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„Betet zuhause“: Nur noch ein einsamer Imam in der Moschee

„Betet zuhause“ : Nur noch ein einsamer Imam in der Moschee

Wenn der Imam zum Gebet ruft, sollen Muslime seinem Ruf folgen. Imame rufen zwar weiterhin, aber beten jetzt alleine. Der Gebetsraum zum Beispiel in der größten Moschee Deutschlands in Köln bleibt leer.

„Kommt zum Gebet“ – der Imam in der Zentralmoschee in Köln ruft diese Zeile fünf Mal täglich auf Arabisch aus. Normalerweise versammeln sich hinter ihm auf dem hellblauen Teppich des Gebetsraumes dann Hunderte Gläubige – wegen der Corona-Pandemie bleibt der 2000 Quadratmeter große Raum jetzt aber leer.

Islamische Verbände fordern deutschlandweit ihre Gemeindemitglieder auf, zuhause zu beten. „Gemeinschaftsgebete in den Moscheen werden (...) nicht stattfinden“, erklärt der Sprecher des Koordinationsrates der Muslime (KRM), Zekeriya Altuğ.

In der Kölner Zentralmoschee der Türkisch-Islamischen Union (Ditib), der nach eigenen Angaben größten Moschee Deutschlands, wollen die Imame dennoch weiterhin zum Gebet rufen. Der Text „Kommt zum Gebet, kommt zum Heil“ werde auch nicht geändert. „Das ist emotional wichtig“, erklärt Altuğ. Der Gebetsruf sei für die Gemeindemitglieder ein Zeichen „der individuellen und persönlichen Freiheit und Beheimatung“, deshalb werde er nicht verstummen. Die Moschee und der Imam persönlich blieben für Notsituationen, seelsorgerische und andere dringende Wünsche der Gläubigen erreichbar.

Zu den fünf Pflichtgebeten, die verteilt über den Tag stattfinden, finden sich Altuğ zufolge in normalen Zeiten regelmäßig etwa 100-200 Menschen in der Kölner Moschee ein – zum Freitagsgebet sogar tausend. Die Gemeinschaft in der Moschee bei den täglichen Gebeten werde Frauen empfohlen, für Männer sei sie beim Freitagsgebet eigentlich Pflicht – doch auch für sie ist die Pflicht ausgesetzt.

Der Koordinationsrat hatte das bereits am Sonntag empfohlen. Der Schutz des Lebens sei im Islam höchstes Gebot. Entsprechend habe schon der Prophet „bei Gefahr die Gläubigen aufgerufen die täglichen Gottesdienste zuhause zu verrichten“ - so steht es in der Empfehlung.

Muhammed Suicmez betet sehr oft in der Kölner Moschee: „Ich kann mich nicht dran erinnern, dass ich je einem Freitagsgebet ohne triftigen Grund ferngeblieben bin“, sagt er. Nur wenn er arbeiten müsse oder krank sei, sei er weggeblieben. Das ist nun anders. Vergangenen Freitag war er vorerst das letzte Mal in der Moschee. Da Muslime beim Gebet dicht beieinander stehen und nach den Anweisungen des Imams oft synchrone Bewegungen durchführen, habe Suicmez auch an das Coronavirus denken müssen: „Einige Male kam der Gedanke schon hoch, was jetzt passieren würde, wenn einer neben mir plötzlich anfängt zu husten oder zu niesen.“

Bund und Länder hatten am Montag in einem gemeinsamen Beschluss Gottesdienste aller Religionen bis auf weiteres untersagt. Dort heißt es unter anderem: Zu verbieten seien „Zusammenkünfte in Kirchen, Moscheen, Synagogen und die Zusammenkünfte anderer Glaubensgemeinschaften“.

Eyüp Kalyon ist Religionsbeauftragter bei der Ditib in Köln. Er beschreibt den Gebetsraum der Kölner Moschee als „leer und einsam“. Der 30-Jährige kann sich nicht daran erinnern, dass Freitagsgebete je ausgesetzt werden mussten. „Das ist ein tiefer Einschnitt, aber notwendig“, erklärt er. Vor den Freitagsgebeten begrüßen und umarmen sich Muslime in der Regel und beten gemeinsam, nah beieinander auf einem Teppich.

Die Moschee sei nicht nur als Gebetsort lahmgelegt, berichtet Kalyon. Gläubige kämen normalerweise auch dort zusammen, um Gesprächskreise zu führen oder Bildungsangebote wahrzunehmen. Auch diese stünden still. Man versuche aber, digitale Angebote für Musliminnen und Muslime zu schaffen, „die Nachfrage ist groß“, berichtet Kalyon. Den Gebetsruf digital zu streamen sei bisher nicht geplant. Die vielen Treppen, die zum Gebetsraum führen, die vielen Schuhregale am Eingang der Moschee und natürlich der Gebetsraum, alles sei „ungewöhnlich leer“. Normalerweise höre man Kinder zwischen Betenden auf dem blauen Teppich spielen, jetzt höre man nur noch den „einsamen Imam“.

(dpa)