Düsseldorf: NRW-Schulministerin über Erinnerungskultur und Erinnerungsorte

Düsseldorf: NRW-Schulministerin über Erinnerungskultur und Erinnerungsorte

2014 ist ein besonderes Jahr: Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg, vor 25 Jahren war der Fall der Mauer in Berlin. Diese Gedenktage nimmt die derzeitige Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Sylvia Löhrmann (Grüne), zum Anlass, sich deutschlandweit besonders für Erinnerungskultur bei jungen Menschen einzusetzen.

Die NRW-Schulministerin begleitet schon lange regelmäßig Schulklassen nach Auschwitz, aber auch ins belgische Ypern, wo im Ersten Weltkrieg mehrere Tausend Soldaten starben. UnsereRedakteurin Madeleine Gullert sprach mit Löhrmann über Erinnerungskultur und Erinnerungsorte.

Sie setzen sich als Schulministerin, aber nun auch als Kultusminister-Präsidentin für Erinnerungskultur ein. Was ist das genau?

Löhrmann: Das ist die Art und Weise, wie wir uns an die Vergangenheit erinnern und daraus Schlussfolgerungen für die Gegenwart und die Zukunft ziehen. „Erinnern für die Zukunft“, ein Zitat der Politikerin Hildegard Hamm-Brücher, die in Fragen der Demokratiepädagogik sehr engagiert ist, trifft das gut. Sie hat es uns als Motto für unsere Arbeit geschenkt. Ich möchte hervorheben, dass es bei Erinnerungskultur nicht nur um Schreckensereignisse geht, sondern genauso um positive Momente für Deutschland. Wir feiern in diesem Jahr auch 25 Jahre Fall der Mauer. In Nordrhein-Westfalen haben wir viele Projekte, die über den klassischen Unterricht hinausgehen. In der Kultusministerkonferenz wollen wir in diesem Jahr Empfehlungen erarbeiten, wie man diese Arbeit noch verstärken und systematisieren kann. Meine Kollegen unterstützen mich bei diesem wichtigen Anliegen.

Im Fokus des Erinnerns steht oft der Zweite Weltkrieg. Wird der Erste auch schulisch vernachlässigt?

Löhrmann: Wir haben in diesem Jahr die Chance, auf das ganze letzte Jahrhundert zu blicken mit den drei Kerngedenktagen Erster und Zweiter Weltkrieg und dem Fall der Mauer. Dadurch geraten beide Weltkriege mehr in den Fokus. Natürlich wird der Erste Weltkrieg in den Schulen behandelt, aber durch den Gesamtzusammenhang mit der Shoa, dem Holocaust, ist der Zweite Weltkrieg für Deutschland zentraler im Blick. Für unsere Nachbarn hingegen ist der Erste Weltkrieg „the great war“. Es gibt kein Dorf in Großbritannien, in dem nicht die Liste der 1914 bis 1918 Gefallenen steht — und diese Liste ist für viele europäische Nachbarn im Ersten Weltkrieg erheblich länger als im Zweiten. Er ist Teil des kollektiven Gedächtnisses von Europa — und ganz aktuell. Wenn wir uns fragen, wie wir in Europa miteinander leben wollen, sind wir inmitten der gegenwärtigen politischen Herausforderungen.

Jungen Menschen die Auswirkungen der Vergangenheit auf die Gegenwart nahebringen, ist das der Hauptgrund, warum Ihnen Erinnerungskultur so wichtig ist?

Löhrmann: Mir ist das wichtig, weil wir als Deutsche aufgrund unserer Verantwortung für die Gräuel im vergangenen Jahrhundert eine besondere Verantwortung für eine demokratische friedliche Gesellschaft haben. Eine solche Vernichtungsmaschinerie hat es in keinem anderen Staat gegeben. Das Thema hat mich schon als Schülerin angesprochen. Ich habe auch als Lehrerin versucht, meinen Schülern einen Zugang dazu zu eröffnen. Als Ministerin und KMK-Präsidentin kann ich das natürlich noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise. Wichtig ist vor allem, dass wir nicht mit erhobenem Zeigefinger daherkommen, denn die Jugend von heute trifft keine persönliche Schuld. Umso wichtiger ist es, dass sich jede Schülergeneration ihren Zugang zur deutschen Geschichte neu erarbeitet.

Wie funktioniert das konkret?

Löhrmann: Wir haben natürlich klassische Lernziele, die in den Vorgaben für den Politik- und Geschichtsunterricht verankert sind. Auch in Fächern wie Deutsch oder Religion gibt es Möglichkeiten, beispielsweise über Schuld oder Verantwortung zu sprechen. Erinnerungskultur beinhaltet aber auch die Frage des Zugangs, der Vermittlung. Hier kommt die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern ins Spiel. Erinnerungskultur versucht, den Jugendlichen Historisches so nahezubringen, dass sie einen eigenen persönlichen Bezug zur Geschichte entwickeln können.

Mittel sind Erinnerungsorte.

Löhrmann: Ja, es gibt beispielsweise viele Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen wie Soldatenfriedhöfe, Gedenktafeln, Stolpersteine oder Synagogen. Und viele Schulen haben sehr gute Konzepte, den Schülern diesen — über das Geschichtsbuch hinausgehenden — Zugang zu eröffnen. Daraus erwächst die Frage: Was ist denn mit uns heute? Das Erinnern, Aufarbeiten, Auseinandersetzen führt automatisch dazu, dass junge Menschen über die heutige demokratische Gesellschaft nachdenken. Das ist ein sehr unmittelbares und sehr nachhaltiges Lernen an der deutschen Geschichte und fordert sie als Staatsbürger heraus.

Glauben Sie, dass es auch für den Ersten Weltkrieg genug solcher Erinnerungsorte gibt?

Löhrmann: Es gibt in vielen Städten Kriegsdenkmäler, mit denen der Opfer des Ersten und des Zweiten Weltkriegs gedacht wird. Belgien mit den großen Schlachtfeldern ist ganz nah, und da bekommt man einen Eindruck vom Ausmaß des Ersten Weltkrieges. In Flandern, einem im Grunde kleinen Flecken Erde, gibt es allein 130 britische Soldatenfriedhöfe. Da wird erschreckend deutlich, welch ein Schlachtfeld das war. Ich habe mit Schülern in Ypern Soldatenfriedhöfe aus dem Ersten Weltkrieg besucht. Die Gefallenen waren damals junge Männer, die gerade erst 17 oder 18 Jahre alt waren. Wenn den Jugendlichen das bewusst wird, fragen sie sich: Mensch, was hat das mit denen gemacht, in den Krieg ziehen zu müssen?

Sie fahren regelmäßig mit Schülern nach Auschwitz. Wie erleben Sie das?

Löhrmann: Die Schülerinnen und Schüler sind bewegt. Man merkt, wie sie neu an Geschichte herangehen, das geht weit über den üblichen Geschichtsunterricht hinaus. Das sagen die Schüler auch. Bei mir selbst ist es ein Unterschied, ob ich allein an Gedenkorten bin, oder ob ich Jugendliche begleite. Da ist es mir dann wichtiger mitzuerleben, wie die jungen Menschen reagieren. In gewisser Weise kommt dann die Lehrerin in mir durch (lacht). Ich finde es wichtig und spannend, mit den jungen Menschen über ihre Eindrücke zu sprechen. Ich habe in Wuppertal beispielsweise die Ausstellung „Menschenschlachthaus“, die den Ersten Weltkrieg thematisiert, mit deutschen und französischen Schülern der Partnerschule besucht. Es war ein ganz besonderes Erlebnis zu beobachten, wie die Jugendlichen die Bilder untereinander besprochen haben. Die emotionalere Dimension eröffnet ihnen einen intensiveren Zugang zur Geschichte.

Sind Gespräche mit Zeitzeugen in dieser Hinsicht am beeindruckendsten?

Löhrmann: Ich glaube schon, weil es noch einmal unmittelbarer ist, mit jemandem sprechen zu können, der etwa von den Zuständen in Auschwitz berichtet. Die Zeit der Zeitzeugen geht aber leider unweigerlich zu Ende. Trotzdem gibt es andere Möglichkeiten der Vermittlung; Kunst, Kultur und das Theater sind gute Brückenbauer. Auch das Museum in Ypern, „In Flanders Fields“, ist didaktisch beeindruckend gestaltet. Da tragen zum Beispiel junge Schauspieler Feldpostbriefe vor. In einer Szene wird beschrieben, dass die Soldaten am Weihnachtstag die Waffen haben ruhen lassen. Die Jugendlichen verbinden das mit ihrem eigenen Weihnachten und vergleichen. Und immer, wenn die jungen Menschen das Gesehene auf ihr Alltagsleben übertragen, wird ihnen das Ausmaß an Schrecken und Brutalität deutlich — etwas, das man unter keinen Umständen erleben will. Kinder und Jugendliche wollen keinen Krieg. Das stärkt sie in ihrer Verantwortung für heute und für die Zukunft.

Sie haben jüngst davon berichtet, dass auf einer Auschwitz-Reise ein türkischstämmiger deutscher Schüler eindrucksvoll erklärt habe, dass auch er diese Verantwortung annimmt.

Löhrmann: Dieses Gespräch mit dem jungen türkeistämmigen Deutschen werde ich wohl nie vergessen. Das war bewegend, als er sagte: Ich bin hier, ich lebe hier, das ist mein Land und auch meine Verantwortung. Das zeigt, dass unsere multikulturelle Gesellschaft auch ein kultursensibles Erinnern gestalten muss. Im kommenden Jahr fahre ich mit einer Schulklasse an den Bosporus. An den Dardanellen hat es eben auch Kriegshandlungen mit deutscher Beteiligung gegeben, sichtbar unter anderem auch an Kriegsgräbern. Wir werden einen Kriegsfriedhof besuchen. Wir wollen Jugendlichen viele dieser prägenden und intensiven Möglichkeiten geben, sich gemeinsam zu erinnern und an einer Zukunft zu arbeiten — die möglichst frei ist von Kriegen, Hass und Gewalt.