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Aachen: Patienten schlucken die bittere Pille gelassen

Aachen : Patienten schlucken die bittere Pille gelassen

Für die meisten Patienten mag die neue Praxisgebühr eine bittere Pille sein - aber gezahlt wurde sie doch.

Jedenfalls meldeten die meisten Praxen, die Gebühr wurde am ersten Tag „problemlos” gezahlt. Die zehn Euro pro Kassenpatient und Quartal sorgten am Freitag aber für Mehrarbeit und Protest.

Sprechstundenhilfen erklärten den verunsicherten Patienten das Gebührensystem im Dauereinsatz - und so mancher auf beiden Seiten hatte gleich nach den Feiertagen eine Menge Wut im Bauch.

„Man kommt ja eh nicht dran vorbei. Bezahlen müssen wir sowieso”, meinte Rentnerin Wilhelmine Rohs aus Alsdorf, die die Zehn-Euro-Note beim Betreten der Praxis direkt bereithielt.

„Wir haben einen großen Anteil an älteren Patienten, und gerade für die ist diese Gebühr sehr ungewohnt”, sagte der Herzogenrather Arzt Franz Josef Herff.

Etliche Befragte ließen ihrem Unmut freien Lauf: „Das ist eine indirekte Beitragserhöhung. Dieser Hüftschuss wird die Problematik im Gesundheitswesen nicht lösen können. Außerdem trifft es besonders die chronisch Kranken sehr hart”, beklagte sich der Würselener Allgemeinmediziner Helmut Heddaeus.

„So viel Facharzt-Überweisungen wie heute, haben wir in den vergangenen Jahren nicht mehr geschrieben. Manche Patienten wollen gleich vier oder fünf Stück auf einmal haben”, sagte Arzthelferin Ellen Hansen aus Alsdorf. „Wir machen jetzt quasi die Arbeit für die Krankenkasse mit”, fügte Kollegin Vera Jumpertz hinzu.

Auch in Dürener Praxen brach die neue Zeitrechnung an. „Es geht erstaunlich problemlos”, bewertete Verena Rörig, Fachärztin für Allgemeinmedizin, die ersten Erfahrungen mit der Pauschale. Die Unterlagen zur Information der Patienten seien jedoch zu spät publiziert worden.

Vorinformationen waren ihrer Meinung nach oftmals missverständlich, so dass „die Patienten bis vor kurzem noch geglaubt haben, sie müssten bei jedem Arztbesuch zahlen”.

Dürener Ärzte kritisierten auch, sie seien zu einer Inkassostelle der Krankenkassen gemacht worden. Für den gestiegenen bürokratischen Aufwand würde keine Krankenkasse zahlen. Von einer „Abwälzung ohne Gegenleistung”, sprach der Dürener Allgemeinmediziner Reinhold Unger.

In den Apotheken „zahlen die Leute nur zähneknirschend den Betrag”, wie Apotheker Thomas Göbels beobachtete. Da das System der Zuzahlungen bereits existierte, war die Umstellung auf die neuen Pauschalen lediglich ein Eingriff in die Software.

Technisch problemlos, bereitete es Apotheker Wolfgang Schlüder aber Mühe, „den Leuten klar zu machen, warum sie mehr zahlen müssen”. Ein Kollege brachte die Stimmung seiner Kunden auf den Punkt: „Die Leute sind stinksauer auf die Politik.”

„Wenn jemand meckert, sage ich einfach, dass wir nichts dafür können”, meinte Petra Cremers, beschäftigt beim Aachener Allgemeinmediziner Hans Bertram. Ihr Chef zeigte sich skeptisch: „Es ist ein zu hoher bürokratischer Aufwand.”

Am Abend vor dem Start ist er eigens eine Informationsliste mit 72 verschiedenen Fallbeispielen noch einmal durchgegangen. „Dort sind die abstrusesten Situationen aufgeführt.”

„Es ist voll wie immer und jetzt muss jedem eine Quittung ausgestellt werden, das ist viel Brasselei - zumal die Leute viele Fragen stellen”, sagte die Sprechstundenhilfe eines Allgemeinmediziners in Köln.

Auch bei einem Internisten in der Kölner Altstadt herrschte Hochbetrieb: „Es ist viel los, aber wir sind bestens darauf vorbereitet und deshalb läuft bis jetzt eigentlich alles ganz gut.” Alle Kassenpatienten hätten ihre zehn Euro in bar abgeliefert.

Allerdings nicht immer ganz ohne Murren: „Zehn Euro. Das ist schon heftig. Aber noch heftiger finde ich die Krankenhausregelung und die Medikamenten-Zuzahlung”, kritisierte ein 33-jähriger Kölner.

Patient Harald Siemen meinte: „Ich komme regelmäßig zum Spritzen in die Praxis und werde wohl leider regelmäßig zuzahlen müssen. Aber andererseits werde ich die zehn Euro wohl verkraften können.”

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