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Lebensgefahr Kälte: Obdachlose meiden dennoch Notstellen

Lebensgefahr Kälte : Obdachlose meiden dennoch Notstellen

Bei zweistelligen Minusgraden drohen Obdachlose zu erfrieren. Viele Städte in NRW werben offensiv für ihre warmen Schlafplätze. Warum meiden trotzdem nicht wenige in NRW die Unterkünfte?

Trotz lebensgefährlicher Kälte meiden manche Obdachlose bereitstehende Notschlafplätze in NRW und harren Wohlfahrtsverbänden zufolge im Freien aus. Zum Teil liege das an der Angst, sich in den Unterkünften mit dem Coronavirus anzustecken, sagte Andreas Sellner von der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Freie Wohlfahrtspflege auf dpa-Anfrage am Montag. Hier hätten die Kommunen aber die Belegungsdichte deutlich verringert und viele weitere Stellen – etwa in Pensionen, Jugendherberge oder städtischen Räumen – geöffnet. Strenge Hygienevorschriften würden eingehalten. Vorbehalten bei vielen Obdachlosen konnte damit entgegengewirkt werden.

Es gebe aber Geflüchtete und zahlreiche vor allem aus Osteuropa infolge wirtschaftlicher Not zugewanderte Menschen, die in NRW ohne Dach über dem Kopf lebten. Häufig seien sie in Sorge, dass sie Deutschland verlassen müssten, nachdem sie „offiziell“ untergekommen seien in Notunterkünften. Manche Obdachlose lehnten Sammelunterkünfte zudem grundsätzlich ab. Es sei in NRW von rund 10.000 Menschen ohne Obdach auszugehen.

In Gelsenkirchen bemerkte ein Bürger einen hilflosen Obdachlosen, der nicht mehr ansprechbar schien. Dank eines schnellen Notrufes konnte der Mann gerettet werden. Seine Körpertemperatur war bereits auf 34 Grad gesunken, laut Notarzt hätte er die nächste Nacht nicht überlebt, wie die Polizei berichtete.

Viele Städte appellierten eindringlich an Obdachlose, sich angesichts der klirrenden Kälte in die Notunterkünfte zu begeben und an Passanten, hilflose Personen zu melden. Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) betonte, in NRW niemand müsse auf der Straße schlafen.

In Dortmund wandten sich viele Bürger an die Polizei, weil sie sich um Obdachlose in der Eiseskälte sorgten. Vorübergehend seien Teile des Hauptbahnhofs für Übernachtungen im geschützten Raum bereitgestellt worden. Es gebe aber ausreichend viele Schlafplätze für Menschen ohne Obdach in der Ruhrgebietsstadt, stellte die Polizei klar.

In Münster bat Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU) die Bevölkerung um Mithilfe. Es seien genügend Plätze vorhanden, um „alle Wohnungslosen, die es wünschen, zu versorgen und zu beherbergen“, berichtete das Sozialamt am Montag. Man versuche, die Betroffenen zu überzeugen, einen Platz im Warmen anzunehmen.

Die LAG Wohlfahrtspflege appellierte an Verkehrsbetriebe und Ordnungsbehörden, vor allem in den Großstädten großzügig zu sein bei Obdachlosen in Hauseingängen oder U-Bahn-Stationen. „Diese sollten geöffnet werden, beziehungsweise Personen von dort nicht vertrieben werden“, sagte LAG-Sprecher Markus Lahrmann. Es sei davon auszugehen, dass manche die Hilfen der Notschlafplätze trotz der extremen Kälte weiterhin nicht annehmen würden. „Man bekommt nicht alle in die Notunterkünfte.“

Wie in allen anderen Lebensbereichen auch könnten auch in den Notschlafstellen mutierte Virusvarianten eine neue Gefahr bedeuten, sagte Sellner. In Düsseldorf war bei einem Obdachlosen jüngst in einer Schlafstelle die britische Mutation festgestellt worden, wie die Stadt am Montag mitteilte. Die Person befinde sich in Quarantäne und in einem guten Gesundheitszustand.

Das Land NRW stellt im Corona-Winter 2020/21 für Menschen ohne Dach überm Kopf rund 340.000 Euro Kälte-Soforthilfe bereit. Mit dem Geld könnten auch alternative Möglichkeiten für eine warme Übernachtung finanziert werden. Obdachlosen-Fürsorge ist grundsätzlich aber Aufgabe der Kommunen.

(dpa)