Aachen: Orientierungslosigkeit der Jugend als Thema

Aachen : Orientierungslosigkeit der Jugend als Thema

„Der Arzt wird mit seinen Patienten zusammen alt.” Dieser Spruch stimmt - zumindest was die Behandlung von Patienten mit psychischen Erkrankungen angeht - schon lange nicht mehr.

Immer mehr Kinder und Jugendliche haben mit Ängsten, angehenden Depressionen oder Konzentrationsschwächen zu kämpfen. Ein Zeichen unserer Zeit?

Das 28. Westdeutsche Psychotherapieseminar gibt Antworten - für Fachärzte und die interessierte Öffentlichkeit.

Julia S. ist 18 Jahre alt und steht kurz vor ihrem Abitur. Sie ist nervös, nervlich am Ende. Schaffe ich den nötigen Durchschnitt? Werden meine Eltern von mir enttäuscht sein?

Das sind die Fragen, die Julia den Schlaf rauben. Sie nimmt Aufputschmittel, kann sich nur noch mit Mühe auf den Schulstoff konzentrieren. Und dann kommt schließlich der Zusammenbruch. Nichts geht mehr, der Druck, unter dem Julia steht, hat die Überhand gewonnen.

Julia ist Patientin von Professor Waltraut Kruse, Organisatorin des 28. Westdeutschen Psychotherapieseminars, das vom 7. bis 9. März im Aachener Eurogress stattfindet. Veranstalter sind die Westdeutsche Arbeitsgruppe für Psychotherapie und Psychosomatik in Zusammenarbeit mit der RWTH Aachen und der Ärztekammer Nordrhein.

„Patienten wie Julia haben uns veranlasst, das diesjährige Seminar unter das Motto Jugend ohne Orientierung - Brauchen wir Vorbilder? zu stellen”, berichtet Waltraut Kruse. „Immer häufiger kommen junge Menschen zu uns in die Praxis, leiden unter Aufmerksamkeitsproblemen, Essstörungen, einer Vielzahl körperlicher Beschwerden oder auch traumatischen Erlebnissen, mit denen sie alleine nicht mehr fertig werden.”

Im Fall Julia ist die Diagnose klar: Psychosomatische Störung und Überforderungssyndrom in einer Extremsituation. Gespräche mit Julias Eltern sowie Hilfen in der psychotherapeutischen Abteilung der Psychiatrie des Aachener Klinikums können Julia auf lange Sicht Heilung bringen.

Das Westdeutsche Psychotherapieseminar will nicht nur Ärzte aller Fachrichtungen, sondern auch die interessierte Öffentlichkeit informieren sowie Eltern für die Probleme ihrer Kinder sensibilisieren. Kruse: „Nie war das Erwachsenwerden komplizierter als heute: Jugendliche, denen Vorbilder, Perspektiven und Grenzen fehlen, deren Selbstfindung trotz aller Bemühungen oftmals in die Psychiatrie führt, brauchen Hilfe.”

Dies seien Nebeneffekte der heutigen Zeit, bewertet die Allgemeinmedizinerin und Psychotherapeutin. Und das habe ganz unterschiedliche Ursachen. „Kinder und Jugendliche werden immer wieder mit Trennungen konfrontiert.”

Das reiche von kleinen Trennungen im Alltag bis hin zu schicksalhaften Trennungen wie Scheidung der Eltern, Tod von Geschwistern sowie der Verlust von engen Bezugspersonen. Dabei würden Trennungen „aber heute viel intensiver erlebt, zumal die Familien kleiner werden und das Gefühl der Geborgenheit damit nachlässt.”

Weiteres Problem der heutigen Gesellschaft seien die mehr und mehr zurückgehenden familiären Strukturen. „Erziehung heißt auch Vorbild sein”, mahnt Waltraut Kruse. „Jugendliche brauchen Erwachsene, die sie durch ihr Verhalten, ihr Denken und ihre Persönlichkeit beeindrucken. Das heißt aber nicht, Jugendliche in Zwänge von Vorschriften und Normen zu bringen.”

Wichtig sei der Schutz der Jugendlichen vor falschen Vorbildern. Durch unrealistische Gewalt in Fernsehsendungen und Computerspielen nehme die Gewaltbereitschaft allgemein zu. „Das heißt nicht, dass man die Medien abschaffen soll, aber man sollte lernen, verantwortungsbewusster damit umzugehen.”

Seien beide Elternteile beziehungsweise der oder die Alleinerziehende nachmittags nicht zu Hause, müssten sich die Jugendlichen ihre eigenen Normen und Vorbilder schaffen. „Und das hat außerdem den Nebeneffekt, dass sie zunehmend vereinzeln und ihnen der Austausch mit Gleichaltrigen und vertrauten Bezugspersonen immer mehr abhanden kommt.

Welchen Beruf sie einmal ergreifen, mit wem sie wie und wo zusammenleben wollen, alles müssen Jugendliche heute oftmals selbst entscheiden. Grenzenlose Freiheit, Spaßgesellschaft, und dann - viel zu plötzlich - ein Leistungsdruck, der immer stärker wird.”

Dieser Entwicklung entgegenzuwirken, für Symptome zu sensibilisieren und nicht nur Fachleute, sondern auch die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen, haben sich das Veranstalter des Psychotherapieseminars vorgenommen. „Die Orientierungslosigkeit von Jugendlichen ist mittlerweile zu einem so gravierenden Thema geworden, dass Fachleute alleine mit Lösungen überfordert werden: Es geht uns alle an.”

Termine der Hauptveranstaltungen

Freitag, 7. März: 17 Uhr, Professor Christian Pfeiffer: Jugendgewalt und Zivilcourage - Zur Bedeutung von Vorbildern und Orientierungsmustern;

Samstag, 8. März: 11 Uhr, Wolfgang Bergmann: Die Welt der neuen Jugend - Gefährdung und Herausforderung für Kindheit und Jugend im Informationszeitalter; 20 Uhr, Konzert im Krönungssaal des Rathauses;

Sonntag, 9. März: 11 Uhr, Professor Beate Herpertz-Dahlmann: „Erwachsenwerden im Jahr 2003 - Bedeutung von Bindung und Erziehung.

Alle Vorträge finden im Eurogress statt und können kostenlos besucht werden. Karten für das Konzert sind in allen Geschäftsstellen unserer Zeitung erhältlich. Preis: 5 Euro, Kinder und Jugendliche frei.