Aachen: Nur ein Sommer, wie er früher einmal war?

Aachen : Nur ein Sommer, wie er früher einmal war?

Allen, die gerade über die Temperaturen in Deutschland stöhnen, sei ein Blick über den Tellerrand empfohlen. Richtung Schweden und vor allem Griechenland, wo verheerende Waldbrände wüten. Oder auch Richtung Japan, wo in den vergangenen Tagen Temperaturen von verlässlich über 40 Grad Celsius gemessen wurden, auch in der Hauptstadt Tokio. Das relativiert vielleicht etwas die 35 Grad, auf die wir zusteuern.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) spricht aber auch für Deutschland von einer veritablen Hitzewelle, die uns zumindest bis zum Wochenende in Beschlag nehmen soll. Hundstage halt. Zahlen, Fakten, Empfehlungen und Einschätzungen zu einer wahrhaft schweißtreibenden Angelegenheit.

Ob es so kommt, ist noch nicht ausgemacht. Abgerechnet wird zum Schluss, also Ende August/Anfang September. Der DWD konstatiert aber, dass „wir dem Supersommer 2003 auf den Fersen sind“. Im Juni lag die Durchschnittstemperatur in NRW mit 17,5 Grad noch ein Grad unter der vom Juni 2003. Damals gab es auch mehr Sonnenstunden. Die Daten für den noch laufenden Juli lassen aber vermuten, dass die Werte von 2003 übertroffen werden. So lag die Durchschnittstemperatur, gemessen an der DWD-Station in Aachen-Orsbach, bei 20,1 Grad Celsius, gut 2,5 Grad höher als im Juli-Mittel der Jahre 1981 bis 2010. Und dann kommt ja noch der August.

Wetter extrem

Ganz grundsätzlich konstatiert der DWD, dass das Wetter nicht schlimmer geworden ist, dass aber besonders extreme Ereignisse wie Starkregen und Gewitter „häufiger und teilweise intensiver werden“. Der Grund ist bekannt: die Erwärmung der Lufthülle. Und je wärmer die Luft ist, desto mehr Wasser kann in ihr gespeichert werden. Wenn es dann mal regnet, ist das Potenzial für Starkregen groß. Überschwemmungen sind dann oft die Folge.

Die Trockenheit

Die Temperaturen mögen ja noch im Soll liegen. Auffallend ist jedoch der geringe Niederschlag. War der Januar noch ein eher feuchter Monat, lag die Niederschlagsmenge in den folgenden Monaten dieses Jahres in NRW klar unter dem langjährigen Mittelwert. Im Juli fiel landesweit bislang mit in der Fläche gut 18 Millimetern (oder auch 18 Liter pro Quadratmeter) nur rund 20 Prozent der „normalen“ Menge. An der Wetterstation in Orsbach wurden im Juli bislang gerade einmal 0,3 Millimeter Niederschlag gemessen. „Normal“ sind rund 80 Millimeter.

Auch der Juni war im Vergleich eher zu trocken. Da wurden in Orsbach 33,7 Millimeter gemessen. Das langjährige Mittel verzeichnet 89 Millimeter. Das alles hat weitreichende Konsequenzen. Von einer Wasserknappheit sind wir allerdings noch weit entfernt. Die Talsperren in der Region sind gut, teilweise sogar überdurchschnittlich gut gefüllt. Und am Rursee profitieren Wassersportler und Badegäste vom regenreichen Jahresanfang. „Alles im grünen Bereich“, lautet das Fazit bei den Wasserverbänden.

Im roten Bereich hingegen liegen weite Bereiche von NRW, wenn es um die Gefahr von Waldbränden oder von Feuer auf Feldern und Wiesen geht. Immer wieder müssen die Löschzüge derzeit ausrücken. Ein Vorteil ist allerdings, dass NRW in weiten Teilen über Mischwälder mit hohem Laubwaldanteil verfügt. Eichen oder Buchen fangen nicht so schnell Feuer wie Kiefern und Fichten. Übrigens gibt es in ganz Deutschland kein einziges Löschflugzeug. Man setzt eher auf Hubschrauber.

Experten wie der Waldbrandexperte und Branddirektor Ulrich Cimolino monieren, dass die steigende Waldbrandgefahr in den vergangenen Jahren unterschätzt worden sei. „Wir haben viel zu wenig Spezialisten“, sagt er. Im Hohen Venn übrigens, wo es zuletzt 2011 nach einer langen und trockenen Phase zu einem verheerenden Brand im Naturschutzgebiet gekommen war, ist die Lage derzeit noch entspannt.

Die Landwirtschaft

Ausfälle bei der Getreideernte in einem teilweise „existenzbedrohenden Ausmaß“ beklagt bereits der Deutsche Bauernverband, vor allem im Norden und Osten des Landes. Die Ernte hat vielerorts früher begonnen als üblich. Dabei zeigt sich, dass auch an ertragreichen Standorten die Pflanzen leiden. Und da auf den Wiesen teilweise die zweite und dritte Ernte von Gras ausgefallen ist und der heranwachsende Mais ebenfalls unter Wassermangel leidet, wird auch das Tierfutter knapp. Das bringt vor allem die Milchbauern in Schwierigkeiten, da sie Futter zukaufen müssen und die Preise dafür steigen. Hinzu kommt, dass das Grünfutter nicht so gehaltvoll ist wie notwendig und dass die Milchkühe bei hohen Temperaturen eh kaum Lust haben zu fressen. Das alles mindert den Ertrag.

Große Probleme könnte es auch bei den Zuckerrüben geben, die gerade erst in der Ertragsbildung sind. Ob die geringeren Erträge und die höheren Futterkosten zu höheren Kosten für Milchprodukte führen werden, ist allerdings noch nicht absehbar. Das gilt auch für die Brotpreise.

Von einer „Superernte“ gehen hingegen die rheinischen Apfelbauern aus. Und die Gemüseerzeuger profitieren im Rheinland von der Regelung, dass sie bestimmte Mengen Grundwasser entnehmen dürfen, um die Pflanzen zu bewässern. Das tun sie auch; die Beregnungsmaschinen laufen derzeit Tag und Nacht.

Die Menschen

Ausreichend trinken, vor allem Wasser und lauwarme Getränke, auf schwere Mahlzeiten verzichten und die Arbeitsphasen, wenn irgend möglich, in die kühleren Stunden des Tages legen: Die Ratschläge von Medizinern, wie man mit Hitze umgehen sollte, sind nicht neu. Das bedeutet aber nicht, dass sie von allen beherzigt werden. Und so häufen sich in den Praxen und Notaufnahmen derzeit die Fälle, die im direkten Zusammenhang mit der Hitze stehen. Meist handelt es sich dabei um Kreislaufprobleme, Kopfschmerzen, teilweise sogar Dehydrierung.

Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) hat ausgerechnet, dass allein in NRW rund 5,3 Millionen Menschen an warmen Sommertagen stark belastet sind. Also: Vorsorge ist besser als Nachsorge. Denn auch ein Krankenhausaufhalt bei Temperaturen von jenseits der 30 Grad kann schnell zur Quälerei werden. In den allermeisten Kliniken gibt es nämlich keine Klimaanlagen. Die sind wegen der hohen hygienischen Anforderungen sehr teuer.

Also: Nachts und frühmorgens lüften, und zwar nicht zu kurz. Denn Wände, Möbel und andere Gegenstände speichern Wärme. Können sie am Morgen nicht auskühlen, geben sie die im Verlauf des Tages an den Raum ab. Tagsüber sollten die Fenster dann geschlossen bleiben. Denn knallt die Sonne durch ein zwei Quadratmeter großes Fenster, hat dies einen ähnlichen Effekt wie der Dauerbetrieb eines Tausend-Watt-Heizlüfters in ohnehin schon warmer Umgebung. Wer die Wahl hat, sollte außenliegende Schattenspender wie Rollläden und Markisen wählen. Denn Innenrollos oder Vorhänge können die Sonnenstrahlen erst abhalten, wenn sie bereits in den Raum eingedrungen sind.

Und noch ein Wermutstropfen: Wer am Abend auf der Gartenparty oder auf dem Balkon ein Gläschen Wein oder Bier genießen will, sollte vorsichtig sein. Denn bei Hitze wirkt Alkohol schneller und intensiver, warnt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Außerdem gehen dem Körper beim Schwitzen durch Alkohol noch mehr Mineralstoffe verloren. So kann es leichter zu Hitzschlägen kommen.

Die Tiere

Ein Gang durch den Zoo zeigt, wie man mit Hitze umgehen sollte. Die Tiere liegen im Schatten rum und machen nicht viel. Damit verhalten sie sich vernünftiger als viele Menschen. Auch die Wildtiere reduzieren ihren Bewegungsdrang. Nur die Rehe nehmen sich kein hitzefrei: Ausgerechnet im Juli und August haben sie Paarungszeit, was speziell für den Bock einige strapaziöse Wochen bedeutet. Von der Wärme und Trockenheit profitiert haben die Wespen. Da die Schafskälte im Juni eher mit Abwesenheit glänzte, haben sich die Nester prächtig entwickelt. Viele Tiere sind erfolgreich durchgekommen und freuen sich auf Obstkuchen und Grillwurst.

Schlechte Karten hatte dagegen bislang die gemeine Stechmücke. Die lange Trockenzeit hat ihre Zahl in vielen Regionen arg dezimiert. Das könnte sich jedoch bald ändern, denn Regen bei Wärme ist ideal für die kleinen Quälgeister. „Wir werden bald in vielen Regionen umfangreiche Mückenpopulationen haben“, prophezeit Doreen Walther vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung.

Die Pflanzen

Wer einen Garten besitzt, der hat jeden Tag vor Augen, was die Trockenheit mit Pflanzen anrichtet. Das hilft nur eins: wässern, wässern, wässern. In Aachen und anderswo bewässern bereits die Löschzüge der Freiwilligen Feuerwehr im Rahmen ihrer Übungen das städtische Grün. Es geht vor allem um die jungen Bäume, die noch nicht so viele und tiefe Wurzeln gebildet haben. Mit Sicherheit beherzigen sie dabei die Binsenweisheit aller Gärtner, dann zu gießen, wenn es an heißen Tagen am kältesten ist — also am besten am frühen Morgen sowie bei Bedarf zusätzlich abends. Allerdings gilt: Pflanzen im Zweifel lieber direkt gießen, wenn sie die Köpfe hängen lassen. Denn wenn sie Durst haben, haben sie Durst.

Ist das alles erst der Anfang?

„Damit muss man rechnen“, sagt Fred Hattermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Nicht nur er führt die Entwicklung auf den Klimawandel zurück. Seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert seien die Durchschnittstemperaturen in Deutschland um circa 1,4 Grad angestiegen. An eine Entspannung glauben Experten nicht. „Wir erleben beim Wetter eine Entwicklung, die wir nicht mehr zurückdrehen können“, sagt DWD-Sprecher Gerhard Lux.

Laut Hattermann zeigen Modellrechnungen, dass im Jahre 2050 der jetzige Sommer quasi ein Durchschnittssommer sein könnte. Die Klimaanalyse des Lanuv macht es konkreter: Sie rechnet in NRW bis 2050 mit einem Anstieg der Durchschnittstemperatur um 0,7 bis 1,7 Grad, bis 2100 zwischen 1,5 und 4,3 Grad. Die Folge: mehr besonders heiße Tage und Hitzeperioden, die stärker ausfallen und länger anhalten.

(hjd/dpa/afp)
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