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Aachen: NS-Ärzte mit späterer Karriere in Aachen

Aachen : NS-Ärzte mit späterer Karriere in Aachen

Es wurde auch langsam Zeit, muss man sagen. Aachener Wissenschaftler arbeiten nun auf, wie sich Klinikärzte, die nach dem Krieg in Aachen mehr oder weniger prominent waren, in der NS-Zeit verhalten hatten. Wer war eingebunden in Aktionen zur Euthanasie, zur Rassenhygiene und Zwangssterilisierung?

Wer war an medizinischen Menschenversuchen beteiligt? Aber auch: Wer hat sich verweigert, wer hat jüdische Kollegen geschützt?

Angestoßen hat das Forschungsprojekt „Leitende Aachener Klinikärzte im Dritten Reich” Dominik Groß, der seit 2006 das Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin leitet. Nicht jeder Kollege war wohl begeistert, dafür (das knappe) Geld auszugeben. Doch stellte die Medizinische Fakultät der RWTH schließlich hinreichende 60000 Euro zur Verfügung, mit denen für anderthalb Jahre ein paar Stellen subventioniert werden können.

Andere Medizinische Fakultäten haben die Aufarbeitung - die flächendeckend in den 90er Jahren begann - schon länger hinter sich. In Aachen wurde wohl gerne bremsend darauf verwiesen, dass die Fakultät ja erst 1966 gegründet wurde. Das Universitätsklinikum ging damals aus den Städtischen Krankenanstalten hervor. So erstreckt sich die Untersuchung der Leitenden Ärzte auf eben diese sowie auf das Luisenhospital, das Marienhospital und das (1976 geschlossene) Krankenhaus Forst.

In der Tat ist derjenige Mediziner, über den man bisher am meisten weiß und dessen NS-Verstrickung eindeutig belegt ist, bereits 1960 pensioniert worden. Bis dahin leitete dieser Professor Martin Staemmler (1890 - 1974) zehn Jahre lang das Institut für Pathologie der Städtischen Krankenanstalten. Noch 1991, in der Festschrift zum 25-jährigen Bestehen der Fakultät heißt es: „Staemmler war eine überzeugende Persönlichkeit. Die Zeit, aber auch der Raum, machten ihn zu einem selbstbewußten, energischen und unabhängigen Chef.”

Zu diesem Zeitpunkt hätte man seit Jahren wissen können, dass Staemmler - unter anderem als Ordinarius in Kiel und Rektor in Breslau, einer Hochburg der nationalsozialistischen Vererbungslehre - zu den führenden NS-Rassehygienikern zählte, dessen einschlägige Bücher („Rassenpflege im völkischen Staat”) hohe Auflagenzahlen hatten.

Staemmler machte sich spätestens 1933 für die „Sterilisierung Minderwertiger” stark: gegenüber „Trinkern, Landstreichern, Verbrechern, Huren, Epileptikern und Geisteskranken” dürfe man nicht „kleinlich” sein. Ein Artikel in dieser Zeitung trug im Jahr 2006 mit dazu bei, dass Staemmler, der noch bis 1972 Chef-Pathologe des Pharma-Unternehmens Grünenthal war, posthum aus der Aachener Medizinischen Gesellschaft - dessen Vorsitzender und Ehrenmitglied er war - ausgeschlossen wurde.

Eingehend untersucht wird das Wirken Staemmlers, der in der Dissertation von Ulrich Kalkmann „Die TH Aachen im Dritten Reich” von 2003 immerhin erwähnt wird, aber erst jetzt von den Aachener Medizinhistorikern. Die forschen aber nicht nur in eine Richtung.

Der angesehene Chirurg

So geht man beispielsweise auch der Verbindung des nach dem Krieg angesehenen Chirurgen Eduard Borchers zur Widerstandsgruppe Weiße Rose nach. Borchers hatte laut der bislang einzigen Publikation über die Aachener Ärzteschaft im Dritten Reich, der Studie des Lehrers Harry Seipolt („Kann der Gnadentod gewährt werden...”) von 1995, eine ausschließlich dunkle Rolle als Zwangsterilisator gespielt.

Etwa 25 bis 30 Ärzte haben die jüngeren Forscher um den Mediziner Gereon Schäfer und den Historiker Richard Kühl im Visier. Deren Karrieren während des Dritten Reichs und anschließend in Aachen wollen sie möglichst vollständig erforschen. Dabei helfen Archive der Stadt, der Hochschule sowie das Landesarchiv in Düsseldorf. Angewiesen ist man aber auch für das bis Frühjahr 2010 laufend Projekt auf Zeitzeugen.

Zeitzeugen gesucht: Wer kannte die Ärzte?

Das Forschungsprojekt „Leitende Aachener Klinikärzte im Dritten reich” untersucht, „in welchem Umfang sich Aachener Ärzte in die NS-Gesundheitspolitik einbinden ließen”. Ebenso sucht man Hinweise auf Widerstand gegen Rassenhygiene, Zwangssterilisierungen oder Euthanasie.

Gesucht werden Zeitzeugen, die in Aachener Krankenhäusern nach dem Krieg tätige Ärzte wie Martin Staemmler, Eduard Borchers, Max Krabbel, Werner Beck, Alfred Jäger oder Karl Boventer erlebt haben.

Opfer von NS-Ärzten werden von dem Forscherteam des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH ebenfalls gebeten, sich zu melden - unabhängig davon, wo und von wem auch immer sie behandelt wurden.

Kontakt: Richard Kühl, Historiker am genannten Institut, 0241/8089567, rkuehl@ukaachen.de