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Betrugs-Webseiten greifen Daten ab: NRW stoppt die Auszahlung von Soforthilfen

Betrugs-Webseiten greifen Daten ab : NRW stoppt die Auszahlung von Soforthilfen

Die NRW-Soforthilfe wird zum Wirtschaftskrimi: Betrüger haben Internetseiten gefälscht, um an Daten von Interessierten zu kommen und selbst Geld zu beantragen. Das Land stoppt die Auszahlungen für Tausende. Die Soforthilfen sollen rasch wieder aufgenommen werden.

In Nordrhein-Westfalen ist eine Betrugsmasche mit gefälschten Antragsseiten für Coronavirus-Hilfen aufgeflogen. Das Land stoppte deshalb am Donnerstag vorübergehend die Auszahlung der Hilfsgelder für Selbstständige und kleine Unternehmen. Mehrere Tausend Antragsteller sind betroffen. Auch weitere Bewilligungen würden zunächst nicht mehr erteilt, sagte Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) in Düsseldorf.

Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt gehen dem Verdacht nach, dass unbekannte Täter die auf den „Fake-Websites“ eingegebenen Daten abgegriffen und mit falschen Kontoverbindungen an das NRW-Wirtschaftsministerium weitergeleitet haben. „So könnte es den Tätern gelungen sein, ausgezahlte Corona-Hilfen an sich umzuleiten“, heißt es in einer Mitteilung der Ermittler. Ersten Schätzungen zufolge könnten 3500 bis 4000 Antragsteller ihre Daten auf gefälschten Seiten eingegeben haben, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU).

Es handele sich um hochprofessionelle Täter, die im Darknet nach Helfern suchten, die gegen eine Gewinnbeteiligung ihre Konten für den Betrug zur Verfügung stellten, erläuterte Reul. Von diesen Konten werde der Gewinnanteil des Betrügers dann in Kryptowährung umgewandelt und damit anonymisiert. Das erschwere die Identifizierung der eigentlichen Täter. NRW bemühe sich um Abschaltung der Seiten. „Aber das ist extrem schwer“, weil ausländische Kommunikationsdienste genutzt würden, sagte Reul.

„Die gefälschten Seiten sehen täuschend echt aus“, sagte der Innenminister. Antragssteller könnten das nur ganz schwer erkennen. Das NRW-Wirtschaftsministerium hat inzwischen seine Antragsseite abgeschaltet, um sie zu überarbeiten und besser gegen Missbrauch zu schützen. Die Links zu den falschen Formularen wurden nach bisherigen Hinweisen an die Spitze der Suchergebnisse gebracht, indem die Betrüger dort Anzeigen schalteten. Die Adresse einer Seite, die am Donnerstagmorgen zunächst noch online war, ähnelte sehr stark der echten Seite https://soforthilfe-corona.nrw.de/. Der Anbieter hinter dem Betrugsangebot sitzt laut dem Internetdienst „whois“ aber in der Slowakei.

Wirtschaftsminister Pinkwart kündigte an, die nordrhein-westfälische Landesregierung wolle die Auszahlung der Corona-Soforthilfen so schnell wie möglich wieder aufnehmen. „Wir brauchen die Kleinunternehmer, um schnell wieder aus der Krise zu kommen.“ Die wegen Betrugsverdachts gestoppten Hilfszahlungen müssten aber in die richtigen Hände gelangen. „Deshalb überprüfen wir mit den Bezirksregierungen und der Finanzverwaltung die offenen Anträge und Bewilligungen und bitten die Unternehmerinnen und Unternehmer um etwas Geduld und Verständnis“, sagte er.

Zur möglichen Schadenshöhe könne man noch keine Angaben machen. Wer Opfer der Betrüger geworden sei, könne einen neuen Antrag stellen und bekomme auch Geld, versicherte der Wirtschaftsminister. Wann die Zahlungen wieder aufgenommen werden, hänge davon ab, wie schnell die offenen Anträge und Bewilligungen überprüft seien. „Wenn es gut geht, können wir das bis Ende nächster Woche schaffen.“ Die kriminellen Machenschaften seien eine „echte Sauerei“, sagte der Wirtschaftsminister. Zigtausend rechtschaffene Unternehmer müssten deshalb auf das dringend benötigte Geld warten.

Einer der Betroffenen ist Christian Ulrich aus Oer-Erkenschwick im Ruhrgebiet. Der Webdesigner hatte über eine Suchmaschine nach dem Antragsformular gesucht, weil auf der Seite des NRW-Wirtschaftsministeriums zunächst kein passender Link zu finden gewesen sei, wie er am Donnerstag berichtete. Auf diesem Weg geriet er auf eine gefälschte Website. „Allein schon der Name der Seite ist dem Original so ähnlich, dass eine Verwechslung beim Überfliegen schnell passiert“, sagte er.

Ulrich erhielt sogar einen vermeintlichen Bescheid der Bezirksregierung Münster, dass ihm eine Soforthilfe von 9000 Euro bewilligt worden sei. Geld kam auf seinem Konto aber nicht an. Als er aus dem Freundeskreis erfahren habe, dass die Hilfen nach wenigen Tagen überwiesen wurden, sei er misstrauisch geworden und habe nachgeforscht, berichtete der Kleinunternehmer. Schließlich erstattete er Anzeige.

Der Schaden gehe aber über den gefälschten Antrag hinaus, schrieb Ulrich in seinem Blog. Die Täter hätten Personalausweisnummer, Steuernummer, Bankverbindung, Telefon, E-Mail abgegriffen. „Für einen Datensatz dieser Größenordnung müssen Betrüger normalerweise einigen Aufwand in ihre Aktionen stecken; nun bekommen sie ihn frei Haus geliefert.“

SPD-Fraktionschef Thomas Kutschaty forderte, die Landesregierung müsse „alles daran setzen, diesen Sozialverbrechern so schnell wie möglich das Handwerk zu legen und das Geld zurückzubekommen“. Vor allem aber müsse sie sich darum kümmern, „dass denjenigen umgehend geholfen wird, die auf perfide Art und Weise um ihre Daten und um ihr Geld gebracht worden sind“. Die Grünen verlangten, dass verunsicherte Antragsteller auch über das Osterwochenende verlässlich beraten werden. Die Betroffenen müssten „schnellstmöglich wissen, wie und wann sie Hilfe erhalten“.

(dpa)