rechts und links — also ebenfalls nicht mittig. Alles ist verglast, und damit in höchstem Maße transparent und serviceorientiert.

Gesellschaften verändern sich und damit auch die Wahrnehmung von Gebäuden. Der Denkmalschutz versucht aber unabhängig davon zu bewahren. Wie stehen Sie dazu?

Markschies: Es gibt ja ganz klare Richtlinien und Gesetze, wann etwas unter Denkmalschutz gestellt wird. Das ist auch gut so. Wenn etwas wichtig und repräsentativ ist für eine Epoche, gilt es als bewahrenswert. Es geht dabei auch um Langfristigkeit. Architektur bindet in hohem Maße Ressourcen, so zum Beispiel Energie, Material und Zeit. Es gibt aber auch das klassische Gegenargument zum Denkmalschutz: Nämlich, dass kein Platz für Neues bleibt, wenn alles Historische ein Denkmal ist und erhalten werden muss. Da sind natürlich Innovation und Fortschritt die entscheidenden Stichwörter. Eine Gesellschaft muss einen guten Mittelweg finden.

Der da wäre?

Markschies: Man muss zum Beispiel über sich verändernde Funktionen nachdenken. Was machen wir mit einer Kirche, in die keine Leute mehr gehen, oder mit einem schönen, eleganten Kinosaal, den keiner mehr nutzt? Erhaltung um jeden Preis ist aber nicht immer sinnvoll, manchmal lassen sich Gebäude einfach anders nutzen.

Wagen wir mal eine Zukunftsprognose. Welcher moderne Prachtbau in Aachen und Umgebung könnte denn auch in 200 Jahren noch als solcher wahrgenommen und bewundert werden — womöglich sogar mehr als heute?

Markschies: Also der Erweiterungsbau der Aachener-Münchener-Versicherung gehört sicherlich dazu. Man merkt allein schon, dass die Gegend sich durch das Gebäude verändert hat. Mieten sind gestiegen, die Infrastruktur hat sich verbessert. Architektur zeigt sich dort als Akteur. Auch das Super C ist bestimmt ein Gebäude, das auch in einiger Zeit noch pracht- und machtvoll wirkt. Und natürlich die Uniklinik.

Sie wurde auch mal als „optische Umweltverschmutzung“ bezeichnet …

Markschies: Zur Beurteilung bietet sich Qualität als Kriterium an, nicht Schönheit. Das ist zu subjektiv und kann sich auch schnell verändern. Außerdem muss ein Gebäude funktionieren. Die Maschinenästhetik der Uniklinik strahlt auch eine Art von Kompetenz aus. Dass man sich leicht in den verzweigten Gängen verlaufen kann und es in vielen Räumen keine Fenster gibt, ist dagegen architektonisch wieder nicht so geschickt.

Warum ist in Ihren Augen ein Tag des offenen Denkmals wichtig?

Markschies: Der Tag des offenen Denkmals ist ja vor allem dazu da, Aufmerksamkeit für Architektur zu schaffen. Er soll Neugier und Interesse für Gebäude zu wecken, die man täglich sieht, aber selten wirklich bewusst wahrnimmt. Es ist die Möglichkeit, bekannte Gebäude in der eigenen Umgebung neu kennenzulernen und natürlich auch unbekannte Denkmäler zu entdecken.

Was passiert mit einem Gebäude wie dem Kármán-Auditorium, das unter Denkmalschutz steht, aber seine Funktion nicht mehr erfüllt?

Markschies: Auf keinen Fall sollte man es abreißen. Ich bin immer für aufrüsten, umbauen, umnutzen. Da gibt es viel, was man tun kann, bevor man einen Neubau in Erwägung zieht. Es ist völlig legitim, das Gebäude hässlich zu finden, aber der Blick darauf ändert sich möglicherweise auch mit der Zeit. Außerdem sprachen wir bereits über wertvolle Ressourcen. Es wäre ja reinste Verschwendung, ein so großes Gebäude dem Erdboden gleichzumachen, wenn man es auch sanieren kann.

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