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Ein Corona-Stadtspaziergang: NRW ist so locker wie lange nicht mehr

Ein Corona-Stadtspaziergang : NRW ist so locker wie lange nicht mehr

Erst die Corona-Welle, dann die Lockerungswelle: In NRW ist mittlerweile wieder vieles möglich, das vor einigen Wochen noch undenkbar schien – von kleinen Festen bis Mannschaftssport. Wie erleben das die Menschen? Ein Stadtspaziergang.

Günter Missenich steht in der Kölner Altstadt und drückt auf einem Akkordeon herum. Das Lied, das er anstimmt, ist – nun ja – recht rustikal. „Täterä, der Puff ist pleite“, trällert Missenich, „und die Steuerfahndung lauert im Gebüsch!“. Der Mann mit der Quetschkommode nennt sich selbst „Kaschemmensänger“, also Kneipensänger, und hat nach eigenen Angaben „zu jedem Thema“ ein passendes Liedchen im Repertoire.

An diesem Montag scheint sein Vortrag besonders passend. Denn Bordelle gehören zu den wenigen Wirtschaftszweigen in Nordrhein-Westfalen, die aufgrund der Coronavirus-Pandemie noch komplett stillgelegt sind. Ansonsten wurde wieder viel gelockert. Ganz frisch: Seit Montag dürfen wieder Bars öffnen, ebenso Saunabetriebe. Und sogar das Feiern von Hochzeiten, besonderen Geburtstage und Familienfesten mit bis zu 50 Gästen ist wieder möglich. Natürlich alles unter Auflagen.

Das verändert auch das Bild der Innenstädte, die vor einigen Wochen noch so ausgestorben waren, dass man sie den Wildtieren hätte überlassen können. Und jetzt? In Cafés streuen Gäste wieder genüsslich Salz auf ihr Frühstücksei, im stockenden Berufsverkehr blöken sich Rad- und Autofahrer an. Die allermeisten Geschäfte haben wieder geöffnet, aus Schildern am Eingang spricht Erleichterung: „Nach mehreren Wochen auf der Couch, zu viel Netflix und schweißtreibenden Spaziergängen zum Altglas-Container sind wir wieder für euch da“, berichtet ein Laden im angesagten Belgischen Viertel in Köln: „Und darüber freuen wir uns riesig.“

Selbst Touristen gibt es wieder. Das ist auch der Grund, warum Kneipensänger Missenich das Puff-Lied singt. Er macht Video-Aufnahmen für eine Kölner Event-Firma, die unter anderem „Lachexpeditionen“ anbietet - eine Art Stadttour mit Comedy-Programm. Gelacht wurde zuletzt aber sehr wenig, das Geschäft lag brach. Nun sollen in wenigen Tagen die ersten Busse wieder losfahren. „Wir hoffen, dass die Leute wieder Interesse zeigen“, sagt Projektleiter Jan Happle.

Die schrittweise Rückkehr zur Vor-Corona-Zeit freut die Einen, lässt Andere aber grübeln. Denn mitunter könnte man den Eindruck bekommen, das Virus sei bereits besiegt. Vor allem an sonnigen und freien Tagen. „Wir wollten am Samstag in unser Stammcafé im Belgischen Viertel, aber keine Chance, da war alles besetzt“, berichtet Anne. „Die Leute hatten auch gar keine Masken mehr auf, auch wenn sie zur Toilette gingen“, sagt sie. „Das löst sich alles auf...“

Ähnliches berichten die Rentnerinnen Gerda und Helene, die gerade von der Wassergymnastik kommen. In dem Schwimmbad fühle sie sich sicher, sagt Helene: „Die halten sich sehr streng an die Bestimmungen.“ Aber Gerda war am Freitag in der Innenstadt unterwegs: „Das habe ich bedauert“, so die 79-Jährige: „Es war so voll! Ich habe gedacht: Hoffentlich habe ich mir jetzt nichts geholt.“

Die Düsseldorfer Staatskanzlei hatte erklärt, die Lockerungen seien wegen der positiven Entwicklung bei den Infektionszahlen möglich. Seit den ersten Öffnungen am 20. April sei die Zahl der Neuinfektionen in NRW um mehr als 75 Prozent zurückgegangen. Ganz verschwunden ist die Angst vor dem Virus allerdings noch nicht. Das weiß Ralf, 54 Jahre alt und wohnungslos, zu berichten. Er versucht Tag für Tag auf der Straße 13 Euro einzusammeln, um ein Zimmer zu zahlen, in dem er schlafen kann. „Was glauben Sie, wie schwierig das ist in der heutigen Zeit?“, sagt er. Zu viele Menschen wollten nur noch bargeldlos bezahlen. „Jeder hat Angst vor jedem.“

(dpa)