Aachen: Post-Streik: Wut über den Arbeitgeber wächst täglich

Aachen: Post-Streik: Wut über den Arbeitgeber wächst täglich

Die Deutsche Post hat Kathrin H. (Name von der Redaktion geändert) die Pistole auf die Brust gesetzt. Die junge Frau arbeitet als Verteilkraft in einem Zustellstützpunkt in unserer Region. Und wie so viele ihrer Kollegen streikt sie in diesen Tagen. Eigentlich unbefristet.

Sie allerdings nur noch bis Freitag. Dann muss sie ihren Job nämlich wieder aufnehmen. Der Grund: Kathrin H. hat einen zweiten Job, um überhaupt über die Runden zu kommen. Dort geht sie abends für ein Reinigungsunternehmen putzen — und das ausgerechnet bei der Post.

Gewerkschaftssekretär Bernd Lind: „Wir werden den Druck mit jedem Tag erhöhen!“ Foto: Jaspers

Und dieser Arbeit geht sie pflichtgemäß weiter nach. Doch nun hat man ihr im Post-Gebäude Hausverbot erteilt und droht bei nochmaligem Aufschlagen mit einer Anzeige wegen Hausfriedensbruch. Kommt sie dagegen als Postangestellte wieder arbeiten, darf sie abends auch wieder putzen. Und das wird sie ab Freitag dann wieder tun. Eine Wahl hat sie nicht. Sie braucht jeden Euro.

Jeder Postmitarbeiter, der sich an diesem Morgen in der Aachener Verdi-Zentrale in die Streikliste einträgt, kann von ähnlichen Geschichten berichten. Über 300 von insgesamt rund 1750 Beschäftigen sind mittlerweile in der Region Aachen/Düren/Heinsberg in den unbefristeten Ausstand getreten. Und jeden Tag werden es mehr.

„Die Leute sind stinksauer über die Arbeitsbedingungen“, wettert Paul Janczyk, Betriebsrat der Post für den Bereich Aachen, darüber, wie der Konzern mit seinen Mitarbeitern umgeht. Denn auch darum geht es hintergründig bei diesem Streik, in dem die Gewerkschaft Verdi vor allem gegen die von der Post eingerichteten 49 Regionalgesellschaften (DHL Delivery GmbHs) vorgeht.

Die gängige Praxis

Der Aachener Verdi-Sekretär Bernd Lind erklärt die gängige Praxis des Konzerns: Angestellte, deren befristete Verträge auslaufen, erhalten das Angebot, in den neuen GmbHs denselben Job weiterzumachen. Unbefristet zwar, aber dann mit rund 20 Prozent Gehaltseinbußen. Aus Angst, ganz ohne Job dazustehen, nehmen viele das Angebot an.

Die Arbeitsbedingungen verschärfen sich unterdessen mit jedem Jahr, wie zahlreiche Anwesende im Streik-Lokal berichten. Ein Mitarbeiter berichtet von 1350 Haushalten, die er sechs Tage die Woche beliefern muss. Arbeitszeiten von weit über zehn Stunden sind keine Seltenheit. Anders sei das für viele gar nicht mehr machbar, bestätigt Janczyk und vergleicht den Umgang des Konzerns mit einem großen Teil seiner rund 140.000 Mitarbeiter sogar mit „Sklaverei“ und „modernem Menschenhandel“.

So wurden nach AZ-Informationen Angestellte des Post-Verteilzentrums Aachen-Eilendorf in den vergangenen Tagen von Arbeitgeberseite angerufen, damit diese ihren Streik sofort beenden und an den Arbeitsplatz zurückkehren. Am vergangenen Sonntag soll nach Informationen unserer Zeitung die Post zudem über die Delivery-Gesellschaften liegengebliebene Pakete zugestellt haben.

Verdi hat in dieser Angelegenheit bereits die Bezirksregierung eingeschaltet, da die Gewerkschaft diesen Einsatz für nicht rechtens hält. Achim Gahr, Pressesprecher der Deutschen Post, bestätigt entsprechende Praktiken des Konzerns, stellt aber zugleich klar: „Alles, was wir tun, geschieht im rechtlichen Rahmen.“ Käme es wie beim aktuellen Streik zu Engpässen, sei eine Sonntagszustellung zulässig.

Derweil tauschen sich die Postboten im Aachener Verdi-Haus über zum Teil unglaubliche Geschichten aus dem Boten-Alltag bei der Deutschen Post aus: In einem Beispiel erhielt ein Angestellter plötzlich per Schreiben die Aufforderung, sein über den Konzern erworbenes Jobticket abzugeben. Als er verwundert nachfragte warum, erfuhr er sozusagen im Nebensatz, dass sein Vertrag nicht verlängert werde. Und damit werde nun mal auch das Jobticket überfällig. . .

„So geht man einfach nicht mit Menschen um“, sagt Janczyk. Doch leider handele es sich dabei nicht um einen Einzelfall, schiebt er nach. Entsprechend groß ist die Wut, die die Postboten ihrem Arbeitgeber mit diesem Streik quasi frei Haus liefern. „Die Streikkasse ist voll. Wir können noch deutlich mehr!“, zeigt sich Verdi-Mann Lind kampfeslustig.

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