Aachen: Philosophische Fakultät: Was kann, darf und muss sich ändern?

Aachen : Philosophische Fakultät: Was kann, darf und muss sich ändern?

Die Philosophische Fakultät der RWTH Aachen hat am Mittwochabend ihr 50-jähriges Bestehen gefeiert — in sehr viel bescheidenerem Rahmen, als mancher das bei diesem Anlass erwartet hätte. Offizielle Gäste, zum Beispiel aus Politik, Verwaltung oder Ministerium, waren nicht gekommen. Selbst RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg ließ sich wegen „Unstimmigkeiten im Zeitplan“ entschuldigen und von Kanzler Manfred Nettekoven vertreten.

So war es eine ziemlich überschaubare Zusammenkunft von Geisteswissenschaftlern aus zehn Instituten, die dem knapp gehaltenen Programm im Gebäude der Hochschule für Musik und Tanz folgten. Im Gegensatz zur 25-Jahrfeier 1990, bei der noch die halbe Stadt und Kultusministerin Anke Brunn der Fakultät ihre Aufwartung gemacht hatten, wirkte das alles ein wenig traurig-trotzig.

Bei der Feier: Christine Roll, Dekanin der Philosophischen Fakultät und RWTH-Kanzler Manfred Nettekoven.

Mit gebotener Zurückhaltung

Dekanin Christine Roll ließ jedoch erwartungsgemäß Zuversicht walten und sprach von dem guten Weg, auf dem sich die Philosophische Fakultät hin zu ihrer Strukturreform 2025 befinde. Aber auch von „gebotener Zurückhaltung“ angesichts der Krise, in der sich die Fakultät seit einem Jahr befinde.

Nein, man wolle nicht feiern, dass „wir es unter widrigen Bedingungen bis hierher geschafft haben“. Man wolle vielmehr die Herausforderung als Chance sehen und sich ein neues Profil geben. Und nein, das sei kein Lippenbekenntnis.

Von widrigen Bedingungen in Vergangenheit und Gegenwart kann die Philosophische Fakultät wahrlich ein Lied singen. Schon die Gründung der sieben Lehrstühle am 1. April 1965 war weniger Überzeugungen als Notwendigkeiten geschuldet. In Aachen sollten schlicht die Überhänge in der Lehrerausbildung aus Köln, Bonn und Münster aufgefangen werden. Gut 20 Jahre später, 1987, drohte der Fakultät das Aus, weil die Lehrerausbildung wieder zurückgefahren wurde. Nur der solidarische Schulterschluss von Studenten, der gesamten RWTH und der Stadt Aachen konnte dies verhindern.

Dann kam das Jahr 1995, in dem einer der größten Skandale der deutschen Hochschullandschaft die gesamte Philosophische Fakultät mit in den Abgrund riss: Hans Schwerte, Germanist und ehemaliger Rektor der RWTH, entlarvte sich selbst als ehemaligen hohen SS-Offizier Hans Ernst Schneider. Dieses Outing beschädigte das Germanistische Institut und die Fakultät umso mehr, als sich herausstellte, dass Professorenkollegen von dem Doppelleben des angesehenen, als linksliberal geltenden Schwerte schon seit Jahren gewusst hatten. Die Fakultät war über viele Jahre in den Schlagzeilen, Selbstverständnis und Ansehen waren schwer angeschlagen.

Im Kampf ums eigene Überleben beschloss die Fakultät dann im vergangenen Jahr das Aus für die Romanistik, Grundpfeiler jeder Philosophischen Fakultät. Und aktuell steht die Fakultät wegen des ungeklärten Umgangs mit der Noten-Affäre des ehemaligen Lehrbeauftragten Armin Laschet im einst renommierten MES-Studiengang in der Kritik. Doch nichts davon erwähnte die Dekanin. Ihr Blick ging in die Zukunft, denn „die Räder lassen sich nicht zurückdrehen“, wie sie sagte. „Darf sich nichts ändern?“, fragte Roll provokativ. Doch, es habe sich einiges geändert auf dem „anstrengenden Weg der Philosophischen Fakultät in die Technische Hochschule“.

Und es dürfe sich noch mehr ändern, meinte Roll: zum Beispiel die Kommunikation mit dem Rektorat. Klare Ansage der Dekanin an den Kanzler: „Ich wäre dankbar, wenn Sie über neue Formen der Kommunikation nachdenken würden.“ Ja, man müsse die Kommunikation „vorhersehbarer“ machen, pflichtete Manfred Nettekoven ihr bei, um anschließend eine Würdigung der Philosophischen Fakultät vorzunehmen — in erster Linie unter Berücksichtigung seiner eigenen Biografie. Frei nach dem Motto „Wie ich Kanzler wurde“ erzählte Nettekoven, der entspannt in Jeans und Turnschuhen erschienen war, allerlei Anekdoten und meinte mit Blick auf Kollegin Roll, dass sein Job auch „giga-anstrengend“ sei. Aber: „I like it.“ Immerhin sagte er dann noch diesen Satz: „Vieles von dem, was Sie machen, finde ich irrsinnig spannend.“

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