Kölns Zoodirektor Theo Pagel im Interview: „Nur eine Minderheit ist gegen Zoos“

Kölns Zoodirektor Theo Pagel im Interview : „Nur eine Minderheit ist gegen Zoos“

Theo Pagel ist seit 2006 Direktor des Kölner Zoos und stammt aus Duisburg. In dieser Woche fliegt der 58-Jährige nach Argentinien, um dort sein neues Amt als Präsident des Weltzooverbandes anzutreten. Ein Ehrenamt.

„Das mache ich nebenher und arbeite dann nach Feierabend ein bisschen länger“, sagt Pagel. Auch im europäischen Verband arbeitet er im Vorstand mit. Mit Pagel sprach Claudia Hauser.

Herr Pagel, herzlichen Glückwunsch, Sie werden nun den Weltzooverband leiten. Was bedeutet das?

Pagel: Als Präsident des Weltverbands für Zoo und Aquarien vertrete ich die Interessen von rund 400 Zoos- und Tierparks weltweit. In der kommenden Woche verabschieden wir auf der Tagung des Verbands in Buenos Aires eine neue Satzung, die beinhaltet, was wir wollen.

Und was ist das?

Pagel: Wir wollen die internationale Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Verbänden und Zoos und die Standards in der Tierhaltung verbessern. Es geht auch um die Förderung globaler Zuchtprogramme. Und wir wollen vor allem im Bereich Naturschutz, Artenschutz und Bildung ganz viel tun. Man geht davon aus, dass etwa 700 Millionen Menschen jedes Jahr weltweit zoologische Gärten besuchen. Es ist eine riesige Verantwortung, diese zu sensibilisieren und ihnen zu zeigen, dass es wichtig ist, die Artenvielfalt auf unserem Planeten zu erhalten. Global und lokal: In Deutschland stellt sich nach der Rückkehr des Wolfs etwa die Frage, wie Mensch und Wolf gut nebeneinander auskommen können. Die Vielfalt der Arten zu bewahren, ist extrem wichtig.

Theo Pagel: Als Präsident des Weltzooverbands möchte er sich dafür einsetzen, dass die westlichen Zoostandards überall gelten. Foto: dpa/Marius Becker

Ist diese Aufgabe heutzutage noch bedeutender als früher?

Pagel: Ja, weil wir zunehmend in verstädterten Gesellschaften leben, wo die Menschen immer weniger in Kontakt kommen mit Tieren. Zoos sind Orte, die Menschen zurück zur Natur bringen.

Im Kölner Zoo gibt es sogar Kühe, Schweine und Hühner. Sind die nicht zu wenig exotisch?

Pagel: Der Mensch entfremdet sich immer mehr von der Natur – dabei geht es eben nicht nur um Wildtiere. Wir zeigen einen Wohlfühlbauernhof im Zoo, den es im wahren Leben so kaum noch gibt. Stattdessen haben wir immer mehr Tierfabriken, die allen Standards entsprechen mögen, aber sicher nicht unseren Vorstellungen von einem Bauernhof. Wir wollen zeigen: Wenn ihr wollt, dass die Eier von glücklichen Hühnern kommen, müssen die Eier eben auch mehr kosten. Bio-Ernährung muss ich mir zwar leisten können, ich muss aber auch verstehen und lernen, dass vielleicht zweimal die Woche Fleisch auf dem Tisch reicht. Auf unserem Zoobauernhof können wir den Besuchern außerdem den Tierkontakt ermöglichen. Wir können die Leute ja nicht zu den Elefanten oder ins Raubkatzengehege lassen – im Streichelzoo können sie aber mal ein Schaf oder eine Ziege anfassen. Das nehmen Kinder als intensives Erlebnis mit.

Was entgegnen Sie den Menschen, die gegen Zoos sind?

Pagel: Nur eine Minderheit ist gegen Zoos. Im vergangenen Jahr waren 64 Millionen Menschen in deutschen Zoos. Die Kritiker führen meist das Platzproblem an. Es ist aber nicht allein der Platz, den ein Tier braucht, sondern es ist vor allem die Qualität des Lebensraumes, die stimmen muss. Im Freiland sind die Tiere auch nicht wirklich frei. Damit meine ich: Wenn sie zum Beispiel in ein anderes Revier gehen, kriegen sie Probleme mit dem, dem das Revier gehört. Sie werden gejagt, sie müssen überleben, einen Partner suchen, jagen – das alles fällt im Zoo weg. Die Reviere können deshalb auch kleiner sein. Auch das können wir im Freiland ablesen, an Revieren, in denen es eine hohe Nahrungsdichte gibt. Die sind sehr viel kleiner. Die Tiere bewegen sich also nicht wie wir aus Freude, wenn wir morgens joggen gehen, sondern weil sie es müssen. Der Habicht sitzt zum Beispiel 20 Stunden am Tag nur auf einem Ast und macht nichts, vier Stunden jagt er, sucht sich einen Partner oder muss sich in Sicherheit bringen.

Kritiker führen auch an, dass die Tiere sich im Zoo langweilen.

Pagel: Wir beschäftigen unsere Tiere, damit sie sich nicht langweilen. Das ist auch etwas, was ich im Weltzooverband umsetzen möchte, dass die Standards auf der ganzen Welt unseren westlichen entsprechen. Man muss einiges im Zoo nachstellen, damit die Tiere ihre Verhaltensweisen ausleben können. Dafür muss der Löwe aber nicht eine lebende Antilope in die Anlage bekommen. Da reicht auch ein fachgerecht getötetes Tier als Ganzes. Da muss er sich anpirschen, den Beutegriff machen, das Tier zerlegen.

Jugend und Politik werden immer umweltbewusster, das dürfte sie als Zoodirektor freuen.

Pagel: Vor allem die Jüngeren fragen sich mit immer größerem Nachdruck, wie man die Natur intakt halten kann. Die „Fridays for Future“-Bewegung ist dafür ein gutes Beispiel. Zoos mit all ihrem Know-how bei Bildung, Forschung und Artenschutz spielen bei der Beantwortung dieser Fragen eine wichtigere Rolle. Die Politik muss die Weichen stellen, um das Artensterben und den Klimawandel zu beenden. Ein Erkenntnisproblem haben wir ja nicht, sondern ein Handlungsproblem. Wir wollen als Weltzooverband mithelfen, damit auch unsere Enkel noch eine vernünftige Zukunft haben.

Welches Tier würden Sie sich noch wünschen für den Kölner Zoo?

Pagel: Das Schnabeltier. Das fasziniert mich sehr, man kann es aber leider nur in australischen Zoos sehen, die Australier geben keine einheimischen Tiere ab. Es sieht aus wie ein Biber, hat aber einen Entenschnabel, legt Eier und hat auch noch eine Giftdrüse. Etwas Verrückteres gibt es nicht.

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