Leben nach dem Autounfall: „Papa, wo ist eigentlich dein Arm?“

Leben nach dem Autounfall : „Papa, wo ist eigentlich dein Arm?“

Bei einem Autounfall erleidet Carsten Koch aus Niederzier-Hambach vor knapp 20 Jahren schwerste Verletzungen: Er verliert ein Ohr, seinen rechten Arm und Teile seiner linken Hand. Doch davon lässt er sich nicht aufhalten - und kämpft sich zurück ins Leben.

Es klackt leise, dann liegt Carsten Kochs rechtes Ohr auf dem Tisch. „Das ist schon mein viertes“, sagt er, grinst und schiebt es auf der Glasplatte seines Wohnzimmertischs neben drei weitere Silikonohren. Sie haben verschiedene Farben von gelblich bis hellrosa. Da sich sein Hautton mit der Zeit ändert, braucht der 42-Jährige regelmäßig eine passende Ohrversion. Alle zwei Jahre muss er nach Münster in eine Fachklinik und sich ein Neues anfertigen lassen.

Sein richtiges Ohr verlor der gebürtige Osnabrücker neben seinem rechten Arm und Teilen seiner linken Hand vor knapp 20 Jahren bei einem schweren Autounfall. Damals war er gegen halb sechs morgens mit einem Kollegen im Auto auf dem Weg nach Bremen, sie fuhren zu einem Bundeswehrlehrgang. Koch wollte sich ein Zeugnis abholen, um seine Ausbildung bei der Bundeswehr fortsetzen zu können. Koch sagt: „Ich erinnere mich nur noch an die Autobahnabfahrt, danach an nichts mehr.“

Mittlerweile hat Koch schon vier Ohrepithesen. Epithesen sind im Gegensatz zu Prothesen nur zum Schmuck da. Foto: Carsten Koch

Bis heute ist nicht geklärt, weswegen Koch mit dem Auto von der Straße abkam und sein Auto Feuer fing. Ein bis heute Unbekannter informierte damals die Polizei über den Unfall. „Ich habe natürlich viel darüber nachgedacht, warum sich der Anrufer aus dem Staub gemacht hat.“ Die Polizei habe jedenfalls ausschließen können, dass Koch selbst den Unfall mit zu hoher Geschwindigkeit oder unter Einfluss von Alkohol verursachte. „Das war das Wichtigste für mich“, sagt er. „Ich muss laut Aussage der Polizei noch versucht haben, meinen Beifahrer aus dem Auto zu holen.“ Auch davon weiß Koch nichts mehr.

Dreiviertel seiner Haut, größtenteils an der rechten Seite seines Körpers, verbrennen dabei. Einen Großteil seiner rechten Gesichtshälfte seine Nase und sein rechtes Ohr verlor er. Aber so seltsam es rückblickend klingt: Er hatte Glück. Koch überlebte, sein Beifahrer nicht. Als Hilfe am Unfallort eintraf, war es schon zu spät.

Die Überlebenschance: Drei Prozent

Koch war damals 23, hatte eine Ausbildung zum Hotelfachmann gemacht und wollte seine Karriere bei der Bundeswehr fortsetzen. „Die Ärzte meinten, ich hätte eine dreiprozentige Überlebenschance“, sagt er. Er wurde in eine Klinik nach Hamburg gebracht, die sich auf Verbrennungen spezialisiert hat. „In einem anderen Krankenhaus hätte ich nicht überlebt“, glaubt Koch. Fast vier Wochen lang lag er im künstlichen Koma und musste knapp 60 Operationen über sich ergehen lassen, allein im ersten Jahr.

Bevor er sich das erste Mal selbst im Spiegel ansah, zeigten die Ärzte ihm Bilder von anderen Brandverletzten. So bereiteten sie ihn vor. Koch kann sich aber noch genau erinnern, wie es war. „Es war“, setzt Koch an und stockt ein paar Sekunden, „es war komisch, anders irgendwie. Dadurch, dass ich einen Bekannten im Rollstuhl hatte, wusste ich zumindest, wie ich mit Handicaps umgehen kann. Das hat es mir etwas leichter gemacht.“

Er habe zwar ein anderes Handicap, aber er habe sich der Situation stellen müssen. „Natürlich gab es auch Tage an denen ich dachte: Warum hast du das überlebt? Aber man muss nach vorne schauen. Sonst bricht alles zusammen.“ Für die große Unterstützung seiner Familie und Freunde sei er zutiefst dankbar. In Hamburg verbrachte Koch ein ganzes Jahr, danach kam er nach Aachen ins Klinikum.

2011 wurde Kochs Frau mit dem gemeinsamen Sohn Marvin schwanger. In diesem Jahr beschloss Koch, das letzte Mal zu einer Nachuntersuchung zu gehen. 2015 kam seine Tochter Mira zur Welt. „Die Kinder waren dann das Wichtigste, der Rest war mir egal. Ich könnte immer noch was machen. Zum Beispiel am Oberkörper die Haut straffen lassen. Denn die Leute gucken eh immer, wenn man irgendwie anders aussieht. Anfangs war das schwerer für mich, aber mittlerweile denke ich mir nur noch: ,Guckt doch!‘“

Offenheit ist wichtig

Am liebsten wird er sogar auf sein auffälliges Äußeres angesprochen. Auf dem Trödelmarkt in Aachen habe er zum Beispiel mal eine Familie getroffen, deren Kind ihn fragen wollte, was passiert ist. Aber der Vater habe es weggezogen. In solchen Situationen denkt Koch sich: „Lasst das Kind doch fragen, das ist immer besser.“ Auch wenn es Neuzugänge im Kindergarten gibt, den seine Kinder besuchen, weiß er: „Jetzt dauert es eine halbe Stunde länger, bis ich nach Hause komme“ und beantwortet geduldig alle Fragen. Auch die seiner eigenen Kinder.

„Meine Kinder müssen auch damit umgehen. Sie müssen so gestärkt sein, dass sie selbstbewusst sagen können ,Ja, der Papa sieht so aus, aber das ist halt so.‘“ Mittlerweile fangen auch Marvin (7) und Mira (4) an nachzubohren. Seine Frau Daniela erinnert sich: „Letztens fragte Mira ganz lapidar: ,Papa, wo ist denn eigentlich dein Arm?‘“ Und dann steht er auch ihnen Rede und Antwort. Offenheit ist seine Lösung, mit den Folgen des Unfalls, mit Blicken, Tuscheleien, aber auch interessierten Fragen anderer Menschen umzugehen.

Eine Leidenschaft lässt sich Koch auch nach dem Unfall nicht nehmen: Schon kurz nachdem er aus dem Krankenhaus in Aachen entlassen wurde, kaufte er sich ein Golf I Cabrio und ließ diesen für seine Bedürfnisse entsprechend umbauen. Mit einer Halterung am Lenkrad, in der er seinen linken Arm einklemmen kann, lenkt er. Die Schaltung ist automatisch, der Blinker und der Scheibenwischer werden über Pedale am Boden bedient. „Meine erste Tour nach dem Unfall habe ich durch Jülich gemacht“, sagt Koch.

Seine Handprothese kann er beim Autofahren nicht tragen. Sie passt nicht in die Halterung am Lenkrad. Aber das stört ihn nicht, denn er trägt sie ohnehin nicht gern. „Ich habe die Prothese fünf Jahre nach dem Unfall bekommen, da hatte ich schon gelernt, ohne Prothese zurechtzukommen.“ Er öffnet Flaschen mit den Zähnen, und statt sich nach Dingen auf dem Boden zu bücken, klemmt er sie zwischen seine Zehen, packt sie, hebt sein Bein und legt sie oben auf den Tisch. „Ich habe schnell versucht, alles selbst zu machen. Das ist natürlich auch oft schiefgegangen und dann dachte ich immer: ,Du Blödmann, warum hast du das nicht richtig gemacht?‘ Aber bei vielen Sachen ist es einfach Training gewesen.“ Zum Beispiel bei dem für ihn angefertigten Liegerad.

Radtouren mit den Kindern

Mittlerweile fährt Koch sicher und macht Fahrradtouren mit seinen Kindern. Seine Frau arbeitet, seit dem Unfall kann Koch das nicht mehr. Die Bundeswehr trug jedoch die Krankenhauskosten und finanzierte einen Teil der Hilfsmittel.

Mit seinem speziell angefertigten Liegerad unternimmt Carsten Koch auch oft Fahrradtouren mit seinen Kindern. Foto: Anna Küsters

Koch übernimmt im Alltag Sachen im Haus wie Wäsche waschen, Rasen mähen, den Hund Jule ausführen und die Betreuung der Kinder.Dass er die Kinder zum Beispiel nicht wickeln konnte, ärgerte ihn damals. „Aber dafür erlebe ich andere Dinge mit ihnen. Und wir haben gemerkt, dass Mira und Marvin sehr schnell selbstständig werden. Mira achtet zum Beispiel schon darauf, dass ich morgens mein Ohr nicht vergesse.“

Koch entschied sich damals bei seinem Ohr für einen Steckmechanismus, bei dem ihm außen und im Kopf spezielle Stege implantiert wurden. „Das gibt es auch als Magnetsystem. Mir war das aber zu heikel, da musst du nur mal in einer engen Parklücke stehen, steigst aus, das Ohr klickt ab und hängt dann an der Karosse nebenan. Dann bekommt dein Nebenmann nachher noch einen Schock. Das wollte ich nicht“, sagt er. Und lacht.