1. Region

Aachen: Nun droht den Kindermördern ihr Martyrium

Aachen : Nun droht den Kindermördern ihr Martyrium

Mit beiden Händen greift Markus Wirtz nach der Urteilsverkündung zum Arm seines Verteidigers Frank Seebode.

Er krallt die Finger in den Ärmel der schwarzen Robe, Tränen schießen in seine Augen. Ein Häufchen Elend in Anzug und Krawatte.

So steht der 28-Jährige sekundenlang hinter den Panzerglasscheiben im Saal 339. Plötzlich löst Wirtz den Griff, dreht sich um und trottet mit hängendem Kopf aus der Tür hinter den zwei Anklagebänken.

Markus Lewendel - zugeknöpft im blau karierten Hemd - marschiert emotionslos hinterher: in ein Gefängnisleben, das Richter Gerd Nohl (55) zuvor kaum drastischer hätte beschreiben können: „Ich gehe davon aus, dass das, was Sie in den folgenden Jahren erwartet, schlimmer sein wird als der Tod”, sagte der Vorsitzende der Aachener Schwurgerichtskammer am Montagmorgen in seiner 45-minütigen Urteilsbegründung.

„Sie werden im Knast als Kindermörder und Kinderschänder auf der untersten Stufe stehen. Und Sie werden sich für lange Zeit im Gefängnis nicht gefahrlos bewegen können.”

„Teuflische Absichten”

Dutzende Journalisten schreiben dramatische Sätze des erfahrenen Richters mit. Der 55-Jährige spricht leise und unaufgeregt. Dass die Kammer höchstmögliche Strafen verhängt, überrascht nicht - wohl aber die teils ungewöhnliche Urteilsbegründung.

„Teuflische Absichten” unterstellt Nohl bei dem gemeinsam geplanten Verbrechen: „Beide waren gleichwertige Partner. Der Angeklagte Lewendel vielleicht etwas bestimmender, der Angeklagte Wirtz womöglich etwas zögerlicher.”

In Erinnerung ruft er ein „recht irres Bild”: „Ein Wagen mit Babyschuhen an der Windschutzscheibe. Und hinten im Auto hocken Tom und Sonja auf ihrer letzten Fahrt.”

Nohl skizziert den Entführungstag. Sonntag, 30. März, „der Tag, als die Winterzeit auf die Sommerzeit umgestellt wurde. Aber als die Sonne unterging, brach eine schreckliche Zeit an”. Ganz bewusst bricht er die Beschreibung des Tathergangs ab: „Ich verzichte auf die Wiedergabe.” Dazu sei alles gesagt.

Lewendel und Wirtz werden dennoch nicht geschont. „Beide Angeklagten haben ganz Furchtbares getan, für das es keine Vergebung gibt”, erklärt Nohl. Und keine Erklärung. „Warum musste es geschehen, dass Sie beide sich vor Jahren in einem Spielzeuggeschäft kennenlernten? Sie beide, die einzeln ängstlich, feige und womöglich harmlos sind - aber zusammen eine unbarmherzige Verbindung eingegangen sind!”

Szenenweise erinnert der Vorsitzende an den Prozessverlauf: an Polizisten, die sich als Zeugen vor Gericht durch ihre Aussagen quälten. Die stockend schilderten, wie verzweifelt die Eltern von Tom und Sonja die Todesnachricht aufnahmen. „Bei einigen hatte die Kammer den Eindruck, dass sie in nächster Sekunde die Fassung verlieren.”

Lewendel hatte stets ungerührt zugehört, Wirtz regelmäßig gejammert. Aufrichtige Reue sahen weder Richter, Staatsanwalt Albert Balke noch die Rechtsanwälte der Nebenklage.

Silke Kirchvogel, die Vertreterin der Eltern, die zu keinem der neun Prozesstage erschienen, hatte in ihrem Plädoyer zusätzlich Sicherungsverwahrung gefordert. Nohl erläutert, der Verzicht auf die Sicherungsverwahrung im Urteil sei „im Ergebnis ohne Bedeutung”.

Die Gefährlichkeit der Täter werde ohnehin automatisch bei einer etwaigen Haftentlassung auf Bewährung geprüft - in diesem Fall frühestens nach 18 Jahren, wahrscheinlich viel später.

Auch dem Antrag der Lewendel-Verteidigung, den sexuellen Missbrauch wegen des „Spezialitätsgrundsatzes” aus der Anklage zu streichen, kommt das Gericht nicht nach. „Aber auch das ist letztlich ohne jede Bedeutung”, unterstreicht Nohl das Strafmaß, das schon durch den Doppelmord notwendig sei. Gutachter hatten die volle Schuldfähigkeit der geständigen Angeklagten attestiert.

Nohl greift schließlich auch Stammtisch-Parolen und Drohbriefe auf, in denen viele Bürger die Todesstrafe für Lewendel und Wirtz forderten. „Die Todesstrafe ist seit 1949 abgeschafft”, stellt er nüchtern fest. Es gebe keine ernstzunehmende Initiative, sie wieder einzuführen.

Damit würde man sich „auf dieselbe primitive Ebene begeben wie die Mörder”. Noch Minuten vor dem Betreten des Gerichtssaals um 9.30 Uhr habe er deshalb gezweifelt, ob er das Urteil „im Namen des Volkes” verkünden solle. Er tut es. „Weil ich hoffe, dass die Mehrheit unser Urteil versteht.”

Die Verteidiger verstehen es. Sie hatten schon in den Plädoyers kein milderes Strafmaß befürwortet. „Ich gehe davon aus, dass unser Mandant unserem Rat folgt und das Urteil akzeptiert”, sagt Wirtz-Verteidiger Gottfried Reims.

Lewendels Verteidiger Wolfram Strauch lobt den Richter: „Das war die brillanteste Urteilsbegründung, die ich in meiner langen Karriere als Strafverteidiger gehört habe.”

Dann stellt sich das Verteidiger-Quartett den Scheinwerfern und Kameras vor dem Saal - und versinkt in einem dichten Ring aus Mikrofonen und Objektiven. Oberstaatsanwalt Balke und Nebenklage-Vertreterin Kirchvogel ignorieren die TV-Teams. „Es lief erwartungsgemäß”, resümiert Balke knapp und geht.

Dann ziehen die acht Justizbeamten ab, die innen den Saal gesichert hatten. Wirtz und Lewendel werden über einen geheimen Treppenweg abgeführt - in den Zellentrakt.

Erst in einer Woche sollen sie in verschiedene nordrhein-westfälische Gefängnisse verlegt werden - nur anfangs isoliert. Zeit, um über die Worte von Richter Nohl nachzudenken...

Fotos vom Prozessauftakt