Aachen: Nur wenige Autofahrer sind Gurtverweigerer

Aachen : Nur wenige Autofahrer sind Gurtverweigerer

„Irren ist in dem Fall männlich“, sagt Unfallforscher Siegfried Brockmann, als er am Donnerstag die Studie zum Nutzen der Anschnallpflicht vorstellte. Der Leiter der Unfallforschung der Deutschen Versicherungswirtschaft hat mit seinem Team eine Datenbank mit 9000 Unfällen ausgewertet, die Erkenntnis: Nur rund zwei Prozent der Deutschen sind Gurtmuffel. Unter den Verweigerern seien auffällig viele Männer mit vermeintlichen Superkräften.

„Sie glauben wohl, Verletzungen beim Aufprall durch die Kraft ihrer Arme und den Airbag verhindern zu können“, beschreibt Brockmann.

Ein Irrglaube, denn diese kleine Gruppe macht ein Viertel der bei Unfällen getöteten Autoinsassen aus. Nicht alle von ihnen hätte ein Gurt gerettet, aber: „Hätten wir eine Anschnall-Quote von 100 Prozent, hätten wir pro Jahr rund 200 Verkehrstote und knapp 1500 Schwerverletzte weniger“, sagte Brockmann. Unter den 45- bis 64-Jährigen ist die Unlust auf den Gurt am größten. Und die aussagestärkste Zahl: 87 Prozent der Gurtmuffel schnallen sich nur dann nicht an, wenn sie allein im Auto sind. „Die soziale Kontrolle ist offenbar wichtig. Wenn die Enkel mit im Auto sitzen, schnallt die Oma sich an. Denn rational kann sie dem Nachwuchs nicht erklären, warum sie das nicht tut“, sagt Brockmann.

Im vergangenen Jahr wurden bundesweit 1439 Autoinsassen durch Unfälle getötet. 360 dieser Opfer, also ein Viertel, waren nicht angeschnallt. Brockmann fordert eine Erhöhung der seit 1984 gültigen Bußgeldes, das bei 30 Euro liegt und mehr Polizeikontrollen.

Gesonderte Überprüfungen gibt es nicht mehr, aber das Verantwortungsbewusstsein hat zugenommen, die Spezies der Gurtmuffel ist eine aussterbende Spezies, sagt Paul Kemen, der Sprecher der Aachener Polizei. Platz 1 im „großen Buch der Ausreden“ ist der Hinweis „Ich bin gerade erst losgefahren“, sagt Kemen. Mit größerem Abstand rangiert dahinter die Ausrede: „Herr Wachtmeister, das waren nur ein paar Meter.“ Erfolgversprechend sind diese Versuche nie. Auch der Verweis auf eingebaute Airbags schützt nicht vor Strafe.

Ausnahmen sieht das Gesetz nur beim Haus-zu-Haus-Verkehr vor, sie gelten zum Beispiel für Boten oder Bäcker, wenn sie nur kurze Strecken zurücklegen. Gelegentlich bekommen die Streifenpolizisten auch Erklärungen von Gurtmuffeln, dass eine frische Operationsnarbe geschont werden müsse, oder eine Schwangerschaft gegen den Gurt spreche. Vergeblich: In jedem Fall bedarf die Befreiung von der Anschnallpflicht einer ärztlichen Bescheinigung. Es könnte auch eine Schutzbehauptung sein.

Im Kreis Heinsberg werden jährlich im Schnitt immer noch etwa 3000 Gurtmuffel von der Polizei erwischt. Origineller sind auch hier die Ausreden nicht. Viele wollen das Anschnallen — trotz akustischer Hinweise — schlicht vergessen haben, sagt Polizeisprecher Karl-Heinz Frenken. Unerreicht: „Ich habe eine Gurt-Allergie.“ Technisch ließen sich solche „Gurt-Allergiker“ durchaus disziplinieren, zum Beispiel mit einer Wegfahrsperre, die den Motorstart erst zulässt, wenn auch der letzte Passagier angeschnallt ist.

Professor Maximilian Schwalm, Verkehrspsychologe am Institut für Kraftfahrwesen (IKA) an der RWTH, erinnert an die Befürchtungen, die in der BRD herrschte, als am 1. Januar 1976 die allgemeine Anschnallpflicht auf Vordersitzen gültig wurde. Damals machten Horrorgeschichten von Unfallopfern die Runde, die sich aus brennenden oder in Fluten versinkenden Autos nicht mehr rechtzeitig von den Gurten befreien konnten. Seit 1984 gilt die Pflicht auch für die Rückbank. Allein 1985 ging die Zahl der Unfalltoten vor allem dank dieser Regelung um 1461 zurück.

Schwalm konstatiert, dass inzwischen nur noch ein sehr kleiner Teil der Autofahrer die Vorteile des Systems nicht akzeptierte. „Das sind Menschen, die keiner Regel folgen wollen und sehr bewusst vor jeder Fahrt die Gurtwarnung und jedes noch so offensichtliche Risiko absichtlich ignorieren.“ Unbelehrbare, die sich auch von empirischen Studien nicht überzeugen lassen. Im Europavergleich steht Deutschland mit 98 Prozent gut da. In südeuropäischen Ländern liegt die Anschnallquote zum Teil nur bei 80 Prozent.

Ab 2019 sind in neuen Fahrzeugmodellen Gurtwarner vorgeschrieben, ab 2021 gelten sie flächendeckend.

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