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„Inzwischen genug Erfahrungen“: NRW-Gesundheitsminister Laumann im Interview zur Corona-Lage

„Inzwischen genug Erfahrungen“ : NRW-Gesundheitsminister Laumann im Interview zur Corona-Lage

Im ersten Lockdown ist es NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann schwergefallen, Alten- und Pflegeheime zu schließen. Heute ist die Situation anders als an Ostern, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Herr Minister, kann man angesichts der aktuellen Covid-Zahlen noch von einer Seitwärtsbewegung sprechen?

Karl-Josef Laumann: Nein. Der leichte Lockdown hat zwar gewirkt – aber leider nicht nachhaltig. Aus der Seitwärtsbewegung sind wir seit rund zwei Wochen wieder raus. Der harte Lockdown war deshalb unumgänglich. Wir müssen die Kontakte massiv reduzieren, und niemand sollte jetzt nach Schlupflöchern in den Verordnungen suchen.

Die Geschäfte haben erst am Mittwoch geschlossen. Der Schulbetrieb war schon Montag eingeschränkt. Warum dieses vermeidbare Risiko im Handel?

Laumann: Wir wollten keinen Shoppingverkehr zwischen den Bundesländern. Deshalb war bundesweite Einheitlichkeit sinnvoll.

Derzeit liegen 17 Kreise und kreisfreie Städte über der Schwelle von 200, mehrere sind nur knapp darunter. Eine einheitliche Vorgabe – etwa für Ausgangsbeschränkungen – gibt es nicht. Warum?

Laumann: Kommunen über einer 200er-Inzidenz besprechen mit meinem Ministerium und dem Landeszentrum Gesundheit weitere Maßnahmen. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass es im harten Lockdown nicht viel mehr Möglichkeiten gibt, Dinge zu schließen. Wichtiger als die Ausgangssperren sind die Kontaktbeschränkungen. Mir ist es grundsätzlich erstmal egal, ob jemand abends um 21 Uhr spazieren geht. Wichtig ist dann nur, dass er die vorgegebenen Kontaktbeschränkungen einhält. Dort, wo die Kommunen Ausgangssperren für geboten halten, tragen wird das in der Regel mit.

Jetzt steht Weihnachten vor der Tür. Wäre Ihnen als Gesundheitsminister lieber, die Kirchen verzichteten auf die Gottesdienste?

Laumann: Ich habe keine Hinweise darauf, dass es größere Ausbrüche in den verantwortungsvoll durchgeführten Gottesdiensten gab. Mit Abstand und ohne Gesang kann das grundsätzlich auch an Weihnachten vertretbar sein. Aber älteren Menschen sollte man tatsächlich ans Herz legen, auf die Übertragungen im Internet, Fernsehen oder Radio auszuweichen.

 Wie sind Ihre Erwartungen an den 10. Januar?

Laumann: Stand heute sehe ich noch nicht, dass es am 10. Januar großartige Lockerungen geben kann. Wenn es anders kommen sollte, wäre das natürlich großartig. Und: Über Differenzierungen wird man reden müssen. Wir machen ja jetzt schon vieles anders.

Zum Beispiel?

Laumann: Besuchsverbote in den Alten- und Pflegeheimen wie im Frühjahr gibt es nicht und wird es mit mir auch nicht mehr geben. Dafür haben wir einfach inzwischen genug Erfahrungen, um einen angemessenen Schutz auch ohne solche Besuche sicherzustellen. Ich habe deshalb mit den Hilfsorganisationen darüber gesprochen, wie sie die Heime an Weihnachten mit Kräften zur Testung unterstützen können – das wird nicht an allen Heimen gelingen, aber beim überwiegenden Teil. Das schafft das dortige Personal sonst womöglich nicht allein. Wenn irgendwie möglich, muss jeder Besucher getestet werden. Ich unterschreibe allerdings auch keine Verordnung, in der steht: Wer nicht getestet ist, darf nicht zur Oma. Die Materialfrage ist gelöst. Wer sich gekümmert hat, hat Teste in den Heimen. Und wo es sie dennoch nicht gibt, tun es auch Schutzkleidung und FFP2-Maske für die Besucher.

Die Sterblichkeit aufgrund von Covid-19 ist aber insbesondere bei den Senioren hoch. Durch das Offenhalten der Heime nehmen Sie das Risiko eines Eintrags in Kauf. Wie lebt man damit?

Laumann: Meine schwerste Entscheidung im ersten Lockdown war es, die Heime über Monate abzuriegeln. Wir hatten einfach damals noch keine Schutzkonzepte, um die Lebensgefahren auszuschließen. Mir haben Pfarrer aber erzählt: „Karl-Josef, die Leute geben sich auf.“ Und wenn sich ein ganz alter Mensch aufgibt, weiß auch jeder, wo das endet. In NRW entscheidet kein Heimleiter, ob es einen Besuch gibt oder nicht. Das damit einhergehende Risiko muss vor Ort inzwischen beherrschbar sein. Die Situation ist ja auch eine andere als an Ostern: Wir haben Desinfektionsmittel, Schutzkittel, FFP2-Masken, Schnellteste, Hygiene und Besuchskonzepte.

Sorge bereitet auch die Lage in den Kliniken. Weltärztepräsident Montgomery hat der Politik vorgeworfen, sie ließe die Mediziner mit der Triage allein.

Laumann: Die Entscheidung können wir den Ärzten nicht abnehmen, aber wir können und werden alles dafür tun, dass die Mediziner in NRW diese Entscheidung nicht treffen müssen.

 Können Sie ausschließen, dass Intensivmediziner in Nordrhein-Westfalen Mediziner im Zuge von Covid-Erkrankungen bisher entsprechende Entscheidungen treffen mussten?

Laumann: Ich kann nicht in jedes Krankenhaus hineinschauen. Aber es gibt zurzeit in jedem Regierungsbezirk noch genügend freie Intensivbetten. Niemand muss von Köln nach Bielefeld geflogen werden, um einen Beatmungsplatz zu bekommen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Es wird enger in den Häusern. Es gibt Situationen, in denen die Krankenhausleitung Personal umschichtet und elektive Eingriffe verschiebt. Das hat aber nichts mit Triage zu tun. Nach meinem Kenntnisstand bekommt jeder, der in NRW eine intensivmedizinische Betreuung benötigt, sie auch. Wir haben ja auch noch Reserven: Uns bleiben noch die Reha-Kliniken, in die wir mit Patienten ohne Covid ausweichen könnten, wenn sich die Situation in zwei oder drei Wochen zuspitzen sollte. Die Pläne liegen vor.

Im Frühjahr gab es Engpässe beim medizinischen Material, wie sind die Krankenhäuser diesbezüglich jetzt aufgestellt? Sind die Lager voll?

Laumann: Medizinisches Material ist derzeit kein Problem.

Die Opposition spielt genüsslich den Fall van Laack. Hand aufs Herz: Das hätte besser laufen können.

Laumann: Das glaube ich nicht. Im Frühjahr hat die ganze Welt – und damit natürlich auch wir – händeringend medizinisches Material gesucht. Insgesamt standen uns dafür am Ende mit Zustimmung des Landtags rund 500 Millionen Euro zur Verfügung. Und das Schlimme war: Trotz des vielen Gelds war zunächst nichts zu bekommen. Anfang März habe ich mich mit den Textilverbänden in NRW getroffen und gefragt, wer uns helfen kann. Da haben sich dann einige auf den Weg gemacht. Dann war da auch der inzwischen weit bekannte 29. März: Da hat mich abends der Ministerpräsident angerufen und mir von seinem Kontakt zu van Laack erzählt, der über seinen Sohn kam. Und dann haben meine Leute mit dem Unternehmen Kontakt aufgenommen, um sich darüber zu informieren, was sie uns anbieten konnten. Am Ende kam dabei die Bestellung von Schutzkitteln heraus, die wir beim Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung haben testen lassen. Die haben gesagt, dass das Material für den Einsatz zum Schutz vor dem Coronavirus geeignet ist. Van Laack hatte zudem große Nähkapazitäten im Ausland und den Stoff. Das war ein solider Partner. Durch einen Runderlass des Bundeswirtschaftsministers durften wir in der Notlage auf die Ausschreibung verzichten. Da ist überhaupt nichts schlecht gelaufen.

Kommen wir zum Impfen. Gibt es einen Impfling null und ist das ein NRW-Bürger?

Laumann: Keine Ahnung. Das ist mir auch völlig egal. Wichtig ist, dass wir am 27. Dezember in allen 53 Kreisen und kreisfreien Städte startklar sind.

Wie groß ist Ihre Sorge, dass etwa radikale Impfgegner oder Kriminelle es gezielt auf die Impfzentren im Land abgesehen haben könnten?

Laumann: Ich glaube nicht, dass jemand Anschläge auf Impfzentren macht. Aber natürlich muss und wird unser Zentrallager in NRW vernünftig bewacht werden. Die Impfzentren wird die jeweilige Kreispolizeibehörde im Blick haben.