Aachen: Panini-Sammelfieber: 680 Klebebildchen bis zum finalen Glück

Aachen: Panini-Sammelfieber: 680 Klebebildchen bis zum finalen Glück

Nicht schon wieder Zlatan Ibrahimovic! Bitte nicht! Kann es sein, dass der Sticker des schwedischen Nationalstürmers mit der Nummer 567 in jeder zweiten Tüte steckt? Kennen andere Panini-Sammelbild-Enthusiasten diese Ibrahimovic-Inflation auch?

Bei Thomas Müller hingegen stellt sich ernsthaft die Frage, ob man den Stürmer der deutschen Nationalmannschaft (Stickernummer 260) im Panini-Produktionswerk im italienischen Modena beim Eintüten schlichtweg vergessen hat.

Jede Menge Sammelbilder für die Euro 2016 in Frankreich: Seit dem 23. März ist die Sticker-Kollektion im Handel erhältlich. Foto: Panini

Viel Ibrahimovic, wenig Müller? Wird hier massiv geschummelt? Der Hersteller wiegelt ab. „Alle Sticker werden gleich oft produziert“, sagt Panini-Deutschland-Geschäftsführer Hermann Paul auf Anfrage. Nun kann der Mann ja viel erzählen, und das weiß er selbst natürlich am allerbesten. Deshalb holt er auch gleich zu einer Erklärung aus — der Panini-Sammelfan will es schließlich ganz genau wissen.

Die Brüder Panini: Giuseppe, Umberto, Franco Cosimo und Benito Panini (v.l.n.r.) im Jahr 1966.

Drei Faktoren seien entscheidend dafür, dass keine Doppelten im Tütchen landen. „Erstens die Anordnung der Bilder auf dem Druckbogen. Zweitens die spezielle Mischung geschnittener A4-Bögen. Und drittens die Zusortierung von fünf Einzelbildern in ein Tütchen mit der Maschine Fifimatic.“

Der Sticker von Bruno Bolchi (Inter Mailand) aus dem Jahr 1961 gilt als erstes Panini-Bild.

Fifi was ...?!

Umberto Panini, der 2013 als letzter der Panini-Geschwister verstarb, war es, der 1964 die berühmt-berüchtigte Fifimatic, eine Misch- und Eintütmaschine, erfand. Noch heute stehen 25 dieser Maschinen, die das Herz des Unternehmens bilden, in der Produktionshalle von Panini in Modena. Der Verweis auf die Maschinen als ultimativer Beweis?

Schummel-Vorwürfe gegen Panini sind nicht neu. Auch in der Vergangenheit ging es immer mal wieder um die Frage, ob der Hersteller die Bildchen der Fußball-Stars eventuell in verschiedenen Stückzahlen produziert, um manche von ihnen wertvoller oder begehrter zu machen. Bewiesen wurde bisher allerdings nie etwas. Panini verweist die immer wiederkehrenden Vorwürfe ins Reich der Märchen.

Wenige Wochen vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich grassiert auch hierzulande wieder das Sammelfieber. Bis zu acht Millionen Tüten mit Bildern werden im Werk des italienischen Unternehmens jeden Tag produziert und in alle Welt verschickt. „Im Vergleich zur letzten Europameisterschaft erwarten wir einen deutlich höheren Absatz“, sagt Produktionsleiter Giuseppe Tagliavini. „Es wird in Frankreich gespielt, einem Markt, wo das Interesse sehr groß ist.“

Deutschland wichtigster Markt

Wichtigster Markt für Panini ist und bleibt aber Deutschland. Das erste Sammelalbum war von den Brüdern Giuseppe, Benito, Franco und Umberto Panini im Jahr 1961 herausgegeben worden. In Deutschland werden die Alben seit der Weltmeisterschaft 1974 vertrieben.

Panini, das seit dem ersten EM-Album 1980 die offiziellen Rechte für bislang alle Fußball-Europameisterschaften besitzt, hat sein Angebot in diesem Jahr noch einmal ausgebaut: Neben den klassischen Stickern und Sammelkarten gibt es dieses Mal auch Sammelfiguren und Online-Produkte, die für noch mehr Umsatz sorgen sollen.

„Spätestens seit dem Sommermärchen 2006 ist die Begeisterung für Fußballevents hierzulande enorm. Auf dieser Welle der Begeisterung schwimmt auch Panini mehr denn je mit. Abgesehen davon ist Deutschland gemessen an der Bevölkerungszahl der größte Absatzmarkt in Europa, das erklärt natürlich auch den Erfolg“, sagt Geschäftsführer Hermann Paul.

Die Panini S.p.A. ist eine international tätige italienische Unternehmensgruppe, die hauptsächlich im Druck- und Verlagswesen tätig ist. Die Panini-Gruppe ist in mehr als 100 Ländern tätig und außerhalb Italiens auch in Brasilien, Chile, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Mexiko, Niederlanden, Russland, Schweiz, Spanien, Türkei und in den USA mit eigenen Tochtergesellschaften vertreten.

2014 erzielte die Panini S.p.A. mit mehr als 1000 Mitarbeitern einen Umsatz von 751 Millionen Euro. Nicht nur die Italiener wollen von der Sammelleidenschaft der Fußball-Fans profitieren. Auch Deutschlands zweitgrößter Lebensmittelhändler Rewe lockt seit Anfang Mai mit Sammelkarten der Nationalmannschaft.

Das Prinzip: Für je zehn Euro Einkaufswert erhält der Kunde eine DFB-Sammelkarte. Insgesamt gibt es 36 Motive — neben 30 verschiedenen Spielerkarten kommen auch das Trainer-Trio, die Fans der deutschen Nationalmannschaft als zwölfter Mann, das DFB-Emblem und das Maskottchen Paule zu Kartenehren.

Das Geschäft mit den Stickern blüht. Und nicht nur die Kinder sammeln fleißig Sticker, sondern traditionell auch die Väter. Markus Schäfer (40) aus Baesweiler-Setterich ist einer von diesen Vätern, die dieser Tage pausenlos den aktuellen Wasserstand über die neuen Medien wie Facebook und WhatsApp vermelden — will heißen, welche Sticker zum Glück noch fehlen.

Mit den Jahren hat sich das Tauschgeschäft mehr und mehr ins Internet verlagert. So kann man beispielsweise auf den Plattformen stickermanager.com oder klebebildchen.net doppelte Karten anbieten und noch fehlende im Tausch erwerben. „Mir ist es wichtig, dass das Album so schnell wie möglich voll ist“, sagt Markus Schäfer, der gemeinsam mit seinem Sohn Fabio (6) sammelt.

Und damit es auch wirklich flott geht, hat er mal eben zwei Kartons mit je 200 Päckchen für je 95 Euro bei Ebay geordert. Schon als Kind habe er gesammelt, dummerweise seien die Alben bei einem Umzug verschütt gegangen. „Da würde man heute einiges für kriegen“, meint Schäfer, der auch das Gefühl hatte, mancher Spieler sei häufiger in den Tütchen als andere. Was dem einen sein Ibrahimovic, ist dem anderen sein Nani.

Von wegen romantisch

Mit der Romantik früherer Sammelzeiten hat das alles natürlich nicht mehr viel zu tun. Da wurde eine Reihe von Stickern gegen eine Wand gestellt und aus einer Entfernung von zwei bis drei Metern von mehreren Mitspielern mit Bildern, die man doppelt hatte, beworfen.

Der Spieler, dem es gelang, das letzte noch aufrecht stehende Bild umzuwerfen, bekam dann sämtliche am Boden liegende Bilder. „Umwerfen“ nannte man das Spiel. Eine andere Variante hieß „drauf“. Ob nun „umwerfen“ oder „drauf“ — entscheidend war, dass man das Bild, das man zwischen Zeige- und Mittelfinger packte, locker genug aus dem Handgelenk von sich warf.

Sticker mit Kultstatus

Apropos alte Zeiten: Vor allem Alben aus den 70er, 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts erfreuen sich großer Beliebtheit. Manche Sticker besitzen heute Kultstatus — wie etwa der von Wolfgang Rolff, der von 1994 bis 1995 beim 1. FC Köln spielte und in dieser Zeit unter Panini-Insidern wegen seiner — nennen wir es mal — markanten Frisur zum „Mattenkönig“ avancierte. Komplette Sammelalben aus jenen Tagen erreichen mal schnell einen Sammelwert von bis zu 900 Euro.

„Panini-Bilder sind Klassiker aus dem echten Leben, das erklärt den Erfolg auch in Zeiten virtuellen Daseins. Man reißt die Päckchen auf und ist gespannt, ob die fehlenden Bildchen dabei sind. Das Kleben wird ewig weitergehen“, sagt Hermann Paul.

Ist ja schön und gut. Aber Zlatan Ibrahimovic war trotzdem öfter in den Tütchen als Thomas Müller. So rein gefühlt.