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Podcast Narcoland: Interview mit Alexander Gutsfeld

Neuer Podcast : Auf der Suche nach Crystal Meth, das Mikrofon immer griffbereit

Was hat Crystal Meth mit der Region Aachen zu tun? Wie sich herausstellt: Eine ganze Menge. Sechs Monate lang hat der Journalist Alexander Gutsfeld für unsere Zeitung im Dreiländereck recherchiert. Das Ergebnis ist ein spannender Podcast in fünf Teilen.

Die Entwicklung ist dramatisch. Seit Jahren wird immer mehr Crystal Meth über die deutsch-niederländische Grenze geschmuggelt. Allein im Jahr 2019 haben nordrhein-westfälische Zollfahnder 97 Kilogramm der synthetischen Droge entdeckt – sechsmal so viel wie im Vorjahr. Welche Auswirkungen hat das auf die Region Aachen? Ein halbes Jahr lang hat der Münchner Journalist Alexander Gutsfeld für die „Aachener Zeitung“ und die „Aachener Nachrichten“ im Dreiländereck recherchiert. Das Ergebnis ist ein spannender Podcast in fünf Teilen. Im Interview mit Annika Kasties spricht Alexander Gutsfeld über spießige Ex-Gangster, geläuterte Meth-Köche und darüber, warum der illegale Drogenhandel für unsere Region eine Gefahr ist.

Wieso kommt ein Journalist aus München nach Aachen, um über Crystal Meth zu recherchieren? Ist das nicht eine Droge, die in Deutschland vor allem die deutsch-tschechische Grenzregion betrifft?

Alexander Gutsfeld: Mich hat es schon länger interessiert, wieso vor allem an der ostbayerischen Grenze so viel Crystal Meth konsumiert wird – spätestens seit der US-Serie „Breaking Bad“, in der ein Chemielehrer plötzlich Methamphetamin kocht. Früher lag die Hauptproduktion von Crystal Meth, wie Methamphetamin genannt wird, in Tschechien. Mittlerweile hat sich die Produktion allerdings nach Westen in die Niederlande verlagert. Als ich davon erfuhr, fand ich das total spannend. Ich wollte wissen, woran das liegt. Und ich wollte wissen, was das mit der Region rund um Aachen macht. Also habe ich angefangen zu recherchieren.

Sechs Monate lang waren Sie im Auftrag der „Aachener Zeitung“ und „Aachener Nachrichten“ unterwegs. Nicht nur im Raum Aachen, sondern auch in Belgien, den Niederlanden, sogar in Prag. Wie sind Sie Ihre Recherche angegangen? Ich nehme an, dass Sie nicht einfach zum Aachener Kaiserplatz gegangen sind, um zu fragen, ob Ihnen jemand Crystal Meth verkauft…

Gutsfeld: Doch, genau das habe ich gemacht! (lacht) Gekauft habe ich natürlich nichts. Ausgangspunkt meiner Recherche war Aachen. Wird hier viel Meth konsumiert? Wird es verkauft? Ich bin auf einen Drogenring gestoßen, dessen Drahtzieher in Aachen lebte und über Aachen Crystal Meth aus den Niederlanden nach Osteuropa geschmuggelt hat – zumindest bis zu seiner Festnahme. Die Dimension wurde immer größer. Irgendwann ist meine Recherche in Mexiko und beim Sinaloa-Kartell gelandet. Dort habe ich eine Antwort auf die Frage gefunden, warum seit Jahren immer mehr Meth über die deutsch-niederländische Grenze geschmuggelt wird.

 In Nederweert im niederländischen Limburg hat die Polizei im Sommer 2021 ein riesiges Crystal-Meth-Labor entdeckt. Für unseren Podcast ist Alexander Gutsfeld hingefahren.
In Nederweert im niederländischen Limburg hat die Polizei im Sommer 2021 ein riesiges Crystal-Meth-Labor entdeckt. Für unseren Podcast ist Alexander Gutsfeld hingefahren. Foto: Jungmann

Und warum ist das so?

Gutsfeld: Das will ich an dieser Stelle lieber nicht verraten. Das erfahren die Hörerinnen und Hörer im Podcast.

Ohne zu viel vorwegzunehmen: Inwiefern betrifft die Droge Crystal Meth überhaupt die Region Aachen?

Gutsfeld: Crystal Meth betrifft den Raum Aachen sehr – auch wenn das die allermeisten Menschen überraschen dürfte. Seit Jahren werden immer mehr Drogen über die Grenze geschmuggelt. 2019 hat sich die Menge des Crystals in Nordrhein-Westfalen in nur einem Jahr versechsfacht.  So wie es aussieht, wird dieser Trend anhalten, einfach weil in den Niederlanden immer mehr produziert wird. Das hat Auswirkungen auf die Region. Hier werden nicht nur viele Drogen geschmuggelt, auch das organisierte Verbrechen ist stark vertreten. Ein Hinweis darauf ist der Drogenring, von dem ich vorhin schon sprach, dessen Drahtzieher in Aachen lebte. Ein weiterer Aspekt ist, dass hier in der Grenzregion auch schon Drogenabfälle gefunden wurden, mal aus Amphetaminlaboren, aber auch aus Laboren, in denen mutmaßlich Crystal Meth produziert wurde. Das ist natürlich auch für die Umwelt eine Gefahr.

Crystal Meth im Dreiländereck

Und der Konsum selbst?

Gutsfeld: Ich habe mit einem jungen Mann aus Heinsberg gesprochen, der süchtig nach Crystal Meth war und gerade noch die Kurve gekriegt hat. Wie groß das Problem insgesamt in der Region ist, erfährt man im Podcast. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass der Konsum von Methamphetamin in der Region zunehmen wird. Das ist keine reine Vermutung, das kann man aus der Entwicklung in Ostdeutschland und Tschechien ableiten. Dort ist passiert, was jetzt hier passiert: Anfang der 2000er ist immer mehr Meth über die Grenze gekommen, und inzwischen ist diese zu einer Volksdroge geworden. Der Begriff ist, denke ich, nicht übertrieben, weil der Konsum durch alle Gesellschaftsschichten geht.

 In Zusammenarbeit mit der Produktionsfirma Wundervoices hat Alexander Gutsfeld den Podcast für unsere Zeitung eingesprochen.
In Zusammenarbeit mit der Produktionsfirma Wundervoices hat Alexander Gutsfeld den Podcast für unsere Zeitung eingesprochen. Foto: MHA/Bernhard Felker

Was ist das Gefährliche an der Droge? Aus den USA kennt man die Vorher-Nachher-Bilder von Konsumenten. Man sieht deutlich den körperlichen Verfall.  

Gutsfeld: Weltweit ist der Konsum extrem gestiegen, zum Beispiel in Südostasien und einigen Ländern Afrikas. In den USA hat Methamphetamin Kokain als Droge Nummer 1 abgelöst. Das liegt daran, dass es in der Produktion sehr viel billiger als Koks ist und deutlich süchtiger macht. Drogenbanden können damit leichter Geld machen, sie sind nicht abhängig von Lieferungen aus Südamerika, sondern können Meth zu Hause in ihrer Küche herstellen. In Studien wird Methamphetamin mit Heroin und Crack zu den bedrohlichsten Drogen der Welt gezählt, weil sie sehr süchtig machen und schnell zum körperlichen Verfall führen. Es ist außerdem eine Droge, die gut in unsere Gesellschaft passt. Es ist eine Leistungsdroge. Wenn man Crystal nimmt, kann man drei Tage lang durcharbeiten. Man ist unglaublich fokussiert, als hätte man Scheuklappen auf. Deshalb nehmen Meth nicht nur Menschen von der Straße, sondern auch die Mittelschicht, Bänker, Politiker.

Sie haben im Rahmen Ihrer Recherche mit rund 30 Menschen in vier Ländern gesprochen. Welche Begegnungen haben Sie besonders geprägt?

Gutsfeld: In Prag habe ich einen der ersten Menschen getroffen, der in Europa für den Eigengebrauch Meth gekocht hat, Pavel Gregor. Die Droge wurde im Dritten Reich an die Soldaten der Wehrmacht gegeben, damit sie besser und ausdauernder kämpfen können. Danach ist sie aber weitestgehend in der Versenkung verschwunden und wurde kaum noch konsumiert. Bis in den 1970er Jahren in Prag eine Gruppe von Freunden das alte Meth-Rezept wiederentdeckt hat und sich die Droge dadurch in Tschechien verbreitete. Pavel Gregor hat es geschafft, nach über 30 Jahren von der Droge wegzukommen, arbeitet jetzt als Psychotherapeut und begleitet Menschen, die süchtig nach Crystal Meth sind. Er hat mir erzählt, dass er sich schuldig fühlt, dass er diese Droge nach Tschechien gebracht hat und deshalb jetzt jungen Menschen helfen will, davon wegzukommen. Ein faszinierender Mensch. Sehr beeindruckt hat mich auch das Gespräch mit einem niederländischen Gangster, der in der Nähe von Rotterdam mit seiner Frau in einem spießigen Einfamilienhaus wohnt. Er hat mir erzählt, wie er vom Kickboxer, der Drogen eigentlich immer gehasst hat, zu einem Kriminellen wurde, der im großen Stil mit Drogen gehandelt hat und auch selbst Drogen gekocht hat. Ein Mann, der mich mit einem Finger hätte umhauen können.

Wurde es auch mal brenzlig?

Gutsfeld: Während meiner Recherche hat die Polizei das bis dato größte Meth-Labor hochgenommen, das jemals in Europa entdeckt wurde. Das Labor befand sich direkt an der deutsch-niederländischen Grenze in Limburg. 40 Kilometer von Heinsberg, 70 Kilometer von Aachen entfernt. Zwei Tage nachdem die Polizei das Labor entdeckt hat, bin ich hingefahren. Es war spät am Abend, weil ich davor in Holland recherchiert habe und spontan mit dem Zug weitergefahren bin. Weil das Labor mitten in der Provinz war, musste ich vom Bahnhof mit dem Taxi weiterfahren. Vor Ort habe ich auf dem Gelände eine Person getroffen, die überhaupt nicht froh darüber war, dass ich da war. Ich stand plötzlich vor diesem Menschen, der vielleicht in die Drogenproduktion involviert war – und der mich mit unmissverständlichen Worten wegschickte. An der Stelle wurde es schon ein bisschen brenzlig.

Das Ergebnis Ihrer Recherche ist ein fünfteiliger Podcast. Was genau ist ein Podcast und warum haben Sie sich für dieses Medium entschieden?

Gutsfeld: Ein Podcast zeichnet sich dadurch aus, dass er anders als Radiostücke online erscheint und unabhängig vom Programm jederzeit gehört werden kann. Es gibt oft mehrere Folgen und Cliffhanger. Ich habe mich für das Genre des sogenannten Storytelling Podcasts entschieden. Dabei begibt sich eine Person auf eine Recherche und macht diese Recherche zur Geschichte. Das Mikrofon hatte ich immer dabei, auch bei meiner Begegnung beim größten Meth-Labor Europas in Limburg.

Sie erzählen also nicht nur, was Sie erlebt haben, sondern geben den Zuhörerinnen und Zuhörern auch das Gefühl, dabei zu sein?

Gutsfeld: Genau, das zeichnet den Storytelling-Podcast aus im Gegensatz zu einem Podcast, in dem sich zwei Menschen unterhalten. Ziel ist, wie in einer guten Serie die Leute mitzunehmen und sie durch Cliffhanger bei der Stange zu halten – und am Ende der Recherche woanders zu landen als am Anfang.

Wo sind Sie nach den sechs Monaten gelandet? Haben Sie sich auch persönlich verändert?

Gutsfeld: Auf jeden Fall. In der ersten Folge merkt man denke ich sehr deutlich, dass ich relativ naiv in das Projekt gestartet bin. Ich bin einfach überall hingefahren und fand alles unfassbar spannend. Ich hatte mich bis dahin auch journalistisch noch nie mit dem Thema Drogen oder organisierte Kriminalität beschäftigt. Als ich bei dem Meth-Labor in Limburg war, dachte ich einfach nur „Boah, krass.“ Dass so was direkt bei Aachen, bei Heinsberg möglich war! Als ich mit dem Taxifahrer dahin fuhr, merkte ich, dass dieser richtig Angst hatte. Das war das erste Mal, dass mir bewusst wurde, dass diese Welt der Kriminellen, die man eher mit Mexiko verbindet, auch direkt nebenan liegen kann. Je mehr ich recherchiert habe, desto mehr wurde mir klar, wie mächtig das organisierte Verbrechen in der Grenzregion ist. Und dass es eine Welt gibt, die man nicht sieht, wenn man durch Aachen geht, aber sie existiert. Und sie ist gefährlich und bedrohlich für unseren Frieden. Das hat mich persönlich verändert. Wenn ich jetzt durch die Provinz fahre und eine Scheune sehe, frage ich mich automatisch, ob dort ein Meth-Labor stehen könnte.

Ist in dem Fall nicht doch vielleicht Unwissenheit auch Glück?

Gutsfeld: Es ist wichtig, dass wir mehr darüber erfahren und uns bewusst sind, wie mächtig das organisierte Verbrechen ist. Aus Sicht von Politik und Polizei ist das Thema in den letzten 20 Jahren relativ vernachlässigt worden. Viele hatten eher den Terrorismus auf dem Schirm. Ich glaube, deshalb sind auch in den Niederlanden so viele von den jüngsten Entwicklungen schockiert, zum Beispiel vom Mord am Journalisten Peter R. de Vries. Man hat gesehen, was passieren kann, wenn das Thema organisierte Kriminalität vernachlässigt wird. In den Niederlanden müssen Menschen, die nicht aus der Szene kommen, um ihr Leben fürchten. Das heißt nicht, dass Holland wie Mexiko ist. Aber es gibt Menschen, die mit gutem Grund sagen, dass Holland mittlerweile ein Narco-Staat sei.

Was ist ein Narco-Staat?

Gutsfeld: Narco kommt von englisch narcotics, Drogen. Ein Narco-Staat ist ein Land, in dem die Drogenbanden so mächtig sind, dass sie den kompletten Staat infiltrieren. Ein Musterbeispiel ist Mexiko. Da kann man schwer zwischen Kartellen und dem Staat unterscheiden, weil Kartellmitglieder sämtliche Institutionen durchdringen. Manche Experten sagen, dass die Niederlande die europäische Light-Version eines südamerikanischen Narco-Staates sind. Die Justiz ist noch unabhängig, die Politik noch relativ unbeeinflusst, aber in der niederländischen Wirtschaft sind die Spuren des illegalen Drogenhandels sehr deutlich. In Deutschland übrigens auch.

Dazu passt der Titel des Podcast „Narcoland“. Warum haben Sie diesen Titel gewählt?

Gutsfeld: Der Podcast heißt Narcoland, weil ich der Meinung bin, dass das organisierte Verbrechen und vor allem organisierte Drogenbanden in der Grenzregion sehr mächtig sind. Sie haben die Niederlande und zunehmend auch Belgien auserkoren, um Drogen zu produzieren und nach ganz Europa zu schmuggeln. Ich stelle die These auf, dass Aachen und das Dreiländereck inzwischen zu diesem Narcoland gehören – ob ich dafür ausreichend Belege gefunden habe, erfährt man ab sofort im Podcast.