Hambacher Forst: Polizei reagiert mit Razzia auf die Gewalt

Hambacher Forst: Polizei reagiert mit Razzia auf die Gewalt

Am Freitagmorgen reagierte die Polizei auf die Straftaten der letzten Tage im Hambacher Forst: Mehrere Hundertschaften durchsuchten das Wiesencamp am Waldrand, die angrenzenden Räume und geparkten Fahrzeuge.

Geräumt wurde seit Jahren von Besetzern genutzte Wiese ausdrücklich nicht, auch wenn das rechtlich möglich ist. Und auch die neuen Baumhäuser wurden nicht angerührt.  Die Behörde hatte sich beim Amtsgericht in Aachen einen Durchsuchungsbeschluss für das Camp erwirkt – eine Reaktion auf die wachsende Gewaltbereitschaft. Zuletzt hatten Vermummte auf die Container des RWE-Sicherheitsdienstes Molotowcocktails und Steine geworfen, ein selbstgebastelter Brandsatz an einer Pumpstation musste entschärft werden.

Parallel zum Wiesencamp wurde auch eine so genannte Kreativ-Werkstatt in Düren-Gürzenich, eine Art logistischer Stützpunkt von Aktivisten, durchsucht. Die Beamten stellten bis zum Abend an den Einsatzorten Mobiltelefone, PCs, ein Beil, Zwillen, Pfefferspray und Betäubungsmittel sowie Gefäße mit verdächtiger Flüssigkeit sicher. Sie fanden in Bodendepots versteckte Krähenfüße, als Wurfmaterial geeignete Kugeln, Wurfmesser, einen mit Benzin gefüllten Kanister sowie einen Besenstiel gespickt mit Nägeln. Ebenfalls wurden gestohlene Solarpanelen entdeckt.

Laut Einsatzbericht wurden sie an der Wiese aus einer Hütte heraus nicht nur beworfen. Beamte wurde mit einer gelblichen Flüssigkeit, dem Anschein nach Urin, bespritzt. Die Aktivisten drohten damit, sich selbst anzuzünden und gegen die Beamte giftige Substanzen einzusetzen. Die drei Personen verließen den „Fuchsbau“ erst, nachdem Pfefferspray eingesetzt wurde. Sie wurden festgenommen, ihnen wird Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und in einem Fall gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.

In den letzten Tagen waren Bekennerschreiben aufgetaucht, mit der unmissverständlichen Ankündigung: „Es wird keine Nacht geben, an dem wir euch ruhig schlafen lassen. Wir hassen Bullen und Secus immer noch und wir werden ihnen nie vergeben.“ Den Worten waren (Straf-)Taten über die Weihnachtstage gefolgt. Die Situation vor Ort hat sich nach eher ruhigen Wochen wieder verschärft.

Vielleicht hängt diese zunehmende Radikalisierung auch mit einem „Schichtwechsel“ im Wald zusammen. Die Polizei jedenfalls beobachtet, dass langjährige Bewohner verschwunden seien, stattdessen gibt es Hinweise darauf, dass eine durchaus gewaltbereite Gruppe, eingezogen ist.

Eine Fluktuation unter den Waldbesetzern hat es auch in den letzten Jahren immer gegeben, im Herbst sind nach der Räumung und Zerstörung  der illegal errichteten Baumhäuser vermutlich viele der etablierten Bewohner vorerst ausgezogen. In einem Blog beschreibt eine Aktivistin, wie sich in den letzten Wochen, „immer mehr Leute, die seit Jahren den Wald besetzen, ausgebrannt zurückgezogen und die Besetzung vorerst verlassen haben.“ Die Gewalt und der Stress der letzten Wochen sei zu viel gewesen. „Wir alle können irgendwann nicht mehr.“

Neue Bewohner sind angekommen, ohnehin  ist der Hambacher Forst erkennbar populärer geworden.  Der Verein „Buirer für Buir“ , der sich für gewaltfreien Widerstand gegen den Braunkohletagebau einsetzt, versucht seit  längerem eine „Waldordnung“, eine Art Kodex für Neuankömmlinge, zu verabschieden. Es gibt Arbeitsgruppen und Sitzungen, verabschiedet ist diese Ordnung noch nicht. In einer hierarchielosen Wald-Gesellschaft ist es schwierig, überhaupt einen „Aktionskonsens“ zu finden. Schon der Gewaltbegriff ist strittig.

Auch die Initiative beobachtet, dass eine Gruppe „mit unklarer Intention angereist“ ist, die möglicherweise verantwortlich für die Übergriffen in den letzten Tagen war.  „Wer Gewalt anwendet, soll wieder abhauen“, sagt Andreas Büttgen, Sprecher der Initiative.  „Das Oberverwaltungsgericht hat allen Beteiligten eine Friedensphase auferlegt. Wer die in Frage stellt, schadet dem Wald, und auch der Gesellschaft.“

( pa)
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