Düsseldorf: NRW-SPD-Chef Groschek räumt Glaubwürdigkeitsproblem um Schulz ein

Düsseldorf: NRW-SPD-Chef Groschek räumt Glaubwürdigkeitsproblem um Schulz ein

Nordrhein-Westfalens SPD-Chef Michael Groschek hat ein Problem. Eigentlich gibt sich der ehemalige Marine-Soldat gerne als ehrliche Haut, der „klare Kante” fährt. Nun muss er ausgerechnet der kritischen SPD-Basis in NRW erklären, warum Bundesparteichef Martin Schulz zuerst ausgeschlossen hatte, in ein Kabinett von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) einzutreten und jetzt den Posten des Außenministers beansprucht.

„Ich kann die Gefühlswallung und manche Faust auf dem Tisch verstehen”, räumt Groschek am Donnerstag in Düsseldorf ein. Er finde Schulz Begründung für die Kehrtwende aber überzeugend. Schulz sei „im laufenden Prozess zu der Überzeugung gelangt”, er könne die Europapolitik mit all seiner Erfahrung neu aufstellen und die Freudschaft zu Frankreich festigen. Diese Entscheidung habe der Mann aus Würselen, der eigentlich beweisen wollte, dass „einer mit Bart, Glatze und ohne Abitur” Kanzler werden kann, am Mittwoch im engeren Kreis in Berlin „verkündet”.

Am Morgen danach wird Groschek eineinhalb Stunden lang in der Düsseldorfer Parteizentrale der NRW-SPD von Journalisten „gegrillt”. Die meisten Fragen drehen sich um Schulz. Eine gute Übung in Diplomatie für den 61-jährigen, der zwischen dem 16. und 22. Februar in Bielefeld, Bochum, Köln, Oberhausen und Münster in den Ring steigen muss, um der Basis Rede und Antwort zu stehen. In Kamen stehe zudem eine zentrale bundesweite Veranstaltung vor dem Mitgliederentscheid an, kündigte er an.

NRW zu überzeugen, wird eine ganz entscheidende Rolle für die SPD spielen. Denn knapp 115 000 der rund 464 000 SPD-Mitglieder, die vom 20. Februar bis zum 2. März über den Koalitionsvertrag abstimmen können, gehören dem mitgliederstärksten SPD-Landesverband an.

NRW war über Jahrzehnte eine sichere Hochburg der SPD. Johannes Rau holte hier dreimal hintereinander die absolute Mehrheit. In rund 20 Jahren als Ministerpräsident und Landesparteichef prägte er das Motto: „Sagen, was man tut und tun, was man sagt.”

Genau das fordern die NRW-Jusos ein. „Wenn es in dieser Partei nur noch um die Vergabe von Posten und Ämtern geht, zeigen uns die Leute nen Vooooogel!”, twitterten sie.

„Die SPD muss sich nicht klein machen”, hält Groschek dagegen. „In den zurückliegenden Jahrzehnten hat es keinen vergleichbaren Koalitionsvertrag gegeben”. Obwohl sie bei der Bundestagswahl nur 20,5 Prozent der Stimmen geholt habe, sei die SPD mit der CDU inhaltlich und bei den Ministerposten auf Augenhöhe gekommen. „So viel Gleichstellung war in einer Koalition so unterschiedlicher Partner noch nie.”

In den Gesprächsrunden mit der Basis will Groschek aufzeigen, wie viel SPD und wie viele konkrete Verbesserungen für die Bürger in der Koalitionsvereinbarung stecken. „Wir können uns nicht nur an Spiegelstrichen entlang hangeln und nach Wellness suchen, sondern müssen uns auch in Sturm und Regen stellen und einen Schirm aufspannen für möglichst viele”, mahnt er die GroKo-Gegner, die aus seiner Sicht „in der Talkshow-Demokratie” sehr breiten Raum erhalten.

Die Debatte um Schulz dürfe jetzt nicht alles überlagern. „Wir müssen aus diesem verfluchten 20-Prozent-Ghetto endlich raus kommen”, wetterte er. Konsequente Erneuerung sei dafür wichtig. „Es ist aber ein Missverständnis, dass Erneuerung immer nur die nächst höhere Ebene betrifft”, betonte er. „Wir müssen den Ohrensessel im Ortsverein genauso ausklopfen wie die Chefsessel in Berlin. Das wollen nicht immer alle hören.”

Wenn die SPD das schaffe, habe sie gute Chancen, bei der nächsten Bundestagswahl wieder die 30-Prozent-Marke zu nehmen, meinte Groschek. „Alles Andere muss sich dem unterordnen.”

Warum Martin Schulz das nicht tut und seiner Partei die Glaubwürdigkeitsdebatte mit einem Verzicht auf ein Ministeramt erspart, kann Groschek nicht schlüssig erklären. Krokodilstränen um den jetzt so beliebten Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) will er aber nicht zulassen. „Die Popularitätswerte von Sigmar Gabriel gleichen einer Gebirgskette”, erklärt der Oberhausener in einem seiner typischen Sprachbilder. „Die, die jetzt mit ihm jodeln, haben im Tal oft gesagt, der kommt auf keinen Berg mehr.”

(dpa)
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